Dr. Hans-Werner Bertelsen
27.01.16 / 11:06
Zahnmedizin

Luxationswetter: Ein Fall für den Zahnarzt

Glatteis auf der Straße, ungeräumte Wege, rutschige Schuhsohlen: Ein 23-jähriger Student stürzte so unglücklich, dass er sich den oberen Frontzahn ausschlug.




Der Patient hatte Glück im Unglück: Er fand den Zahn im Schnee. Und wickelte ihn sorgfältig in ein Papiertaschentuch. Dann transportierte er ihn unter für das desmodontale Gewebe ungünstigen Bedingungen in die Praxis.

Der Zahn wurde zwei Stunden nach dem Unfall vital replantiert und semipermanent geschient. Die anschließende Abdrucknahme erfolgte unter allergrößter Sorgfalt. Die laborgefertigte Tiefziehschiene schließt die Bereiche der semipermanenten Schiene bis zum Schienenäquator mit ein. Was die Reanastomosierung der Gefäße und Nerven betrifft, ist der Behandler zuversichtlich, reagieren doch auch vital transplantierte Weisheitszähne nach einigen Wochen wieder auf Kältereize.

Dieser Fall wurde eingereicht von Dr. med. dent. Hans-Werner Bertelsen, Georg-Gröning-Str. 57, in 28209 Bremen.



Mehr zum Thema


Kommentare

Leserkommentare (6)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können
PD Dr. Yango Pohl
05.02.16 / 09:13
WF mit WSR - vor RI / nach RI und Begründung?

WF mit WSR: Vor oder nach RI - und warum?


Dr. Hans-Werner Bertelsen
04.02.16 / 16:19
Grüße nach Mexiko!

Die Kontakte in der unteren Front brauchen nicht entfernt werden, weil die Schienung ein okklusales Trauma verhindert. Bei der Schienung sind wir uns einig. Auch bei intentioneller Re-Implantation verwende ich diese Schienung. Mit besten Ergebnissen. Z.B. hier mit 16-Jahre follow-up: http://www.dr-bertelsen.de/documents/Intentionelle-Reimplantation-ds_6+7_2015_.pdf

Viele Grüße nach Mexiko!!!


Benjamin Cantú Guerra
04.02.16 / 02:57
Luxationswetter...

Ich hätte eine WF mit WSR als Therapie gewählt. Abradieren von antagonistischen Kontaktpunkten. Funktionelle Schiene für Nachts und Zwischenmahlzeiten. Semipermanente Schiene 8 Tage und ein Bericht ein Jahr später, aber nicht unmittelbar nach der OP.
Ein Gruß aus Mexiko City


PD Dr. Yango Pohl
02.02.16 / 22:39
Verzicht auf Tiefziehschiene 1 und Empfehlungen zur Schienung

Mit der Erfahrung von Hunderten von Re- und Transplantationsfällen: Eine Doppelabsicherung war nicht in einem einzigen Fall erforderlich. Vertrauen Sie der Adhäsivschiene. Allerdings sollten Sie keine Komposite als durchgehende Kunststoffarmierung verwenden: die frakturieren wegen ihrer sehr hohen Rigidität. Besser sind Materialien für Temporärfüllungen. Besser, Sie verlassen diese rigide Schienungstechnik und nutzen für die Traumatologie wie in den Leitlinien empfohlen Drahtbogen- oder extra entwickelte Spezialschienen, die lediglich kleine Fixationsflächen benötigen. Neben der vorteilhaften lediglich punktförmigen Schienenfixierung, die die für erfolgreiche funktionsgerechte Heilung (=Heilung mit Wiederherstellung der Verankerung über die parodontalen Fasern) notwendige Nicht-Rigidität sicherstellt, sind weitere Vorteile geringere Schädigung des Zahnschmelzes und sehr viel einfacheres Anbringen und Entfernen der Schiene.
Verzicht auf Tiefziehschiene 2 - Nachteile der Tiefziehschiene
Einmal abgesehen von den Kosten: Je rigider die Schiene, umso weniger Funktionsreize im heilenden Gewebe. Je weniger Funktionsreize, umso weniger Regeneration/funktionsgerechte Heilung, umso mehr Fehlheilung (Ankylose). Das gilt jedenfalls für Fälle mit berechtigten Aussichten auf Regeneration.
Transportbedingungen haben überragenden Einfluss auf die Prognose
"Auch ein Zahn, der nach zwei Tagen [.], konnte wieder replantiert werden." Ja, und? Dass Zähne auch nach noch längerer Zeit zurückgepflanzt werden können, das ist doch keine Frage. Entscheidend ist, was diese Zähne für eine Prognose haben. Und da gilt leider, dass die Prognose vom Heilungstyp abhängt (Infektion=50% Verlust in ersten 6 M., Ankylose =50% Verlust in ersten 5 Jahren, funkt. Heilg.=bisher keine Verluste, Beob. bisher bis 15 Jahre, Avulsion bei Pat. im Wachstum). In positiver Hinsicht wird der Heilungstyp fast ausschließlich durch die Transportbedingungen definiert, in ganz engen Grenzen durch spezielle Behandlung. Falschbehandlung (Zerstörung heilungrelevanter Gewebe d. iatrogene Schädigung bei inadäquater Fixierung, Infektion bei verzögerter Endo) kann den Faktor Transport natürlich überlagern... "Transportbedingungen sind Historie ...." ist wortwörtlich korrekt, die immanente Idee, die Transportbedingung wären irrelevant für die Behandlung, ist dagegen schlicht falsch.
Antibiotika sind umstritten - aber nicht bei der Revaskularisation
Es gibt durchaus widersprüchliche Angaben zum Einfluss von Antibiotika auf Heilung nach Zahntrauma. Wenn es aber um die Revaskularisation des Wurzelkanals geht, verdoppelt eine topische Antibiose die Chancen. Sagen zumindest die wenigen Studien, die es gibt zum Thema. Gegenteilige Mitteilungen sind mir bisher nicht bekannt. Da mir aber auch - in Abhängigkeit von der Wurzelreife - eine Revask.-Rate bis hinunter auf 1 von 5 (20%) nicht als vorhersagbare Therapie erscheinen mag und der Misserfolgsfall so drastische Folgen wie Frühverluste wegen infektionsbedingter Resorptionen, Apexifikation und sehr hohe Frakturraten mit sich bringt, nutze ich lieber die sofortige, extraorale Endo, dann gibt es keine Infektion im Endodont, keine infektionsbedingten Resorptionen, keine durch akute Beschwerden diktierten Frühverluste. Dann kann getrost auf Antibiotika verzichtet werden, es sei denn, man möchte das antiresorptive Potential der Tetrazykline für die parodontale Heilung nutzen...
Die Unart, nichts zu tun (Zitat Hubertus van Waes) - 1
"Eine WK 7 Tage nach RI? Schönen Dank... Da warten wir erst mal die knöcherne Konsolidierung ab und schauen dann weiter." Bitte nicht. Bereits nach vier Tagen sind histologisch die ersten infektionsbedingten Resorptionen etabliert. Sämtliche Studien zeigen unisono, dass die Zeit positiv korreliert ist mit dieser Heilungskatastrophe, die ihrerseits mit dem Verlust von Zähnen korreliert. Sieben Tage ist schon der Kompromiss, ist die Zeit, zu der man hofft, dass die infektionsbedingten Probleme noch nicht zu groß, die behandlungsbedingten Probleme (Austritt von im WK eingesetzten Substanzen [Spüllösung, temp. WF] aus dem For. apic. und Schädigung im apikalen Parodont, Complianceprobleme wg. Schmerzen bei früher Behandlung) nicht mehr so groß sind. Ich kann verstehen, dass Sie sich "bedanken" für das Ansinnen einer Endo kurz nach Replantation. Aber die Mikroorganismen lassen Ihnen keine andere Möglichkeit, mit jedem Tag sinkt die Prognose dieses Zahnes.
Die Unart, nichts zu tun (Zitat Hubertus vanWaes) - 2
Die aufkommenden infektionsbed. Entzündungen werden die erhoffte "knöcherne Konsolidierung" sicher verhindern. Wenn ich Sie schon nicht von einer umgehenden Endo überzeugen kann: Sie dokumentieren hier den weiteren Verlauf über 18 M/bis zum Verlust. Wir sagen von Rö zu Rö den weiteren Verlauf voraus. Liege ich öfter falsch, komme ich kostenfrei nach Bremen, gebe einen honorarfreien Zahntrauma-Vortrag von 1,5h und lade Sie dazu ein, Ihren Fall zu präsentieren. Liegen Sie öfter falsch, komme ich auch nach Bremen, Sie müssen sich meine Fortbildung über 4h vom ersten bis zum letzten Wort anhören, mir dafür ein übliches Honorar zahlen und 75% des Gewinns, den Sie ggf. mit der Veranstaltung erwirtschaften. Letzterer wird transparent für Forschung zum Zahntrauma verwendet. Einstieg: www.zm-online.de/hefte/Dislokationsverletzungen-bleibender-Zaehne_24542.html#1 Interessierte: www.zahnunfall.de Hardcore: www.researchgate.net/profile/Yango_Pohl
Beste Grüße Yango Pohl


Dr. Hans-Werner Bertelsen
01.02.16 / 17:08
Verzicht auf Tiefziehschiene?

Auf eine Tiefziehschiene würde ich in einem solchen Fall keinesfalls verzichten. Doppelt hält sicherer. Die Schiene ist bis in den Äquator der SÄT-Schiene extendiert und bietet so den optimalen Schutz vor extraaxiale Kräften. Transportbedingungen sind Historie, wenn der Patient im Behandlungsstuhl sitzt. Auch ein Zahn, der nach zwei Tagen im Dreck eines Spielplatzes gefunden wurde, konnte wieder replantiert werden. Antibiotika verschlechtern jede Wundheilung. Daher kommen bei mir weder bei intentionellen RI, Vital-RI und auch bei Vital-Transplantationen (8er) niemals Antibiotika zum Einsatz. Zu LZ-Erfolgen bei intentioneller RI: http://www.dr-bertelsen.de/documents/Intentionelle-Reimplantation-ds_6+7_2015_.pdf

Eine WK 7 Tage nach RI? Schönen Dank...
Da warten wir erst mal die knöcherne Konsolidierung ab und schauen dann weiter.

Viele Grüße aus Bremen!


PD Dr. Yango Pohl
29.01.16 / 07:16
Empfehlungen: -/+ bin (nicht) einverstanden

+ Glück gehabt - RI ist idR. beste Therapie
+ ungünstiger Transport
- vital replantiert nach 2h im austrocknenden Taschentuch? Nach max. 5 Min. evtl. noch 50:50-Chance auf ausreichend viele vitale Zellen für funktionelle Einheilung.
- Reanastomosierung auch unter optimalen Bedingungen (wurzelunreifer Zahn) höchst unwahrsch., Neueinsprossen von Gefäßen (Revaskularisation), später auch Nerven. Wahrscheinlichkeit nach Avulsion gering, Zwischenlagerung in antibiotikahaltiger Lösung.
- Am wurzelreifen Zahn Revaskularisation ausgeschlossen, WK zwingend erforderlich, nach meiner Ansicht am besten vor Replantation, allerspätestens aber 7-10 Tage nach RI
- Weichgewebswunden unbedingt versorgen
- Tiefziehschiene völlig unnötig
- starre Schiene bei erwarteter funktionsgerechter Heilung ("vital replantiert") nicht indiziert
+ Schiene gingivafern, hygienefähig
- das Restdesmodont bitte nicht durch Halteinstrumente zusätzlich schädigen, an der Krone fixieren