Hanna Hergt
04.05.15 / 16:35
Zahnmedizin

So spielt die Industrie die Zuckergefahr herunter

Die Industrie versucht seit Jahrzehnten, die gesundheitlichen Folgen des Zuckerkonsums zu verharmlosen. Um den Absatz von Schokolade und Limonaden zu steigern, spannt sie auch die Forschung für sich ein. Was Wissenschaftler, Politiker und Verbraucher dagegen tun können.



Zucker ist einfach nur "Wow" - meint die Industrie und veröffentlicht dubiose Studien, die diese These scheinbar bestätigen. zm-km-catherinecml-studiostoks-fotolia

„Kakao hält Kopf und Zähne fit“ - mit dieser ungewöhnlichen Botschaft überraschten jüngst ein Ernährungswissenschaftler und ein Zahnmediziner auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Ersterer hatte in einer Studie mit Grundschülern herausgefunden: Das süße Milchgetränk verbesserte die Leistungsfähigkeit der Kinder signifikant - im Gegensatz zu Obst und Gemüse oder Studentenfutter.

Die Tricksereien der Studienautoren

Allerdings hatte auch ein ausgewogenes Frühstück (Vollkornbrot mit Käse oder Geflügelwurst, Obst und Gemüse, Milch oder Schokomilch, Mineralwasser) eine ebenso positive Wirkung auf die mentale Fitness der Schüler wie der Schokotrunk. Doch die Empfehlung des Ernährungsexperten war eindeutig: Das Angebot von Kakao sei an Grundschulen zu bevorzugen. Schützenhilfe bekam er von dem Zahnmediziner, der nachwies: Ein Frühstück mit Kakao ist nicht kariogener als eins mit Mineralwasser.

Nun ist die Studie allerdings nicht publiziert. Doch bereits die Zusammenfassung für die Presse wirft mindestens Fragen auf: Warum wurde nicht die Kariogenität allein von Kakao geprüft? Und warum testete der Ernährungswissenschaftler nicht neben Kakao auch Milch pur? Schließlich widerspricht der Kakao den „Qualitätsstandards für die Schulverpflegung“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DEG). Diese empfiehlt für die Pausenverpflegung in der Schule Milch oder selbstgemachte ungesüßte Milchgetränke.

Wenn der Partner Landliebe heißt

Eine mögliche Antwort findet sich auf einem Service-Portal, das mehr Milchgetränke an die Schulen bringen möchte. Dort ist zu lesen: „Kakao verbessert Schulnoten“ - und besagter Gesundheitswissenschaftler erläutert, dass Kakao vergleichsweise wenig Industriezucker enthalte und aufgrund seiner Zusammensetzung die Konzentration bei Kindern sogar besser als Milch pur fördere.

Partner des Portals ist das Unternehmen CampinaFriesland Germany, das mit seiner Marke Landliebe der bundesweit größte Schulmilchlieferant ist. Das Unternehmen beklagt auf der Webseite, dass Eltern und Politik den zuckerhaltigen Trunk aus den Schulen verdrängten - aber sich mit Milch alleine eine Vermarktung dort nicht lohne.


Mehr zum Thema


Kommentare

Leserkommentare (2)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können
Dr. Hans-Werner Bertelsen
19.05.15 / 16:04
Softdrinks und die Folgen

Ein junger Kollege war kürzlich in Tansania und war schockiert über die Omnipräsenz von schwarzer Brause. Nur wenige Schmerzgepeinigte können sich eine Behandlung in Tansania leisten. Eine Füllung kostet umgerechnet 5 Euro, die Endo unerschwingliche 35 Euro. Dagegen ist die Extraktion schon für 2 Euro zu bekommen.

Trinkwasser kostet doppelt soviel wie schwarze Brause.

Hier sein Bericht: http://www.weser-kurier.de/bremen_artikel,-Ein-Bremer-in-Tansania-_arid,1125803.html


Dr. Hans-Werner Bertelsen
19.05.15 / 16:02
Deutliche Worte

Danke für den sehr guten und aufschlussreichen Artikel. Danke für die deutlichen Worte aus Marburg und Aachen! Wenn jetzt diese Erkenntnisse auch der Allgemeinheit mitgeteilt würden, dann wird es spannend. Aber ich bin skeptisch - es geht um Werbekunden, die ihre Macht mittels Werbeaufträgen ausüben.

Wir tragen als Zahnärzte eine sehr große Verantwortung. Wir können täglich sehen, was Softdrinks in den Approximalräumen der Zähne anrichten. Wir können sehen, dass immer mehr Kinder unter einer diabetischen Stoffwechsellage und zunehmend unter einer Fettleber leiden (siehe Bericht profil: "Leberkrankheiten entwickeln sich zu einer neuen Epidemie").

Wir sollten verantwortlich sein und das tun, was wir täglich von unseren Patienten verlangen:
Den Mund aufmachen!

Werblicher Inhalt