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25.01.17 / 11:24
Zahnmedizin

Unfassbar: IQWiG-Vorbericht zu Parodontitistherapien

"Nur bei zwei Ansätzen zeigen Studien Vorteile." Der Vorbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu Vor- und Nachteilen der verschiedenen Parodontitisbehandlungen löst in der zahnmedizinischen Fachwelt Kopfschütteln aus.



Mangelnde Evidenz bei Parodontitisbehandlungen? Nur zwei aller Studien verwertbar? Der IQWiG-Vorbericht zu Parodontitistherapien sorgt in der zahnmedizinischen Fachwelt für Kopfschütteln. [M]zm-mg / popovj2 - Fotolia / Darchinger / DG Paro / IQWiG

Wie die Autoren in dem gestern veröffentlichten Vorbericht schreiben, gibt es eine Vielzahl von Parodontitisbehandlungen, aber nur  zwei von allen Therapien attestiert das IQWiG Studiendaten, die einen Anhaltspunkt für einen - höheren - Nutzen zeigen können. Zwar gebe es zahlreiche Studien zu Parodontopathien, doch nur ein kleiner Teil von ihnen sei für die Nutzenbewertung verwertbar.

Aussagekräftige Studiendaten, die relevante Unterschiede in den Behandlungsergebnissen zeigten, gebe es demnach nur zur geschlossenen mechanischen Therapie (GMT) und zu einem individuell angepassten Mundhygiene-Schulungsprogramm. "Der Forschungsbedarf ist also weiterhin hoch", schreiben die Wissenschaftler des Instituts.

Der KZBV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Eßer reagierte mit "ungläubigem Erstaunen" auf die Ergebnisse: "Es ist unglaublich, dass das IQWiG nahezu keine Aussage zum Nutzen der Parodontalbehandlung in Deutschland macht", sagte er. "Wer Versorgungsformen, die weltweit auf wissenschaftlicher Erkenntnislage angewendet werden, mit einem Federstrich den Nutzen abspricht, muss sich fragen lassen, ob seine Methoden zur Nutzenbewertung von Arzneimitteln auch auf nicht medikamentöse Therapieformen in Human- und Zahnmedizin angewendet werden können."

"Weltweit anerkannte Therapieformen werden in Deutschland infrage gestellt!

Eßers zentrale Kritik: Mit seiner starren Methodik schließe das IQWiG zahlreiche international anerkannte Studienergebnisse bei der Bewertung aus und lasse sie gänzlich unberücksichtigt. "Weltweit anerkannte Therapieformen werden damit für die Versorgung in Deutschland infrage gestellt. Das ist ein Bärendienst für unsere Patienten!"

Auch die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie e.V. (DG PARO) widersprach der Bewertung des IQWiG, dass für international seit vielen Jahren zum Behandlungsstandard zählende Verfahren keine Aussagen zu Nutzen beziehungsweise Schaden getroffen werden könnten: Es gebe wenige Bereiche in der Zahnmedizin, die so gut wissenschaftlich abgesichert sind wie die parodontale Therapie, stellte ihr Präsident Prof. Dr. Christof Dörfer klar. "Wenn allerdings - wie durch das IQWiG geschehen - die Einschlusskriterien schärfer sind als bei den international höchsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen, dann fallen relevante Studien zu Unrecht aus einer möglichen Bewertung heraus."

"Damit pervertiert man den Evidenzbegriff!"

Evidenzbasierte Zahnmedizin bedeute, dass die bestverfügbare Evidenz als Grundlage für Entscheidungen herangezogen wird. "Ersetzt man ‚bestverfügbar‘ durch ‚bestmöglich‘, pervertiert man den Evidenzbegriff", erklärte Dörfer. "Ignoriert man die bestverfügbare Evidenz, macht man sich nicht nur international lächerlich, man lässt auch die unzähligen seit Jahrzehnten erfolgreich behandelten Patienten unberücksichtigt." In zahlreichen systematischen Übersichtsarbeiten habe man weltweit die Effektivität der systematischen Parodontitistherapie einschließlich einer lebenslangen unterstützenden Nachsorge konsentiert. "Wer die bestverfügbare Evidenz mit Zahlenspielen negiert, pervertiert den Evidenzbegriff!"

Bis zum 21. Februar nimmt das IQWiG Stellungnahmen zum Vorbericht entgegen.


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