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16.04.14 / 16:40

Gefahr oder Panikmache?

Seuchen - also Erkrankungen, die endemisch auftreten, - gab es schon vor Jahrtausenden. Was aktuell zu beachten ist, erklären Dr. Klaus-J. Volkmer und Prof. Dr. Tomas Jelinek vom Centrum für Reisemedizin.



Laut einer Enzyklopädie beschreibt eine Seuche eine „Infektionskrankheit, die infolge ihrer großen Verbreitung und der Schwere des Verlaufs eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt“. Das Reichsseuchengesetz aus dem Jahr 1900 nennt hierfür beispielhaft den Aussatz, die Cholera, das Fleckfieber, das Gelbfieber, die Pest und die  Pockenerkrankung. Heute liegen die Schwerpunkte eher bei Aids, Tuberkulose, Masern, Polio, Grippe oder den viralen hämorrhagischen Fiebern.

Arthropoden als Überträger

Malaria: Unter den arthropodenübertragenen Infektionen hat die Malaria noch immer die größte Bedeutung. Von den jährlich geschätzten 219 Millionen Erkrankungen und 1,2 Million Todesfällen entfallen 81 Prozent auf Afrika. Obwohl die Zahlen in einigen Gebieten zurückgehen, sind noch immer 104 Länder beteiligt, die geografische Verbreitung der Krankheit hat sich in letzter Zeit kaum verändert.

Dengue-Fieber: Eine stete Zunahme und Ausdehnung zeigt sich seit einigen Jahrzehnten beim Dengue-Fieber. Die jährlich weltweit geschätzten 50 bis 100 Millionen Fälle rekrutieren sich inzwischen aus über 100 verschiedenen Ländern weltweit. Am stärksten betroffen sind derzeit Süd und Mittelamerika. Der durch tagaktive Aedes-Mücken übertragenen Viruskrankheit kommt daher auch für die bevorstehende Fußball-WM eine besondere Bedeutung zu.

Gelbfieber: Das Gelbfieber ist nach wie vor auf die tropischen Gebiete Afrikas und Südamerikas beschränkt. Die Erkrankungszahlen werden jährlich auf 200.000 geschätzt, von denen etwa 30.000 tödlich verlaufen. Das Infektionsrisiko ist in Afrika etwa zehnmal so hoch wie in den verschiedenen Regionen Amerikas. Gegen diese Erkrankung gibt es aber heute eine zuverlässige Impfung, die auch bei Reisen in Länder, in denen Gelbfieber vorkommt, unbedingt empfohlen wird.  

Chikungunya und Zika-Fieber: Bei den Erregern von Chikungunya und dem Zika-Fieber handelt es sich um Viren, die ebenfalls von Aedes-Mücken übertragen werden. Beide wurden Mitte des vorigen Jahrhunderts in Ostafrika entdeckt. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie sich zusammen mit ihren Vektoren auf andere tropische und subtropische Gebiete in der Alten Welt ausgebreitet. Seit Dezember vorigen Jahres ist Chikungunya mit Ausbrüchen in der Karibik erstmals auch in Amerika aufgetreten. Klinisch verlaufen beide Krankheiten mit grippalen Symptomen und Gelenkbeschwerden. Komplikationen sind selten.

Oral übertragene Infektionen

Cholera: Unter den oralen Infektionen liegen die geschätzten Erkrankungszahlen für Cholera pro Jahr
weltweit bei drei bis fünf Millionen - mit 110.000 Todesfällen. Über 90 Prozent dieser Fälle rekrutieren sich gewöhnlich aus Afrika. Die früher als „Asiatische Cholera“ bezeichnete Erkrankung spielt in Asien seit der Jahrtausendwende zahlenmäßig kaum noch eine Rolle. Im Jahr 2010 ist  die Cholera nach einem schweren Erdbeben mit hohen Fallzahlen jedoch erneut in Haiti ausgebrochen.

Nach weiteren Naturkatastrophen hat sie anschließend auf die Dominikanische Republik und Kuba übergegriffen, im Herbst vorigen Jahres sogar auf Mexiko. Insgesamt sind die Zahlen der Erkrankungsfälle jedoch rückläufig. Für Reisende ist die Cholera kaum relevant; seit 2001 wurden bei uns nur 18 Importe (Infektionen bei Reiseheimkehrern)  registriert.

Poliomyelitis: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat gegen die Poliomyelitis seit 1988  ein sogenanntes Ausrottungsprogramm  beschlossen, mit dem Ziel, dies bis zur  Jahrtausendwende abzuschließen. Dieses Abkommen musste aber schon mehrfach  verlängert  werden. 2013 wurden immer noch  385  Erkrankungsfälle registriert, die meisten aus Unruhegebieten wie Pakistan,  Afghanistan, Somalia, Syrien und Nord-Nigeria, wo  es  immer wieder  zu  Behinderungen von  Impfteams,  teilweise  sogar mit deren Entführungen und Todesfällen kommt. So bleibt offen, ob  das neue  Ziel  der  WHO,  die  gesamte Welt 2018 für Polio-frei zu erklären, erreicht werden wird.

Angesteckt per Luft

Masern: Bei den aerogenen Infektionen haben die Masern derzeit strategisch große Bedeutung. Ihre Ausrottung ist prinzipiell möglich und teilweise sogar auch gelungen. So gilt Amerika seit 2002 quasi als masernfrei. In der alten Welt sind sie dagegen noch weit verbreitet, auch in Europa. Hier lag
Deutschland im vorigen Jahr mit 1.723 Fällen an vierter Stelle nach Italien, Großbritannien und den Niederlanden. Durch Reisende kommt es immer wieder zu Re-Importen in masernfreie Gebiete, was die Ausrottung erheblich erschwert. Eine Besserung der Situation ist nur durch eine konsequente Impfmoral auf globaler Ebene möglich.

Meningokokken: Die Meningokokken treten  im „Meningitis-Gürtel“ in Afrika weiterhin endemisch auf. Die Erkrankungszahlen waren 2013 mit etwa 11.000 gemeldeten Fällen niedriger als in den Jahren zuvor, möglicherweise ist das bereits ein Erfolg der dortigen Impfprogramme. Leider sind die Erreger mit ihren Antigenen aber so flexibel, dass sie die Impfimmunität unterwandern und dadurch ihre flächendeckende Elimination verhindern können.

Grippe: Dieses gilt in noch größerem Maß für die Grippe, wo immer wieder neue genetische Varianten aus menschen- wie tierpathogenen Viren entstehen. In China sind allein 2013 drei Vogelvirusstämme erstmals beim Menschen aufgetreten, von denen einer, A(H7N9), aktuell zu rasch steigenden Erkrankungszahlen bei Personen mit Geflügelkontakten im Osten des Landes führt.

MERS-CoV: Ein  neuer  Erreger,  das MERS-CoV (Middle East Respiratory Syndrome-CoronaVirus),  ist seit  2012 auf der arabischen Halbinsel aufgetreten und hat bis Ende vergangenen Jahres zu 178 Erkrankungen mit 75 Todesfällen geführt. Ähnlich wie beim SARS-Virus, das die  Welt vor zehn Jahren in Atem hielt, und mit dem es strukturmäßig entfernt verwandt ist, wurde das MERS-CoV durch Flugreisende bisher in fünf Länder verschleppt.

HIV/Aids: 35,3 Millionen Menschen lebten 2012 weltweit mit HIV/AIDS, 1,6 Millionen starben daran, 2,3 Millionen infizierten sich neu.

Tuberkulose: 8,7 Millionen erkrankten 2011 an Tuberkulose, 1,4 Millionen verstarben. Diese Zahlen wiederholen sich mit geringen Schwankungen jährlich. Die Kombination der beiden Infektionen erhöht das Risiko bis um den Faktor 200. Am stärksten betroffen sind die Länder im südlichen und zentralen Afrika. Kleine Erfolge aber gibt es allenfalls auf lokaler oder regionaler Ebene.

Eine etwas bessere Versorgung ärmerer Bevölkerungsschichten mit HIV-Medikamenten relativiert sich durch die rasche Zunahme multiresistenter Stämme bei der Tuberkulose. Die Problematik dieser beiden Erkrankungen ist wohl die größte Herausforderung. Sie ist allein mit medizinischen Mitteln nicht zu lösen und wird uns wohl auf absehbare Zeit verfolgen.

Extrahiert aus Vorträgen von Dr. med. Klaus-J. Volkmer und Prof. Dr. med. Tomas Jelinek, CRM Centrum für Reisemedizin aus Düsseldorf, anlässlich einer Pressekonferenz in Berlin.


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