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27.08.13 / 09:46

"Angegriffen zu werden, gehört dazu"

Vom 28. bis zum 31. August findet der Jahresweltkongress der Zahnärzte in Istanbul statt. zm-online sprach mit der scheidenden Weltpräsidentin der Sektion "Zahnärztinnen weltweit", Dr. Brita Petersen, über ihr Engagement in der Selbstverwaltung.



zm-online: Frau Dr. Petersen, inwieweit hat sich die Berufspolitik für Frauen im Vergleich zu früher schon geändert?

Dr. Brita Petersen: Wir haben ganz eindeutig mehr Frauen in den Delegiertenversammlungen (oder wie es in einigen Bundesländern heißt Kammerversammlungen) und wir haben Frauen als Vorstandsmitglieder, aber ganz an die Spitze hat es noch niemand geschafft. Und ich sehe, wenn ich die Zusammensetzung anschaue, in der nächsten Zeit auch keine Veränderung.

Aber es ist ein ganz gewaltiger Fortschritt, dass Frauen es schaffen, gewählt zu werden - das ist die Voraussetzung, um in die Versammlung zu kommen. Und wenn Frauen in den Vorstand bestimmt werden, ist das mehr als vor 20 Jahren möglich war.

Sie waren die erste und einzige Präsidentin einer Landeszahnärztekammer (Bremen). Was hat Sie fasziniert? Wie sieht das Arbeitsspektrum in dieser verantwortungsvollen Position aus und wie bringt man das zeitlich mit der Praxistätigkeit zusammen?

Also fasziniert hat mich, dass ich mitgestalten konnte. Ich wollte immer bei allem, was ich gemacht habe, meine eigenen Ideen durchsetzen und allen gerecht werden. Tatsache ist, dass es sehr arbeitsintensiv ist. Ich hätte das nicht gekonnt ohne eine gute und erfolgreiche Praxis. Wir hatten insgesamt 19 Angestellte und Assistenten und mein Mann hat mich immer unterstützt.

Auch die Telefonate in die Praxis von Kollegen, die ich immer zugelassen habe. Ich habe keine Sprechstunden gemacht, sondern habe, wenn es irgendwie ging, immer die Telefonate angenommen. Das ist von meinem Team immer toleriert worden. Das ist ganz großartig und ich weiß, dass das nicht überall so ist. Als Einzelkämpfer muss man das ganz anders organisieren. Aber ich war eigentlich immer sofort da, wenn einer was wollte.

Was die Aufwandsentschädigung angeht - auf die ist man ja häufig angesprochen worden. So nach dem Motto "Ihr verdient viel Geld und die Arbeit ist nicht nachweisbar!“. Das stimmt nicht. Die Lektüre der Post und der Mails ist nicht zu unterschätzen. Dazu muss man nicht in den Räumen der Kammer sein.

Aber den Verlust, den man dadurch hat, dass man nicht in der Praxis ist, der ist größer, als viele glauben. Es ist (sehr oft) ein Kontaktproblem. Wenn man ein paar Mal nicht da ist, dann geht der Patient oder die Patientin, die sich theoretisch nur von mir behandeln lässt, zu jemand anderem und die sagen sich unter Umständen, die/der ist ja auch ganz gut.

Diese Aufwandsentschädigung ist ursprünglich geplant gewesen, um eine/n Assistenten/Assistentin einzustellen. Ein Assistent ist toll, aber ist nicht unbedingt identisch, wenn ich als Chefin teils effektiver und schneller berate und durch die Position und die lange Beziehung leichter eine Zustimmung bekomme.

Welche Fähigkeiten müssen Zahnärztinnen für die Arbeit im "gehobenen Bereich" der Selbstverwaltung mitbringen?

Man darf nicht empfindlich sein. Man darf auch nicht gleich einknicken. Angegriffen zu werden, das gehört dazu. Man braucht ein dickes Fell und gleichzeitig Fingerspitzengefühl. Und man braucht auch die Bereitschaft zu diskutieren und muss letztendlich überzeugen können.

Wenn Sie zurückblicken - was haben Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit als Kammerpräsidentin erreichen können?

Wir haben unter den Kollegen eine gute Zusammenarbeit erreicht. Und der Umgang war sehr freundschaftlich und persönlich. Wir haben die Rundschreiben durch den "Kammerexpress“ ersetzt, die Homepage gestaltet, innerhalb der Kammer umstrukturiert. Auch mit den Berufsschullehrern hatte ich sehr gute Kontakte. Wir begannen, Auszubildende als Kauffrau oder Kaufmann im Gesundheitswesen einzustellen.

Der Anteil an Zahnärztinnen steigt stetig. Aber immer noch sind in den Delegiertenversammlungen vorwiegend männliche Kollegen vertreten? Warum verläuft der Mitwirkungsprozess von Zahnärztinnen in der deutschen zahnärztlichen Selbstverwaltung aus Ihrer Sicht derart schleppend?

Wir haben bestimmt die Doppelbelastung, aber das ist es nicht nur. Teilweise wollen die Frauen auch nicht und die, die wollen, sind nicht unbedingt die, die bei den standespolitischen Männern gut ankommen. Solange die Männer wählen, versuchen diese, ihre Macht zu behalten. Ein Standespolitiker aus Bremen hat mal gesagt: "Jetzt reicht es aber mit den Frauen in Bremen."

Als ich damals gewählt wurde, hat mir der erste Gratulant gesagt: "Ich gratuliere dir, obwohl du eine Frau bist.“ Der zweite sagte: "Ich habe dich nicht gewählt, aber ich gratuliere dir trotzdem.“ Beim dritten habe ich gedacht, jetzt kommt vielleicht mal was Nettes, derjenige hat gesagt: „Ich gratuliere dir, weil du gar keine richtige Frau bist.“

Man muss sachlich sein und die Argumente müssen überzeugen und man darf niemals jemanden verletzen. Es darf nie so sein, dass die Fronten verhärtet sind. Aber was noch wichtig ist für die Frage: Frauen unterstützen Frauen nicht unbedingt. Deswegen geht der Veränderungsprozess auch so langsam. Aber das wird sich ändern, wenn die jungen Leute kommen, die sind viel selbstbewusster.

Angenommen die Selbstverwaltung könnte neu aufgebaut werden, was würden Sie strukturell ändern, wenn Sie Mitgestalterin wären?

Ich denke, da muss sich was in den Köpfen ändern. Die Realität muss anerkannt werden und danach wird entschieden. Ich will nicht sagen, dass ich die Frauenquote will, aber es geht in die Richtung. Es kann nicht sein, dass es so weiter geht wie bisher. Es muss normal sein, dass uns auch Frauen vertreten. Die Realität muss widergespiegelt werden.

Unser Ausschuss "Für die Belange der Zahnärztinnen“ bei der BZÄK, den ich von Anfang an geleitet habe, der hat sich etabliert. Jetzt ist der Ausschuss gesellschaftsfähig geworden, aber nur weil auch der Druck von außen gekommen ist. So haben wir jetzt die Vereinigung mit Dentista, die hervorragend ist. Wir sind immer da gewesen und es gibt uns jetzt in verbesserter Form. Das freut mich.

Sie sind die Präsidentin der Women Dentists Worldwide, einer Section der FDI. Welche Themen werden innerhalb dieses globalen Gremiums aktuell diskutiert? 

Inhaltlich geht es um Ungerechtigkeiten, die von den Eingeladenen erzählt werden, wie finanzielle Schlechterstellung, schlechtere Bedingungen bei der Karriereplanung, schwierige Bedingungen, zu einem FDI Konress zu dürfen. Hier kann unsere Sektion natürlich helfen. Viele Frauen sind in Angestelltenverhältnissen, bei nationalen Gesundheitseinheiten oder bei Gesundheitsämtern oder Kieferorthopädinnen, aber nur wenige sind selbstständig. Hier versuchen wir, die Frauen zu ermutigen und zeigen ihnen, wie es in anderen Ländern ist, und geben Hilfestellung.

Auf dem FDI-Kongress in Istanbul Ende August wird Ihre Stellvertreterin, Vesna Barac-Furtinger aus Kroatien, turnusmäßig die Präsidentschaft der Women Dentists Worldwide übernehmen. Für welche Themen setzt sie sich ein?

Sie wird ganz bestimmt unsere Ziele vorantreiben, unter Umständen kann sie die Kontakte in Osteuropa verstärkt vertreten. Sie wird auf dem Kongress ihre Themen vorstellen. Ich denke, sie wird große Probleme haben, die Finanzierung zu stemmen. Von der FDI bekommen wir nur 500 Euro fürs Jahr. Es hing bisher stark davon ab, dass ich gute Kontakte hatte und Geld eingeworben habe. Das Geld wird für die Reisekosten, Tickets und Hotels, verwendet. Die Referenten bekommen kein Honorar. Das Militär und die öffentlichen Sektionen vom Gesundheitsdienst haben es innerhalb der Organisation einfacher. Die FDI überlegt immer, ob wir wichtig genug sind. Das wird aber durch die Zahlen belegt. Aber wir haben bei den Foren nie ein Defizit gemacht.

Wie sind Sie digital vernetzt?

Ich habe eine Website gegründet und die Kosten hätten von der FDI übernommen werden können, wurden sie aber nicht. Das wird in der Zukunft ein Problem werden. Vielleicht brauchen wir eine Zahnärztin, die als Ehrenamt Administrator wird. Die Kosten für die Bereitstellung der Seite bleiben.

Kommen Sie zu einem konzertierten Ergebnis am Ende des Kongresses?

Nein. Das ist nicht gewünscht und da gibt es auch zu unterschiedliche Positionen. Aber das ist eine gute Anregung: Man könnte ein Hauptthema in komplexer Form vortragen, das man am Ende mit einem politischen Statement versieht. Aber das geht nur über die Nationen, die einen Antrag einbringen, der zwar landesbezogen ist, aber auch eine länderübergreifende Vision enthält. Allgemeinplätze sind hier sicher nicht gewünscht.

Frau Petersen, werden Sie der zahnärztlichen Selbstverwaltung treu bleiben?

Ich kann das ja nicht, weil ich nicht mehr gewählt werden kann. Aber ich werde weitermachen, so wie bisher, wenn mich Kollegen anrufen; dann als befreundete Kollegin. Ich höre jetzt auch auf mit dem Vorstand im Deutschen Ärztinnenbund. Da haben wir den Kongress vom 3. bis zum 5. Oktober 2013 in Berlin. Und seit ich dabei bin, gibt es einen Vortrag über zahnmedizinische Themen. Dieses Mal werde ich einen Vortrag über Heil- und Kostenpläne im Internet halten. Aber ich bin 65 Jahre alt und denke, jetzt müssen wir Platz für jüngere Frauen machen.


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