sf
10.02.17 / 10:17

Abseits der Praxis (19): Die Pferdeflüsterin

Die Zahnärztin Ursula Meyer stellte eines Tages im Rahmen eines Pferde-gestützten Coachings fest: Sie ist keine Führungspersönlichkeit! Für sie eine befreiende Erkenntnis. So befreiend, dass sie seitdem selbst andere Menschen mithilfe von Pferden coacht.




Dr. Ursula Meyer, 40 Jahre, ist seit 16 Jahren Zahnärztin - und  seit zwei Jahren ausgebildeter Pferdecoach. Ihre Geschäftspartnerin Dr. Kathrin Schütz, Psychologin, hat sie beim Coaching kennengelernt.

Meyer, die schon seit Kindertagen reitet, war so begeistert von dem Coaching, dass sie selbst die Zusatzausbildung absolvierte und 2015 neben ihrem Wohnhaus mitten in der Eifel direkt neben der Koppel einen Seminarraum errichtete. Dort trainiert sie nun mit Schütz zusammen Menschen, die sich wünschen, im zwischenmenschlichen Alltag besser verstanden zu werden oder souveräner auftreten zu können. Ihre vier Araber schauen dabei ab und an neugierig durch die gläserne Eingangstür.

Warum versteht mein Team nicht, was ich sage?

Ursula Meyer weiß, was viele Teilnehmer bewegt. Das Feedback nach ihrem eigenen Coaching war für sie ein außerordentlich einschneidendes Erlebnis. Die Zahnärztin hatte früher selbst ständig Probleme mit ihrem eigenen Team. Die 14 Mitarbeiter haben sie einfach nicht verstanden. Und sie fragte sich, ob sie vielleicht Chinesisch spricht. Regelrecht Angst hatten Kollegen vor ihr, erzählt Meyer, dabei war sie nicht laut und schon gar nicht übergriffig.

Ihre Übung im Pferde-gestützten Coaching bei Kathrin Schütz war dann aufgrund ihrer eigenen „Diagnose“ folgende: Die Arena wurde in vier Abschnitte unterteilt. Ursula Meyer sollte zwei Pferde ohne Strick und nur am Halfter in den diagonal entlegenen Abschnitt führen ohne sie anzufassen und dort eine Minute halten. Als Meyer die Tiere endlich in Bewegung gebracht hatte, und sie schließlich an der gewünschten Position zum Stehen brachte, machte sie, noch bevor die Minute um war, einen Fehler: Sie streichelte ein Tier, das das aber grundsätzlich nicht mochte.

Ich will behandeln, nicht führen!

In der Videoanalyse konnte die Zahnärztin anschließend sehen, wie ihr das Gesicht völlig entgleist und ihr ganzer Körper Frust signalisiert. Dass diese Körpersprache nicht nur das Pferd, sondern auch ihre Mitarbeiter erschrickt, war ihr vorher nicht klar. Nur über das Coaching und das Feedback aus der Gruppe erhielt sie diese Spiegelung - und kann seitdem in entsprechenden Situationen anders auftreten.

So hat sie für sich erfahren, dass sie zwar eine sehr gute Behandlerin ist, aber keine sonderlich starke Führungsperson. Eine Erkenntnis, die dazu führte, dass Ursula Meyer prompt eine Außenhandelskauffrau einstellte, die jetzt die für sie unangenehmen Aufgaben übernimmt. Stimmungen erfragen, Probleme im Team identifizieren, Konflikte untereinander aufdecken - das alles macht Meyer nicht mehr. Und das hat sich bewährt.

Die Arbeit mit Pferden ist für sie nicht nur Ausgleich zum Praxisalltag: Die Zahnmedizin ist für sie Beruf, das Coaching dagegen ihre Berufung. Etwa 20 Stunden investiert sie im Monat dafür. Außer in der Eifel coachen Meyer und Schütz zudem noch in einem Stall in Bremen sowie in Weilerswist bei Köln. Das pferdegestütze Coaching kann grundsätzlich mit allen Equiden durchgeführt werden, die nicht traumatisiert sind und gemeinsam in einer Herde leben.

Ursula Meyer setzt bei den Teilnehmern - wo es Sinn macht - auch Elemente aus Hypnose und Glaubenssatzarbeit ein. Kathrin Schütz bringt bei Bedarf ihre wingwave-Ausbildung (EMDR) sowie Elemente des systemischen Coachings ein.

Die ganztägigen Coachings sind von der Zahnärztekammer mit 8 Fortbildungspunkten zertifiziert. Lesen Sie auch in einer der kommenden zm-Ausgaben einen Beitrag zum Thema pferdegestütztes Coaching.


Mehr zum Thema


Kommentare

Leserkommentare (0)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können