Ruth Santamaría
13.06.17 / 09:27
Zahnmedizin

Therapiealternativen bei kariösen Milchmolaren (1)

Die Hall-Technik, eine moderne Kariestherapieoption ohne "vollständige Kariesexkavation", eignet sich besonders bei unkooperativen Kindern, wie der hier präsentierte Fall einer fünfjährigen Patientin zeigt.




Bei dem hier vorgestellten Fall wurde die Hall-Technik als Therapiealternative zur Füllung an einem mehrflächig kariösen Milchmolaren angewandt wurde. Das Besondere an der Hall-Technik ist, dass der kariöse Zahn dabei ohne vorherige Zahnpräparation und ohne Kariesexkavation mit einer Stahlkrone versorgt wird.

Der Fall: Ein fünfjähriges Mädchen mit mangelhafter Compliance

Ein fünfjähriges Mädchen stellte sich mit seiner Mutter in der Abteilung für Präventive Zahnmedizin & Kinderzahnheilkunde des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universitätsmedizin Greifswald vor, nachdem es bei vorherigen Zahnarztbesuchen alio loco nach einer negativen Zahnerfahrung aufgrund von einer Füllung an Zahn 84 die weitere Mitarbeit verweigert hatte. Laut Aussagen der Mutter hat das Kind nie Zahnschmerzen gehabt, jetzt jedoch große Angst vor Spritzen und Bohrern. Es lagen keine für die Behandlung relevanten Allgemeinerkrankungen vor.

Aufgrund der Angst des Kindes wurden bei den ersten Terminen einfache Prozeduren, wie die klinische Untersuchung, ein Anfärben der Zähne und Zähneputzen, durchgeführt, damit eine sukzessive Gewöhnung beziehungsweise Desensibilisierung des Kindes an die zahnärztliche Behandlung erfolgen konnte.

Klinischer und röntgenologischer Befund

Die klinische Untersuchung des Mundraums zeigte eine gesunde Mundschleimhaut, eine gesunde Zunge und ein vollständiges jedoch kariöses Milchgebiss:

  • caries media (ICDAS 5) an den Zähnen 64 (okklusale und distale Fläche, Abb. 1a) und 75 (okklusal)
  • eine insuffiziente Füllung an 84 (okklusale und distale Fläche)
  • weitere nicht kavitierte Läsionen an 75, 85 und an den Oberkiefer-Frontzähnen (bukkale Fläche; ICDAS 2), die als inaktiv eingestuft wurden.

 Alle Approximalflächen wurden mittels der faseroptischen Translumination (FOTI) untersucht, ohne Hinweis auf weitere approximale Dentinläsionen. Röntgenologisch war bei dem Zahn 64 keine pulpale Beteiligung sowie eine Dentinbrücke zwischen der kariösen Läsion und der Pulpa sichtbar (Abb. 1b). Die Schmerzanamnese und die Perkussion für Zahn 64 waren ebenfalls negativ. Zahn 74 zeigt eine periapikale und interradikuläre Radioluzenz, was aufgrund der erkennbaren pulpalen Beteiligung die Hall-Technik explizit ausschließt.

Die Kooperation des Kindes für eine invasive Behandlung wurde beim Erstbesuch als niedrig eingestuft (Frankl-Skala „negativ“: Behandlungsverweigerung/unkooperativ). Der erste Termin zur Desensibilisierung erfolgte auf dem Schoß der Mutter.

Kariesrisikobewertung

Die Mutter berichtete, dass das Kind gelegentlich gesüßte Getränke trinkt und seine Zähne in der Regel 1- bis 2-mal täglich mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm) putzt. Das Zähneputzen werde unregelmäßig von den Eltern kontrolliert.

Klinisch zeigte sich nach Anfärben eine mäßige bis gute Mundhygiene. Aufgrund der Karieserfahrung wurde eine aktuell hohe Kariesaktivität diagnostiziert. Ein Nachputzen durch die Eltern wurde instruiert und eine erhöhte Fluoridnutzung auf 2x täglich Juniorzahnpasta (>1000ppm Fluorid) [Walsh et al., 2010] zur häuslichen non-invasiven Kariestherapie empfohlen. 


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