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Dr. Britta Hansmeier
24.10.13 / 11:15

Wenn der Ring den Zahn zerstört

Piercings im Mund nehmen zu. Anhand von klinischen Fällen stellt die Autorin hier iatrogene Schäden durch Piercings der orofazialen Region dar und beschreibt die Problematik.




Unter Piercing versteht man das dauerhafte Durchbohren von Gewebe, das traditionell in vielen Kulturen aus religiösen oder ästhetischen Gründen praktiziert wurde [Garve, 2008; Peters, 2000]. In der westlichen Welt galt es zunächst als Provokation und Abgrenzung, aber auch als Symbol einer Gruppenzugehörigkeit, bis es sich als Ausdrucksform von Ästhetik und Körperkunst weiterentwickelt hat [Chimenos-Küstner et. al., 2003; Theisen 2009].

Piercings werden in Deutschland meist in der orofazialen Region und in der seitlichen wie auch medianen Ober- und Unterlippe sowie an Zunge, Wange, Lippen- und Zungenbändchen angebracht [Gutsche et. al., 2008; Inchingolo et. al., 2011].

Stäbe, Ringe oder Barbells

Die am häufigsten verwendeten Piercingformen sind Stäbe, Ringe oder hantelförmige Barbells. Bei den Materialien handelt es sich hauptsächlich um Kunststoffe wie zum Beispiel PTFE und Metalle, meistens Edelstahl, Gold, Niob, Titan oder andere Legierungen [Kapferer, 2010; Meltzer, 2005].

Mit Zunahme der Piercingträger steigt auch die Anzahl verschiedenster, durch Piercings verursachter Traumata [Glendor, 2009]. Sie umfassen direkte Komplikationen wie Nervläsionen, Blutungen, Schmerzen und Schwellungen bis zu Langzeitfolgen wie Allergien, lokalen und systemischen Infektionen, Geschmacksveränderungen, Verletzungen der umliegenden Weich- und Hartgewebe, Narbenbildung und Schäden an Parodont und Zahnhartgewebe [Chimenos-Küstner et. al., 2003; Inchingolo et. al., 2011].

Infektionen, sowohl bakteriell als auch viral, können unmittelbar nach dem Stechen eines Piercings aufgrund unzureichender hygienischer Bedingungen entstehen, aber auch nach dem Abheilen durch Besiedelung der Piercingoberfläche und dessen mangelnde Reinigung [Peters, 2000; Yu et. al., 2010].

Abrasionen, Schmelz- und Zahnfrakturen

Aus zahnärztlicher Sicht stehen Zahnhartsubstanzdefekte und parodontale Läsionen im Fokus. Durch den stetigen Kontakt des Piercings mit den Zähnen, aber auch durch habituelle Verhaltensweisen, wie zum Beispiel  die Einlagerung eines Zungenpiercings zwischen die obere und die untere Dentition, entstehen Abrasionen, Schmelz- und Zahnfrakturen [Glendor, 2009; Pires et. al., 2010; Vilchez-Perez et. al., 2009; Ziebolz et. al., 2012].

Negative Folgen auf das Parodont zeigen sich hauptsächlich in Gingivitiden und Rezessionen. Ursächlich hierfür sind zumeist Lippenpiercings, die Defekte an den Vestibularflächen der Inzisiven bis zu den Prämolaren verursachen und  Zungenpiercings, die häufig an den Lingualflächen der unteren Inzisiven Spuren hinterlassen [Glendor, 2009; Pires et. al., 2010]. Die entstandenen Schäden können auf das umliegende Weichgewebe beschränkt bleiben, sich aber auch bis hin zu irreversiblen Knochendefekten ausweiten [Reichert et. al., 2008].

Patientenbeispiel 1

Die 23-jährige Patientin stellt sich mit progressiven Zahnfleischbeschwerden in der Unterkieferfront vor. Bei der Untersuchung konnte man das Zungenpiercing als Ursache für den parodontalen Schaden ausmachen. Außerdem wurde ein Zahnhartsubstanzschaden an sowohl den oberen als auch an den unteren Inzisiven festgestellt. Durch habituelles Vorschieben und Einlagerung des Piercings in die Zahnreihe kam es besonders an den Zähnen 21 und 41 zu Abrasionen des Zahnschmelzes beider Inzisalkanten (Abbildung 1b).

Bei der Kontrolle des extraoral sichtbaren lateralen Oberlippenpiercings fielen intraoral Rezessionen in regio 13 und 12 auf (Abbildung 1c). Der Niveauunterschied des Gingivaverlaufs zur kontralateralen Seite ist unverkennbar (Abbildung 1d).

Patientenbeispiel 2

In diesem Fallbeispiel wollte sich ein Patient vor der Anfertigung eines Orthopantomogramms das Zungenpiercing entfernen, wobei es zum Einriss des Zungengrundes kam (Abbildung 2).

Patientenbeispiel 3

Es stellte sich eine 21-jährige Patientin zur Routinekontrolle vor. Dabei fielen mehrere von der Patientin als symptomlos beschriebene Piercings in der orofazialen Region ins Auge (Abbildung 3a). Ein Lippenbändchenpiercing und zwei nebeneinander liegende laterale Labret-Piercings. Bei Anheben des ersteren Piercings erkennt man deutlich die Einlagerung des Ringes in die Gingiva mit Fibrosierung des umliegenden Gewebes (Abbildungen 3b, 3c).


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