sg
01.08.13 / 14:39

Der allwissende Patient

Kranke googeln ihre Symptome und diskutieren über ihre Diagnose in Foren. Wie wirkt sich das auf die Arzt-Patienten-Beziehung aus?



Das Berufsbild des Arztes hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt, und das Internet hat einen großen Anteil daran: Patienten kommen heute gespickt mit Internetwissen in die Praxis.

Wenn der Patient alles - besser  - weiß

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, kann sich dies problematisch auswirken, etwa wenn Patienten die Therapie des Arztes bekritteln und alles besser wissen. Auf der anderen Seite kann sich dieses Know-how auch vorteilhaft auswirken - etwa bei der Aufklärungskommunikation anbelangt.

"Der Arztalltag hat sich extrem geändert“, zitiert das Blatt Markus Büchler, Direktor der Klinik für Chirurgie an der Uniklinik Heidelberg. Alles müsse sofort und mit den neuesten Studien erklärt werden, "und wenn man etwas anderes sagt als im Internet steht, fragen die Patienten ungeduldig nach“, sagte Büchler.

Drei Viertel aller Deutschen informierten sich im vergangenen Jahr über Gesundheitsthemen im Internet, schreibt die SZ. Laut der repräsentativen "Gesundheitsstudie 2012“ der Kommunikationsagentur MSL mit Befragung von 1.001 Erwachsenen suchten mehr als die Hälfte über Wikipedia oder auf Seiten von Krankenkassen nach Gesundheitsthemen.

Die Motive sind unterschiedlich: Ein gutes Drittel der Befragten googelt, um mit Arzt oder Apotheker "auf Augenhöhe“ reden zu können. Ganze 17 Prozent suchten Informationen aus dem Internet, um erst gar nicht zum Arzt gehen zu müssen - vor allem bei leichten Krankheiten wie Erkältung, Durchfall, Warzen oder trockener Haut. 

Wikipedia - einfacher als Ärztelatein

Der Grund, wieso Patienten die Ärzte und deren Praxen scheuen, sei vielfach die schlechte Kommunikation mit den Medizinern, sprich: das Ärztelatein. Laut MSL-Studie gab jeder Dritte an, dass die Informationen im Internet verständlicher sind als das Gespräch mit dem Arzt. Nichtsdestotrotz genießen die Mediziner immer noch ein hohes Ansehen: Mehr als jeder Zweite vertraut Arztseiten im Internet mehr als denen von Krankenkassen, Patientenorganisationen, Pharmafirmen oder anderen Anbietern.

Genau dies wird  von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung als Indiz für das spezielle Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und ihren Ärzten betrachtet. "Dieses Grundverständnis hat sich während der vergangenen Jahrzehnte nicht geändert“, sagt deren Sprecher Roland Stahl gegenüber der SZ. Zwar habe sich das Arzt-Patienten-Verhältnis gewandelt, aber "gut gemachte Informationen ergänzen und erleichtern das Gespräch zwischen Arzt und Patient“, erläutert Stahl.

Lernen, wie man mit dem Patienten spricht

Eine Haltung, die von Klinikdirektor Büchler geteilt wird. Seine Patienten wüssten heute viel besser Bescheid über ihre Krankheit und Behandlungsmöglichkeiten. "So kann ich meine Therapiestrategie schneller erklären - das spart Zeit“, so Büchler.Allerdings:  Angehende Mediziner sollten besser auf das geänderte Arzt-Patienten-Verhältnis vorbereitet werden, fordert der Chirurg Büchler im Blatt. "Man muss lernen, wie man informierte Patienten auf Augenhöhe beraten kann.“

Auch Franz Eberli, Chef-Kardiologe in einem Krankenhaus in Zürich, erkennt zwar Vorzüge des Internetwissens, das sich Patienten angelesen haben. Allerdings könne das Internet die wichtige menschliche Zuwendung nicht ersetzen: "Wenn ein Patient einen schweren Herzinfarkt hatte, braucht er individuelle und einfühlsame Beratung, wie er mit der Krankheit klarkommt und was speziell für ihn wichtig ist - das kann keine noch so gute Information im Internet vermitteln“, betont Eberli.


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