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11.08.17 / 11:51
Zahnmedizin

Prothese: Im Rollstuhl wegen Haftcreme

Kupfermangel-Myeloneuropathie: Nachdem er 15 Jahre jede Woche zwei bis vier Tuben Haftcreme für seine Prothese verbraucht hatte, konnte ein 62-jähriger Mann nicht mehr laufen. Er sitzt jetzt im Rollstuhl.



Eine hochdosierte Zinkzufuhr kann den Kupferhaushalt beeinträchtigen: In diesem Fall führte die Langzeitverwendung einer Prothesenhaftcreme zu irreversiblen Schäden. Fotolia_O.K.

Der Fall

Ein 62-jähriger Mann berichtete über Verluste der Sensorik, Gleichgewichtsstörungen und eine zunehmende Schwäche, seine unteren Gliedmaßen kontrollieren. Er litt unter Parästhesien sowie Taubheitsgefühlen und fühlte sich zunehmend schwach auf den Beinen

Er verspürte auch ein leichtes Kribbeln in seinen Händen, konnte aber noch mit normaler Kraft zupacken. Der Patient raucht nach eigenen Angaben schon sein ganzes Leben lang 10 bis 20 Zigaretten pro Tag und trinkt minimal Alkohol. In seiner Familie gibt es viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bis er vor 14 Monaten in Rente ging, arbeitete als Mechaniker.

Bekannt ist eine periphere arterielle Erkrankung, jüngst wurde er aufgrund einer Anämie durch Folsäuremangel behandelt. Regelmäßig nimmt er Aspirin, Ramipril, Simvastatin und seit einem Monat auch Folsäure ein. Seit mehr als 15 Jahren kauft er pro Woche zwei bis vier Tuben Fixodent, eine Haftcreme für schlechtsitzende Prothesen, die etwa 17 mg / g Zink enthält. Zudem bemerkte er einen Gewichtsverlust von etwa 6 kg ohne dass er an Appetitlosigkeit leiden würde.

Im Laufe von 6 Monaten waren die Beschwerden so weit fortgeschritten, dass er am Ende er nicht einmal mithilfe eines Spazierstock gehen konnte. Als er in neurologische Klinik eingeliefert wurde, konnte er aus eigenen Stücken die Wohnung nicht mehr verlassen.

Diagnose

Die Ärzte stellten bei ihm eine Schwäche der unteren Gliedmaßen samt Muskulatur sowie ein Verlust des Körpergefühls fest. Eine Serum-Analyse ergab reduzierte Caeruloplasmin- und Kupferwerte bei gleichzeitig erhöhten Zinkwerten. Das MRT der Wirbelsäule zeigte subtile Veränderungen an der Columna dorsalis und ein geschädigtes Rückenmark.

Nach einigen zusätzliche Untersuchungen wurde eine Kupfermangel-Myeloneuropathie diagnostiziert, die auf die chronische Verwendung einer zinkhaltigen Prothesenhaftcreme zurückzuführen ist. Die Haftcreme wurde abgesetzt und ein Kupfer-ergänzendes Präparat verschrieben. Doch selbst mithilfe einer zusätzlich verordneten intensiven Physiotherapie konnten die Symptome nicht beseitigt werden: Der Patient bleibt Rollstuhlfahrer, obwohl er durchaus Fortschritte macht. Den Ärzten zufolge hätten eine frühere Befundung und Behandlung der Hyperzincämie-induzierten Hypokupraämie die irreversiblen neurologisches Schäden eventuell verhindern können.

Im vorliegenden Fall vermuten die Ärzte, dass die steigende Dosierung der Haftcreme zur Fixierung der schlechtsitzenden Zahnprothese zu der Hypokupraämie führte. Der Patient hatte eine Haftcreme benutzt, die etwa 17 mg / g Zink enthält, wobei die Produktbeilage ausdrücklich anwies, die tägliche Menge von 1,25 g pro Tag nicht zu überschreiten. Eine Tube sollte laut Hersteller ausreichend sein für 4 Wochen, mehr sollte man keinesfalls verwenden, außerdem wurde geraten, einen zu Arzt konsultieren, wenn andere Zink-haltige Produkte verwendet werden.

Indem der Patient die Haftcreme zwei bis viermal am Tag verwendete, was zu einem Verbrauch von ein bis zwei Röhrchen pro Woche führte, hatte er die empfohlene Dosierung um das 4 bis 8-Fache überschritten. In Großbritannien sind derzeit sowohl Zink-haltige als auch Zink-freie dentale Haftcremes frei im Handel erhältlich.

Hintergrund

Kupfermangel-Myelopathie (CDM) ist eine fortschreitende Myelopathie, die  sofort erkannt werden muss, um oftmals irreversible neurologische Schäden zu verhindern. Hypokupraämie ist mit einer Myelopathie klinisch und radiologisch vergleichbar einem B12-Mangel assoziiert. Sie führt zu fortschreitenden Spastiken der unteren Extremitäten und zu einem propriozeptiven und sensorischen Verlust, der einer Myelopathie des Rückenmarks entspricht. Frühere Berichte heben die Assoziation zwischen CDM und Hyperzincaämie hervor.

Die Therapie setzt auf den Abbau des Zinküberschusses und eine Kupferergänzung. Wichtig ist, dass bei verzögerter Diagnose irreversible neurologische Symptome auftreten können. Ärzte, die ein dorsales Säulensyndrom vermuten, sollten auch auf Hypokupraämie prüfen. Patienten mit behandelter CDM zeigten variable Anzeichen neurologischer Erholung, in den meisten Fällen kommen die Beschwerden zu einem Stillstand.

Liam Stuart Carroll, Azmil H Abdul-Rahim, Rosanne Murray, Zinc containing dental fixative causing copper deficiency myelopathy, BMJ Case Rep 2017. doi:10.1136/bcr-2017-219802


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