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11.06.15 / 15:00
Zahnmedizin

KFO-Artikel beschäftigt Arbeitsgericht

"Asymmetrien bei der Einschätzung des kieferorthopädischen Behandlungsbedarfs" lautet der Fachartikel, der Alexander Spassov nach eigener Aussage den Job gekostet haben soll - weil er darin den Nutzen für kieferorthopädische Therapien infrage stellt.



Thomas Hansen-Fotolia

"Dabei wird deutlich werden, dass die formalen Kriterien von Behandlung und Kostenübernahme, die tatsächliche Behandlungs- und Kostenerstattungspraxis, die Erwartungen derjenigen, die Behandlungsleistungen in Anspruch nehmen und der aktuelle Stand der Forschung zu erwartbaren Funktionsbeeinträchtigungen durch Zahnstellungsvariationen nicht zwanglos zu vereinbaren sind", so lautet die Kurzzusammenfassung des wissenschaftlichen Artikels, der anscheinend so viel Brisanz in sich trägt, dass er aktuell vor dem Arbeitsgericht Stralsund diskutiert wird. Auch Spiegel Online bringt das Thema in die breite Öffentlichkeit.

Alexander Spassov, bis September 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Poliklinik für Kieferorthopädie der Universitätsmedizin Greifswald, hat für diesen Artikel, erschienen am 4. März 2014 in "Ethik der Medizin", mit Kollegen internationale Forschungsergebnisse zusammengetragen, die zeigen, dass sich in "vielen Fällen keine (akuten oder potentiellen) gesundheitlichen oder essentiellen funktionellen Beeinträchtigungen und Risiken abweichender Zahnstellungen nachweisen lassen."

Arbeitsverhältnis "regulär beendet"

Spassov äußert die Vermutung, dass der Artikel der Grund dafür sei, dass er nicht mehr in der Poliklinik für Kieferorthopädie Greifswald arbeiten darf. Trotz laufender Lehrtätigkeit, angestrebter Habilitation und obwohl ihm eine Verlängerung "zumindest mündlich in Aussicht gestellt worden war", sagte er gegenüber Spiegel Online, sei sein bis zum 30. September 2014 befristeter Vertrag nicht verlängert worden. Er bewarb sich auf eine andere Stelle in der Poliklinik, wurde aber nicht berücksichtigt. 

Die Universität Greifswald teilte dagegen mit, das Arbeitsverhältnis sei mit Ablauf der Befristung "regulär beendet" worden. Weitere Angaben zur Person Spassovs wollte die Universitätsleitung wegen des laufenden Rechtsstreits nicht machen. Spassov wehrt sich vor dem Arbeitsgericht Stralsund gegen die Nichtberücksichtigung seiner Bewerbung. Eine Entscheidung wird Mitte Juni erwartet.


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Kommentare

Leserkommentare (3)

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Peter Wasiljeff
21.06.15 / 22:31
Unimedizin gewinnt Prozess vor Arbeitsgericht

www.ostsee-zeitung.de/Vorpommern/Greifswald/Unimedizin-gewinnt-Prozess-vor-Arbeitsgericht
Die Ausschreibung für einen Zahnarzt gedacht, der sich noch in der Weiterbildung befindet. Spassov allerdings ist bereits Facharzt und hat seine Weiterbildung beendet.

Es war schon immer üblich, dass Veröffentlichungen mit dem Lehrstuhlinhaber abgestimmt wurden. Eine Universitätsklinik hat auch die Aufgabe der Forschung, nicht nur Lehre und Patientenbehandlung. Die Forschungsprojekte werden vom Lehrstuhlinhaber koordiniert.
Zu meiner Zeit bekam man einen Fünfjahresvertrag, um zu habilitieren. Entweder man schaffte dies in der Zeit, oder man war einfach nicht gut genug und bekam keinen neuen Vertrag bzw. Vertragsverlängerung.
Oft wird bei Veröffentlichungen der Lehrstuhlinhaber mit als Autor aufgeführt, als Dankbarkeit für die Ausbildung, das Betreuen, die Ideen, die langjährige Erfahrung. Natürlich kann man auch schreiben, mein Chef hat keine Ahnung und verklagt ihn dann.


Michael Friedrich Tewes
21.06.15 / 19:07
Extremposition als Marketingaktion?

Nach einem Bericht der Ostseezeitung Greifswald hat Kollege Spassov seine Klage zurückgezogen, und plant die Niederlassung als Kieferorthopäde. Wir wünschen ihm und Kollegen Madsen weiterhin viel Erfolg in einem Beruf, dem die medizinische Relevanz nach eigenem Bekunden so weitgehend fehlt. Es wird doch nicht der schnöde Mammon locken? Ein Schuft wer Böses dabei denkt...


Henning Madsen
13.06.15 / 00:35
Lobby der ewig Gestrigen in der Kieferorthopädie

In der englischsprachigen Literatur ist es seit Jahren Konsens, dass der Hauptnutzen kieferorthopädischer Behandlungen ästhetischer Art ist, während gesundheitliche Nutzeffekte normalerweise eher nachrangig sind.
In der deutschen Kieferorthopädie wird dagegen ein skurriler Sonderweg verfochten, nachdem jegliche kieferorthopädische Behandlung stets medizinisch notwendig sei. So werden bis heute fast 50% jedes Jahrgangs mit einer exzessiven Behandlungsdauer von vier Jahren kieferorthopädisch behandelt, was ein Millionengeschäft ist.
Kein Wunder, dass eine immer aktive Lobby von Verbandsfunktionären und - rätselhafterweise - auch Hochschullehrern alles aus der deutschen Fachöffentlichkeit entfernt, was dem brillanten Geschäftsmodell entgegensteht. Der Fall Spassov ist eine gezielte Einschränkung von Freiheit der Wissenschaft und Forschung, die unwürdig und beschämend ist.

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