Kristina Busse
08.05.13 / 17:19

Abseits der Praxis (7): Der Maler

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben, sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt. Wir erzählen von Industrieberufen, künstlerischer Selbstfindung, humanitären Einsätzen, Aussteigern, Politikerkarrieren und Jobs in Industrie, Forschung und Verwaltung. Einige unserer Protagonisten haben sich sehr weit vom Ursprungsberuf entfernt, andere haben nur wenig verändert, um ein wenig Abwechslung in ihren Praxisalltag zu bringen. Fest steht so oder so: Auch "Abseits der Praxis" warten viele spannende Aufgaben.



Acht Jahre brauchte Thomas Röhner, um den Zahnarztkittel an den Nagel zu hängen und sich ganz seiner Leidenschaft zu widmen: dem Zeichnen.

"Ich wollte schon als kleines Kind Arzt werden wie andere Kinder Feuerwehrmann", sagt Thomas Röhner. Und fügt hinzu: "Diesem Wunsch bin ich ja dann auch ziemlich lange treu geblieben!" So musste er nach dem Abitur gar nicht lange überlegen. In Würzburg begann er zunächst ein Studium der Humanmedizin, wechselte dann nach Münster und zu den Zahnmedizinern.

Allerdings schlummerte noch ein weiteres Talent in ihm. Schon als Jugendlicher verbrachte er viele Stunden mit dem Malen und Zeichnen. "Und sobald ich im Studium in eine schwierige Phase kam", erinnert er sich, "fing ich wie zufällig auch wieder an, ganz viel zu zeichnen." 

Am Anfang war Zeichnen nur ein Hobby

Er fand es zunächst nur natürlich, dass gelegentlich Zweifel aufkamen an seiner Berufsentscheidung. "Wer behauptet, noch nie über Alternativen nachgedacht zu haben, gehört wohl eher zu den Ausnahmen," ist er sicher. Aber dass er eines Tages vielleicht ganz vom Zeichnen leben könnte, das wäre ihm damals nie in den Sinn gekommen. "Das Zeichnen war ja nur der Ausgleich für den Stress, Geld war damit ja doch nicht zu verdienen." So dachte er jedenfalls.

Indes blieb sein Zeichentalent nicht unbemerkt. Immer wieder zeigte er Freunden seine neuesten Werke, stellte gar in Galerien aus, wenn auch nur im kleinen Kreise, oder half Bekannten bei der Deko in einem Blumengeschäft. Über diesen Weg erreichte ihn eines Tages auch die Anfrage eines Münsteraner Naturkostladens. Ob er sich vielleicht vorstellen könnte, auch für das Schaufenster dieses Geschäfts etwas zu entwickeln?

Im Müsliladen fing alles an

So fing Thomas Röhner also an, Dekorationen für zwei große Reformhaus-Schaufenster zu entwerfen, aus Pappe, im Scherenschnittverfahren und mit viel bunter Farbe - mitten in der ohnehin schon nicht ganz stressfreien Endphase seines Studiums. Jeden Monat ließ er sich etwas Neues einfallen, die Themen hatten Titel wie "Milch und Honig", "Ernte Dank" oder "Natur und Mode". Der Besitzer gab die oft saisonal inspirierten Oberbegriffe vor, dann durfte Röhner seiner Fantasie freien Lauf lassen. 

Der "Müsliladen", wie man solche Geschäfte damals noch nannte, befand sich an einer Straßenkreuzung in bester Innenstadt-Lage. Täglich kamen dort viele Leute vorbei. Unter ihnen auch ein aufstrebender, junger Verleger, der vom Auto aus jeden Tag durch die Fensterscheiben auf Röhners Scherenschnitte schaute, während er darauf wartete, dass seine Ampel auf Grün sprang. Bis er eines Tages den Wagen rechts ranfuhr, in den Laden ging und wissen wollte, aus wessen Hand denn bloß diese tollen Entwürfe im Schaufenster stammten. Sie gefielen ihm nämlich so gut, fuhr er fort, dass er den Urheber gerne einmal zu sich ins Unternehmen einladen wolle. Dann legte er seine Visitenkarte auf den Tisch und verschwand. Auf der Visitenkarte stand: Wolfgang Hölker, Inhaber Coppenrath Verlag - ein Kinderbuchverlag, der damals vielleicht noch kein großer Name war in der Branche, aber schon ein paar erfolgreiche Titel veröffentlicht hatte und kräftig expandierte.

Von Teddybären und Traumberufen

Röhner folgte der Einladung und als man ihm dort antrug, ein paar Probezeichnungen für ein Teddybären-Kinderbuch anzufertigen, ließ er sich nicht lange bitten. "Von einer solchen Einladung können viele junge Illustratoren nur träumen," weiß er heute. Normalerweise ist der Weg wohl eher umgekehrt: Illustratoren schicken ihre Arbeiten an etliche Verlage und hoffen dann, wenigstens von einem einzigen zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. 

Teddybären hatten bis dahin überhaupt nicht in sein Repertoire gehört, egal, Röhner zeichnete drauflos. "Ich war damals einfach mächtig stolz, so was auch mal gemacht zu haben", erinnert er sich. Weiter gingen seine Gedanken gar nicht. Zumal er eigentlich kurz vorm Examen stand. 

Zum Glück ging alles gut – er bestand seine Prüfungen, war nun also kurz davor, endlich in seinen Traumberuf zu starten. Und der Verlag war auch noch mehr als zufrieden, weil das Bärenbuch so viele Käufer fand.

Nur ein halbes Jahr

So wollte man ihn dort gleich für Folgeprojekte einspannen und bot ihm eine Mitarbeit an. Eine feste sogar. "Ich aber dachte: Ich habe doch jetzt nicht so lange studiert, um am Ende etwas völlig anderes zu werden!" Auf der anderen Seite wollte er die Verbindung auch nicht völlig abreißen lassen, machte dem Verlag daher einen Vorschlag. Er würde erst mal ein halbes Jahr in den Verlag gehen, um Papeterie für Coppenrath zu entwickeln. Danach wollte er sich aber wieder seiner Zahnarztkarriere widmen, und zwar hauptberuflich. 

Nach der Assistenzzeit hatte es ihn nach Hamburg gezogen, wo er bald eine eigene Praxis aufmachte, in guter Lage, in der Innenstadt. "Ich würde auch heute noch sagen, dass Zahnarzt mein Traumberuf ist", sagt Röhner. "Zumindest, was das Behandlerische betrifft." Was ihm jedoch zunehmend zu schaffen machte, war die kaufmännische Seite. "Das lag mir eh nicht so", sagte er. "Und wurde im Zuge der Gesundheitsreformen nur noch schwieriger." 

Zwei Karrieren und ein Wackelzahnbuch

"Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass die Arbeit für den Verlag sich langsam von selbst erübrigen würde," sagt er. Doch im Gegenteil, der Verlag kam mit immer neuen Ideen, Röhner hatte auf einmal zwei Karrieren zu bewältigen. Tagsüber und im Hauptberuf war Röhner als Zahnarzt tätig, nebenbei, abends und an den Wochenenden, arbeitete er als Illustrator.

In der Praxis sah sich Röhner immer mehr in Ambivalenzen verwickelt, fühlte sich hin- und hergerissen zwischen dem, was für ihn als Arzt mit eigener Praxis das Beste war und umgekehrt dem, was für seine Patienten ideal war. Auch ständig rechnen zu müssen, machte ihm keinen großen Spaß. "Andere haben sicherlich mehr Talent dazu," gibt er selbstkritisch zu. 

Gleichzeitig wurden die Illustrator-Aufträge eher noch mehr als weniger. So war er zum Beispiel beteiligt an einem Buch, das sein Fachwissen mit seinem gestalterischen Talent zusammenbrachte – das "Wackelzahnbuch" wurde so etwas wie der heimliche Longseller aus der Feder von Thomas Röhner.

Nach acht Jahren ein neuer Schritt

Acht Jahre und noch viele weitere, erfolgreiche Bücher mussten kommen, bevor sich Röhner dann letztlich doch entschied, den Zahnarztkittel für das Zeichnen endgültig an den Nagel zu hängen. Den letzten Ausschlag gab wohl eine private Veränderung. 2000 scheiterte seine Ehe. Und die neue Frau, mit der er inzwischen auch verheiratet ist, war offen für die Vorstellung, mit einem kreativen Kinderbuch-Illustrator durchs Leben zu gehen. Sie machte ihm Mut. Mit ihrer Rückendeckung wagte er den Schritt in die neue berufliche Existenz. Und hat es bis heute nicht bereut.

Auch von den Kollegen bekam er überraschend positives Feedback. Und die Eltern und Freunde, die eher skeptisch gewesen waren, einen so prestigeträchtigen, sicheren Beruf aufzugeben, akzeptierten den Schritt am Ende ebenfalls. "Meine Mutter hat gesehen, wie glücklich mich das Zeichnen gemacht hat." Und bei seinem Vater erwies es sich als nützlich, wenn er im Zusammenhang mit seinem neuen Job hin und wieder in der Zeitung oder im Fernsehen interviewt wurde. "Das hat ihm gezeigt, dass ich wohl ganz gut war in dem, was ich da machte."

Auch wenn die Praxis-Übergabe noch mal ein Kapitel für sich war, weil so viel gruseliger Verwaltungsaufwand damit einherging – am Ende fühlte es sich einfach nur an wie ein riesiger Befreiungsschlag, erinnert sich Röhner. Er hätte sich früher eigentlich permanent unter Druck gesetzt gefühlt. "Selbst Praxen mit sehr hohen Umsätzen sind ja alles andere als eine sichere Bank, auf der man sich auch mal ausruhen könnte", erinnert er sich an das Gefühl, das früher sein Leben beherrschte. "Mein Leben jetzt kommt mir jedenfalls deutlich unbelasteter vor."

Zwischen Laisser-faire und Beamtenmoral

Was nicht heißt, dass man es sich wie ein einziges, künstlerisches Chaos vorzustellen hätte – im Gegenteil. "Was ja viele unterschätzen: Gerade für kreative Berufe braucht man jede Menge Disziplin, schließlich muss man sich seine Strukturen und Regeln selbst geben." In der Konzeptphase erlaubt er sich noch ein wenig Laisser-faire und kreatives Herumprobieren, lässt seinen Gedanken in alle möglichen Richtungen streifen, selbst wenn er schon währenddessen weiß, dass er später 99 Prozent seiner Einfälle wieder verwerfen wird. Aber steht das Konzept einmal, arbeitet er es sehr konzentriert und planvoll ab. "Fast wie ein Beamter", sagt er und lacht. Auch sein Arbeitsumfeld sei immer extrem ordentlich und gut sortiert. 

Ob ein eher ungewöhnlich, ganzheitlich ausgerichtetes Buchprojekt zum Thema Gesundheit für die Bertelsmann Stiftung oder eine große Wandgestaltung für eine Klinik, - in der Zwischenzeit ist Röhner auch für andere Auftraggeber und eher konzeptionell tätig. 

Was den Zahnarztberuf und seine Tätigkeit jetzt verbinde? Gut zuhören können, die Menschen mögen, das seien die Primärtugenden in beiden Berufen. Ob er nun herausfinden muss, was einem Patienten wirklich gut tun würde oder sich im wahrsten Sinne ausmalt, welche Abenteuer ein Kind in der Fantasie am liebsten erleben würde, der Ausgangspunkt sei stets der gleiche: seine eigenen Erfahrungen, und zwar von ihm selbst als Patient oder eben als Kind. „Ich glaube, Vorstellungskraft und Einfühlvermögen sind meine größten Talente" sagt er. "Und irgendwie treffe ich damit wohl den richtigen Ton.“


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