Daniel Schneider, Matthias Hennig, Reinhard Bschorer
19.10.16 / 09:47
Zahnmedizin

Parodontal akzelerierte osteogenetische Orthodontie

Der vorliegende Fall einer jungen Patientin beschreibt das klinische Verfahren der parodontal akzelerierten osteogenetischen Orthodontie (PAOO) zur Lückenöffnung vor Implantation sowie Dysgnathiechirurgie.




Eine 20-jährige Patientin stellte sich erstmalig zur Implantat- und Distraktionsberatung in unserer Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie vor. Diagnostisch lagen eine mandibuläre Retrognathie, retinierte und verlagerte Zähne 18, 28, 38 und 48, ein Zapfenzahn 12, ein fehlender Zahn in regio 022, eine Mittellinienverschiebung und ein Engstand der Oberkieferfront vor (Abbildungen 1a bis d). Im Rahmen der klinischen Untersuchung und basierend auf dem Auswertungsergebnis der Digitalen Volumentomografie (DVT) führten wir bei der Patientin im Hinblick möglicher therapeutischer Maßnahmen eine differenzial-therapeutische Beratung durch.

Diagnose und Therapie

Klinisch als auch radiologisch lag eine konvergierende Wurzelstellung der Zähne 21 und 23 vor. Eine unkomplizierte implantatprothetische Versorgung der Lücke 022, das heißt ohne Verletzung der benachbarten angulierten Zähne, erschien nicht möglich. Die Schwierigkeit bestand darin, die Lücke 022 durch körperliche Bewegung der Zähne zu öffnen, was sich bislang mittels festsitzender Apparatur als frustran erwiesen hatte. Der Patientin wurde aufgrund der vorliegenden Diagnose eine parodontal akzelerierte osteogenetische Orthodontie (PAOO) im Bereich des linken Oberkiefers empfohlen.

Darüber hinaus wünschte sich die Patientin, auch die Lücke mit dem Zapfenzahn 12 zu öffnen, damit weitere Korrekturen aus ästhetischen Gründen durchgeführt werden konnten. Auf den Zapfenzahn 12 sollte eine entsprechend größere Krone gesetzt werden oder gegebenenfalls eine Extraktion und eine Implantation erfolgen. Wir stellten der Patientin frei, auch dort das PAOO-Verfahren einzusetzen. Die Durchführung beider Korrekturen erschien in Vollnarkose und mit gleichzeitiger Entfernung der Weisheitszähne indiziert.

Die mit der Patientin abgestimmte Therapie wurde in engem interdisziplinären Kontakt mit dem Hauszahnarzt sowie einem kieferorthopädischen Kollegen geplant und begonnen. Um die Zähne stabil bewegen zu können, wurden in der präoperativen Phase die Brackets der festsitzenden kieferorthopädischen Apparatur geklebt. Nach einer Woche wurde der zur Aktivierung erforderliche Drahtbogen postoperativ eingesetzt.

Die Operationsmethode

Fallbezogen stellte sich die PAAO wie folgt dar: Vestibuläre paramarginale Schnittführung von regio 14 nach regio 24 des Oberkiefers sowie palatinal etwa 2 mm unterhalb des Gingivalsaums. Subperiostale Präparation eines Mukoperiostlappens. Vertikale und horizontale Kortikotomie mit dem Mectron- PiezonSurgery® Gerät aller Zahnfächer.

Des Weiteren erfolgten kortikale Punktbohrungen und die Entnahme eines knöchernen Kortikalis-Dreiecks im Bereich des linken Oberkiefers. Unter Schonung des Nervus inzisivus wurde eine entsprechende Kortikotomie ebenso palatinal angewandt. Dann erfolgte die Auffüllung des vestibulären und palatinalen subperiostalen Raums der Kortikotomiespalten mit Eigenblut getränktem synthetischen Knochenersatzmaterial NanoBone®. Für den abschließenden speicheldichten Wundverschluss wurde monophiles Nahtmaterial 5-0 verwendet.

Nach Abschluss der operativen Versorgung begann am siebten postoperativen Tag die eigentliche orthodontische Phase. Etwa fünf Monate später wurden nach Lückenöffnung die Implantate regio 12 und 22 inseriert und die Distraktionsosteogenese des Unterkiefers durchgeführt. Eine direkte prothetische Versorgung des Zapfenzahns 12 war nicht möglich - auch hier erfolgte die Implantatinseration. Im weiteren Behandlungsverlauf wurden die Distraktoren nach zirka sechs Monaten entfernt sowie beide Implantate in üblicher Art und Weise freigelegt und prothetisch versorgt.

Heute, nach zirka eineinhalb Jahren, zeigt sich die Patientin mit der funktionellen und ästhetischen Verbesserung durch die operativen Eingriffe äußerst zufrieden. Sie befindet sich weiterhin in engmaschiger zahnärztlicher/kieferorthopädischer Kontrolle sowie in regelmäßigen Zeitabständen in kieferchirurgischer Nachsorge (Abbildungen 2a bis c).


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