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12.03.15 / 10:22
Berichte

lege artis: Schutz vor Periimplantitis

Die regelmäßige Anwendung eines Implantat-Pflege-Gels ist patientenfreundlich und kann das Periimplantitis-Risiko wirksam senken. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der Universität Kiel. Die Autorin stellt die Ergebnisse der Untersuchung vor.




Heute ist die orale Implantologie ein fester Bestandteil in der Rehabilitation nach Zahnverlust. Damit verbunden ist auch das Problem der periimplantären Infektion. Welche Parameter für die Entstehung einer Periimplantitis verantwortlich sind und welche therapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, wird in der Literatur beschrieben [Literatur 1, 4, 5]. Quelle der hierfür verantwortlichen Mikroorganismen ist die subgingivale Plaque. Sie findet sich bei den zweiteiligen Implantaten als mikrobiologisches Leck [Literatur 6, 3, 7]. Untersuchungen belegen, dass das für die Periimplantitis verantwortliche Keimspektrum sich nicht von dem für die Parodontitis verantwortlichen Keimspektrum unterscheidet [Literatur 2]. Ziel der vorliegenden Studie war es herauszufinden, ob das Implantat-Pflege-Gel durimplant (lege artis) ein wirkungsvolles und patientengerechtes Mittel in der Prophylaxe der periimplantären Infektionen ist.

48 Patienten mit 226 Implantaten

Aus dem Patientenkollektiv der Implantatsprechstunde der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Christian-Albrechts-Universität Kiel nahmen 48 Patienten an der Untersuchung teil, 33 Frauen und 15 Männer. Das Durchschnittsalter betrug 47,3 Jahre. Die Patienten waren mit insgesamt 226 Implantaten unterschiedlicher Systeme von verschiedenen Herstellern versorgt, von denen über den gesamten Beobachtungszeitraum der Studie ein Implantat verloren ging (Grafik 1). Die Implantate waren bei 27 Patienten im Unterkiefer inseriert, bei 19 Patienten im Oberkiefer. In neun Fällen wurde bei den Patienten ein Sinuslift durchgeführt, in zwölf Fällen war eine Augmentation des Kieferkamms notwendig. Bei einer Patientin wurde eine Distraktionsosteogenese durchgeführt. 36 Patienten waren mit Einzelkronen und Brücken und zwölf mit herausnehmbarem Zahnersatz versorgt. Unter den Patienten mit herausnehmbarem Zahnersatz befanden sich vier Patienten, deren Prothese mit Kugelkopfattachments befestigt war. In vier Fällen wurde eine Stegversorgung zur Prothesenverankerung genutzt. Drei Patienten waren mit einer Teleskop-verankerten Prothese versorgt. Die Prothese einer Patientin wies Magnetattachments auf.

Vier Behandlungssitzungen

Der Behandlungsablauf der Studie gliederte sich in vier Behandlungssitzungen: eine initiale Untersuchung und drei Recalltermine in Abständen von vier Wochen, drei Monaten und sechs Monaten.

Nach professioneller Zahn- und Zahnersatzreinigung wurden:

  • die Taschentiefen unter Verwendung einer Parodontalsonde jeweils an der Mesial- sowie der Distalseite der Implantate erhoben und dokumentiert,
  • der Entzündungsgrad der periimplantären Gingiva in Form eines „Bleeding on probing“ (BOP) erhoben und dokumentiert,
  • mittels steriler Papierspitzen bei der Hälfte der Patienten Proben zur mikrobiologischen Diagnostik entnommen.
  • Zum Abschluss der Behandlungssitzung wurde eine ca. linsengroße Menge durimplant mittels Interdentalbürstchen auf das periimplantäre Gewebe aufgetragen.
  • Darüber hinaus wurden die Patienten zur häuslichen Anwendung des dentalen Kosmetikums instruiert (Abb. 1).
  • Patienten mit herausnehmbarem Zahnersatz wurden zusätzlich instruiert, das Gel mittels eines Watteträgers auf den Zahnersatz zu applizieren (Abb. 2).
  • Alle Patienten wendeten das Gel während der ersten vier Wochen täglich, dann einmal wöchentlich an.
  • Die Patientenzufriedenheit erfragten wir über den Oral Health Impact Profile (OHIP).

Während des gesamten Beobachtungszeitraumes von sechs Monaten benutzten die Patienten ausschließlich durimplant. Sie erhielten weder Antibiotika noch andere Spüllösungen.

Das Patientenkollektiv

Die an der Studie teilnehmenden Patienten wurden in vier Gruppen eingeteilt.

  1. Patienten mit Implantaten ohne Komplikation (n = 14) In dieser Gruppe sollte die Eignung des Gels zur Prophylaxe von periimplantären Infektionen ermittelt werden.
  2. Patienten mit Sofortimplantation (n = 10) Hier sollte zusätzlich untersucht werden, ob das Präparat die Einheilung der Implantate fördert.
  3. Patienten mit offener Einheilung (n = 10) Auch hier sollte herausgefunden werden, ob die Einheilung der Implantate sich verbessert. 
  4. Patienten nach überstandener periimplantärer Infektion (n = 14). Diese Patienten wendeten das Gel zur Rezidivprophylaxe an.

Untersuchungsergebnisse

Gruppe 1: Patienten mit Implantaten ohne Komplikation
Die vierzehn Patienten, die komplikationslos auf Implantaten rehabilitiert wurden, erhielten das Mittel zur Prophylaxe. Sie empfanden es als wirkungsvolle Unterstützung zur konventionellen Pflege, besonders durch die gute Adaptation und Haftung an der Gingiva. Es konnten keine Verfärbungen des Zahnersatzes oder der Nachbarzähne festgestellt werden. Zwei Patienten beklagten, dass das Gel die Zahnbürste zu schnell verklebt. Die Sondierungstiefen betrugen maximal drei Millimeter; sie waren im physiologischen Bereich, der Durchschnittswert lag bei 2,3 Millimeter. BOP wurde nicht beobachtet.

Gruppe 2: Patienten mit Sofortimplantation
Alle zehn Patienten hielten nach Motivation und Instruktion das durimplant für ein selbstverständliches Pflegemittel wie Zahnpasta für eigene Zähne. Die maximalen Sondierungstiefen betrugen drei Millimeter ohne Bluten auf Sondieren (BOP negativ). Die physiologischen Sondierungstiefen waren Voraussetzung für die Sofortimplantation. Sie blieben über den sechsmonatigen Untersuchungszeitraum konstant, der Mittelwert ergab 2,3 Millimeter. In dieser Gruppe wurde der Geschmack bei acht Probanden als deutlich angenehm und wirkungsvoll bewertet. Zwei Patienten bewerteten ihn wie Medizin.

Gruppe 3: Patienten mit offener Einheilung
In dieser Gruppe wurden acht Frauen und zwei Männer versorgt, deren Implantate nach Insertion offen einheilten, d. h., es folgte keine Abdeckung mit einer Verschlussschraube, sondern das Implantat wurde mit einem Gingivaformer verschlossen. Das Durchschnittsalter betrug 46,7 Jahre. Die Patienten waren zunächst über die Pflegeanweisungen erstaunt, da noch kein Zahnersatz angefertigt wurde. Die Sondierungstiefen waren mit maximal drei Millimeter nicht pathologisch. Der Mittelwert ergab 2,4 Millimeter. Drei Patienten pflegten mit der Interdentalbürste, sieben mit dem Watteträger. Über den sechsmonatigen Beobachtungszeitraum ließen sich perfekte periimplantäre Gingivaverhältnisse beobachten.

Gruppe 4: Patienten nach periimplantärer Infektion
Die Patientengruppe – acht Männer, sechs Frauen – musste sich nach der Implantatversorgung und prothetischer Versorgung einer Therapie aufgrund einer Periimplantitis unterziehen. Das Durchschnittsalter betrug 57,3 Jahre. Die Sondierungstiefen, die vor der Operation mehr als sechs Millimeter betrugen, konnten mit durimplant postoperativ konstant im physiologischen Bereich gehalten werden. Der Mittelwert ergab 2,8 Millimeter. Die Patienten waren sehr motiviert, sie betrachteten das Gel als Medikament und Prophylaxemittel, ähnlich wie das Elmex-Gel bei natürlichem Zahnbestand.
Die sieben Patienten mit herausnehmbarem Zahnersatz applizierten das Gel direkt auf der Prothese. Durch die gute Haftung an der Gingiva hatten alle 14 Patienten das Gefühl der „Wirkung über Nacht“. Es wurde eine Stabilität der Sondierungstiefen im physiologischen Bereich erreicht.

Diskussion

Nach einer Anwendungsdauer von sechs Monaten zeigten sich in unserem Patientenkollektiv positive Ergebnisse. Kein Patient hatte die Studie abgebrochen, allergische Reaktionen traten nicht auf. Besonders positiv bewerteten die Probanden die Konsistenz (94 Prozent) des Gels und die gute Haftung (95 Prozent). Der Patient verspürte dadurch die Wirksamkeit. Es gab keine signifikanten Unterschiede in dieser Bewertung in den einzelnen Gruppen.

Patienten mit herausnehmbarem Zahnersatz beurteilten die Konsistenz und die Haftung genauso positiv wie die Gruppe mit festsitzenden Versorgungen. Als Applikationsform favorisieren diese Patienten den Watteträger, um das Gel direkt auf den Zahnersatz zu applizieren. Die Patienten mit festsitzendem Zahnersatz bevorzugen die TePe-Bürste, die sie bereits für die tägliche Mundhygiene anwenden. Zwei Patienten bemängelten das Verkleben der Bürste.

Fast alle Patienten (93,2 Prozent) bewerteten den Geschmack positiv. Dies deckt sich mit den Ergebnissen unserer Pilotstudie. Innerhalb des Beobachtungszeitraumes traten keine Verfärbungen der Nachbarzähne oder des Zahnersatzes auf.

In den ersten drei Gruppen beliefen sich die Sondierungstiefen auf maximal drei Millimeter. Das ist sicher ursächlich in der Auswahl der Patienten für die jeweilige Indikation der Implantatversorgung, aber über den Untersuchungszeitraum stabil. Das heißt, dass die präventive Funktion des durimplant bestätigt wird.

Diese Thesen lassen sich noch nicht durch die Literatur bestätigen, da das durimplant erst seit September 2006 auf dem Markt erhältlich ist. In der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Kiel wird zur Zeit eine randomisierte Folgestudie durchgeführt, in der die Anwendung von durimplant und die von Chlorhexidin-Gel miteinander verglichen werden. Neben Geruchs- und Geschmacksqualitäten werden auch vergleichende Atemgasanalysen durchgeführt.

Nach therapierter Infektion: Reduzierung der Sondierungstiefen

Die klinischen Untersuchungen zeigten eine signifikante Reduktion der Sondierungstiefen in Gruppe 4 bei Patienten mit vorangegangener Periimplantitis, das korreliert mit den DNA-Werten bis zu drei Monaten nach Anwendung. Nach sechs Monaten tritt ein steady state auf. In verschiedenen Studien konnte durch mikrobiologische Untersuchungen belegt werden, dass das für die Periimplantitis verantwortliche Keimspektrum sich nicht von dem für die Parodontitis verantwortlichen Keimspektrum unterscheidet. Das Problem der Interpretation der Keimanalyse ist groß, zumal es z. B. verschiedene Actinomycetenkeime gibt, auch sehr aggressive, die z. B. für die aggressive Parodontitis verantwortlich sind [Literatur 10]. Darum wird auch empfohlen, dass man unter Umständen die Gesamt-DNA zur Analyse bestimmen sollte. In der Literatur werden diese Analysen sehr kontrovers diskutiert, sodass eine Metaanalyse der vorhandenen Literatur nötig ist, um eine Bewertung vorzunehmen [Literatur 9].

In Abb. 8 zeigen sich deutliche Unterschiede der Plaqueanlagerungen in Abhängigkeit vom Werkstoff des Implantats. Als Nebenbefund wurde an den untersuchten Keramikimplantaten (n = 7) eine deutliche Keimreduktion festgestellt. Ein weiteres Follow-up ist vorgesehen.

Fazit

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass durimplant ein biokompatibles anwenderfreundliches Gel ist, das eine Stabilisierung physiologischer periimplantärer Gingivaverhältnisse erreicht. Des Weiteren zeigte sich, dass die Patienten mit diesem Pflegeprodukt sehr zufrieden sind, wie die Auswertung des OHIP in einer statistisch signifikanten Zunahme der Patientenzufriedenheit über die Anwendungszeit ergeben hat. (Dr. Eleonore Behrens)

Literatur:

  1. Berglundh, T. Gislason, O. Lekholm, U. Sennerby, L. Lindhe, J. (2004)Histopathological observation of human periimplantitis lesions.J Clin Periodontol 31, 341–347
  2. Quirynen, M. Vogels, R. Pauwels, M. Haffajee, AD. Socransky, SS. Uzel, NG. Van Steenberghe, D. (2005)
  3.  Initial subgingival colonization of pristine pockets. J Dent Res 84, 340–344
  4. Rimondini, L. Marin, C. Brunella, F. Fini, M. (2001) Internal contamination of a 2-component implant system after occlusal loading and provisionally luted reconstruction with or without a washer device. J Periodontol 72, 1652–1657
  5. Roos-Jansaker, AM. Renvert, S. Egelberg, J. (2003) Treatment of peri-implant infections: A literature review. J Clin Periodontol 30, 467–485
  6. Schou, S. Berglundh, T. Lang, NP. (2004) Surgical treatment of peri-implantitis. Int J Oral Maxillofac Implants 19, 140–149
  7. Schwarz, F. Becker, J. (Hrsg.) (2007) Periimplantäre Entzündungen. Ätiologie, Pathogenese, Diagnostik und aktuelle Therapiekonzepte. Quintessence Verlags-GmbH, Berlin
  8. Steinebrunner, L. Wolfart, S. Bößmann, K. Kern, M. (2005) In vitro evaluation of bacterial leakage along the implant-abutment interface of different implant systems. Int J Oral Maxillofac Implants 20, 875–881
  9. Sumida, S. Ishihara, K. Masataka, K. Okuda, K. (2002) Transmisson of periodontal disease-associated bacteria from teeth to osseointegrated implant regions. Int J Oral Maxillofac Implants 17, 696–702
  10. Takanashi, K. Masataka, K. Okuda, K. Ishihara, K. (2004) Colonization by porphyromonas gingivalis and prevotella intermedia from teeth to osseointegrated implant regions. Bull Tokyo dent Coll 45, 77–85

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