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27.04.17 / 13:20
Zahnmedizin

Zähne und Lebensqualität von Senioren

Allein 2016 haben sich Zahnärzte insgesamt 902.000-mal auf den Weg gemacht, um alte und behinderte Menschen im Heim oder zu Hause zu behandeln. Eine bayerische Studie hat die Mundgesundheit der Senioren und ihre Lebenssituation anhand von Fallbeispielen untersucht.




Die meisten alten Menschen leben der Studie "Mundgesundheit und Lebensqualität mobilitätsbeeinträchtiger betreuungsbedürftiger Menschen in häuslicher und stationärer Versorgung"* zufolge alleine: Über die Hälfte der Befragten (60,2 Prozent) leben schon sehr lange allein, knapp 10 Prozent sind erst seit etwa einem Jahr alleinstehend. Das andere Drittel wohnt mit einem Lebenspartner zusammen. Unterschiede zeigen sich hier vor allem nach den Einrichtungstypen. Patienten in Privathaushalten leben noch zu über 50 Prozent mit ihrem Partner in einem Haushalt.

Alleinleben als Lebensform

In den Heimen fällt der hohe Anteil der Alleinlebenden besonders auf (82 Prozent Alleinlebende im Heim, 38 Prozent in Privathaushalten) (siehe Tab. 25). Dabei zeigt sich, dass vor allem Männer mit ihrer Lebenspartnerin oder mit Familienangehörigen zusammenleben (38,1 Prozent) bei den Frauen sind es lediglich ein Viertel (25,9 Prozent). Frauen leben auch schon länger (mehr als ein Jahr) allein als Männer (64,2 Prozent w. und 52,4 Prozent m.).

Beim Altersvergleich fällt vor allem der Anteil der Hochaltrigen über 90-Jährigen ins Auge, die am häufigsten alleine leben (etwa 81 Prozent), bei den anderen Altersgruppen liegt dieser Anteil bei 66 bis 69 Prozent. Die Hochaltrigen leben am wenigsten mit anderen Menschen oder einem Partner zusammen (19,2 Prozent der über 90-Jährigen, 33,9 Prozent bei den 80- bis 89-Jährigen, 33,3 Prozent bei den 70- bis 79-Jährigen).

Die meisten Befragten haben noch Bezugspersonen (98,4 Prozent). Bei den Patienten im Privathaushalt gab jeder Befragte an, jemanden zu haben, auf den er sich verlassen kann. In den Heimen sind es 97 Prozent. Ein Großteil - etwa drei Viertel - sieht seine Bezugspersonen mehrmals täglich oder mehrmals in der Woche (21 Prozent). Nur wenige Patienten erhalten kaum Besuche durch Personen, die ihnen nahe stehen (siehe Tab. 26).

Die Befragten bezeichneten die Beziehungen zu den Bezugspersonen überwiegend als harmonisch (alle 94,2 Prozent). Ausnahmen bilden hier nur 10 Prozent der Patienten in den Heimen, die ihr Verhältnis als konfliktbeladen betrachten. Bei den Patienten im Privathaushalt bewerteten lediglich 1,6 Prozent ihr Verhältnis zu nahestehenden Personen als konfliktbeladen. Neue Kontakte entwickeln sich seltener: So gaben 78 Prozent an, dass es keine Veränderungen gegeben habe (Heime 74 Prozent, Privathaushalte 82 Prozent).

Ein Teil der Patienten verlässt ihre Wohnung beziehungsweise ihr. Zimmer (fast) nie (8,2 Prozent): Insgesamt 4,1 Prozent der Heimbewohner und 12 Prozent der Senioren aus Privathaushalten. Alle andern verlassen täglich oder ein- bis zweimal wöchentlich ihre Wohnung oder ihr Zimmer. Im Verlauf der Studie erhöhte sich der Anteil derjenigen, die fast nie aus ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer gehen, auf 21 Prozent, wobei der Anteil bei den Privathaushalten bei 30,6 Prozent liegt und in den Heimen bei 12,2 Prozent (siehe Tab. 27). Das Verlassen der Wohnung geschieht nun noch seltener: ein- bis zweimal die Woche oder einmal die Woche. Die Abnahme der Mobilität im Heim verläuft etwas moderater als in den Privathaushalten.

Fallbeispiel 1

Die Patientin lebt in einer kleinen Gemeinde im Main-Spessart-Kreis in ihrem eigenen Haus. Das Haus hat keine Stufen und die Wohnung liegt im Erdgeschoss und ist barrierefrei erreichbar. Die Frau ist 87 Jahre alt und multimorbid. Sie leidet an einer Herzerkrankung, Diabetes, Epilepsie, Gicht und an einer Demenzerkrankung im mittleren Stadium.

Sie ist nicht mehr in der Lage für sich selbst zu sorgen, die Körperpflege und das Anziehen muss durch andere Personen geschehen. In ihrer Wohnung kann sie sich mit einem Rollator fortbewegen. Sie ist verwitwet, hat aber neun Kinder und 32 Enkelkinder. Ihr Ehemann ist vor einem Jahr verstorben. Sie erinnert sich noch immer an ihn. Nach dem Tod ihres Mannes kümmern sich besonders vier ihrer Kinder, die in der Nähe wohnen, um sie. Die Kinder teilen sich die Aufgaben, so dass immer jemand für sie da ist. Da die Kinder sich ablösen, ist auch nachts immer jemand in ihrer Nähe. Des Weiteren wird sie durch einen ambulanten Dienst versorgt.

Die Patientin verfügt über ein gut ausgebautes soziales Netz, das ihr die Betreuung und Versorgung sichert, da der familiäre Zusammenhalt sehr stark ist. Dies Beispiel zeigt eine sehr gute Aufgabenteilung, die keinen der Angehörigen überfordert.

Die ambulante hauszahnärztliche Versorgung stellt darüber hinaus einen weiteren Baustein im sozialen Netz der Patientin dar. Die Behandlung wird auf einem normalen Stuhl mit Armlehne durchgeführt (ID 33).

Pflegearrangement: 4 Kinder (in der Nähe wohnend) abwechselnd - ambulanter Dienst - Schwiegerkinder

Fallbeispiel 2

Der zweite Patient wohnt in einer Stadt im Main-Spessart-Kreis in seinem Haus, in dem er schon sehr lange lebt. Seine Frau ist schon vor sehr langer Zeit gestorben. Der Befragte ist 90 Jahre alt und hat zwei Kinder, die in einem anderen Bundesland leben. Durch seine Krankheit ist er sehr eingeschränkt und nicht mehr in der Lage, Treppen zu steigen. Sein Haus liegt an einer Hanglage und hat sehr viele Stufen, weshalb er es schon seit Jahren nicht mehr verlasse hat. Auch innerhalb der Wohnung kann er sich nur mit einem Stock fortbewegen.

Er schätzt seinen Gesundheitszustand auch als sehr schlecht ein, obwohl er noch für sich selbst sorgen kann. Täglich wird er über einen ambulanten Pflegedienst versorgt. Ein in der Nähe wohnender Freund besucht ihn und ist auch für ihn erreichbar. Der Patient möchte in seinem Haus bleiben und hier nicht wegziehen, hat aber nur ein sehr dünn ausgeprägtes soziales Netz, das sehr schnell brüchig werden kann. Die Behandlung erfolgte auf einem normalen Stuhl (ID 35).

Pflegearrangement: Ambulanter Dienst - Freund

Fallbeispiel 3

Auch der dritte Patient im Main-Spessart-Kreis zu Hause. Er lebt in einem kleinen Ort in seinem Haus mit Ehefrau. Nach einem Schlaganfall ist er sehr stark eingeschränkt und kann die Wohnung nicht mehr verlassen. Er ist 89 Jahre alt. Das Ehepaar hat zwei Kinder, zu denen sie aber keinen Kontakt mehr haben. Beide wohnen im Obergeschoss des Hauses, zu dem eine sehr steile enge Treppe mit vielen Stufen mit sehr schmalen Absätzen führt. Der Patient braucht Unterstützung beim Anziehen und Waschen, auch das Gehen in der Wohnung bereitet ihm Probleme.

Die Ehefrau ist durch die Begleitung und Betreuung stark belastet, da sie 24 Stunden zur Verfügung steht und keinerlei Unterstützung hat. Ihr Mann akzeptiert keine Fremden im Haus, auch keinen ambulanten Dienst. So ist sie ständig erreichbar und kann nicht abschalten. Zwar kommt der Hausarzt einmal die Woche, aber ansonsten ist sie mit der Pflege allein. Sie hat die Belastungsgrenze erreicht, da sie 24 Stunden Rund-um-die Uhr verfügbar sein muss. Wie im Fallbeispiel 2 ist auch hier das soziale Netz sehr prekär und
wird nur durch eine Person getragen.

Die Behandlung erfolgte auf einem normalen Stuhl. Die Ehefrau kann nur auf die professionelle Unterstützung der Therapeutin und des Hausarztes hoffen (ID 37).

Pflegearrangement: Ehefrau ohne weitere Hilfe – Hausarzt kommt wöchentlich – Therapeutin kommt wöchentlich

Fallbeispiel 4

Die vierte Patientin kommt ebenfalls aus einer Gemeinde im Main-Spessart-Kreis. Sie ist 87 Jahre alt und wohnt allein in einer Mietwohnung. Ihr Ehemann ist vor einigen Jahren gestorben. Sie trauert noch um ihn. Sie zeigt eine beginnende Demenz, ist aber noch in der Lage, sich mit dem Rollator eigenständig zu bewegen. Beim Anziehen und Waschen benötigt sie Unterstützung.

Die Frau hat zwei Söhne, von denen einer im selben Haus wohnt. Ihre Schwiegertochter sieht täglich nach ihr und kauft für sie ein. Ein zweiter Sohn wohnt weiter entfernt, ihn sieht sie auch seltener. Zu Besuch kommen manchmal drei Urenkel. Einmal die Woche kommt eine Ehrenamtliche, die mit ihr spazieren geht oder ihr etwas vorliest. Die Patientin hat auch Kontakte zu den Nachbarn: Manchmal kommt ein Kind aus der Nachbarschaft und spielt ihr auf der Gitarre etwas vor.

Am Wochenende übernimmt der Pflegedienst und wochentags die Schwiegertochter die Betreuung. Das Netz der Patientin ist gut ausgebaut, sie hat verschiedene Personen, die ihre Betreuung übernehmen und  auch soziale Kontakte in ihrer Nachbarschaft. (ID 50). Die Behandlung erfolgte auf einem normalen Stuhl.

Pflegearrangement: Schwiegertochter – Sohn – Urenkel – Sozialdienst - Ehrenamtliche

*Die Studie "Mundgesundheit und Lebensqualität mobilitätsbeeinträchtiger betreuungsbedürftiger Menschen in häuslicher und stationärer Versorgung - Konzept der aufsuchenden ambulanten zahnärztlichen Versorgung" wurde 2016 im Auftrag des bayerischen Gesundheitsministeriums vom Berliner ISGOS-Instituts erstellt.


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