eb/dpa
16.10.13 / 11:31

Hilfe aus Vietnam

Deutschland droht der Pflegenotstand. In einem Pilotprojekt machen derzeit bundesweit hundert junge Vietnamesen eine Ausbildung zum Altenpfleger. Trotz Sprachbarrieren sind die Hilfskräfte hochmotiviert.



Viel Deutsch versteht Long Pham Dinh noch nicht. Für Domino reicht es aber schon. "Fünf!", sagt der 25-Jährige so deutlich wie möglich und zeigt auf einen schwarzen Stein, "da ist eine Fünf!". Seine Mitspielerin zögert kurz, dann platziert die 91-Jährige ihren Stein an der richtigen Stelle. Die beiden sitzen in der Gemeinschaftsküche, er im blauen Kittel, sie im Rollstuhl. "Wir verstehen uns gut, wenn wir spielen", stellt die Seniorin fest. 

Pham kommt aus Hanoi, ein halbes Jahr hat er dort die deutsche Sprache gelernt. Seit einer Woche ist er nun Pflege-Azubi im Eilenriedestift in Hannover. Er ist einer von hundert Vietnamesen, die im Rahmen eines Projekts der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der Bundesrepublik für zwei Jahre eine Ausbildung zum Altenpfleger machen.

Die Zeitbombe tickt

Pflegeexperten in Deutschland warnen vor einer tickenden Zeitbombe. Derzeit sind etwa 2,4 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, 2030 sollen es nach Schätzungen bereits 3,4 Millionen sein. "Ein ganz gravierender Mangel", sagt Dominik Ziller, Migrationsexperte bei der GIZ.

Die alternde deutsche Gesellschaft sucht händeringend nach zusätzlichen Pflegekräften. "Auszubildende melden sich nicht mehr bei uns", klagt auch die Stiftsdirektorin Susanne Hartsuiker aus Hannover. In anderen EU-Staaten sieht die Lage ähnlich aus. "Mittelfristig müssen wir auch an Reservoirs außerhalb der EU rangehen", meint GIZ-Experte Ziller. 

Es muss mehr Geld ins System

Doch es gibt auch Bedenken gegenüber der Anwerbung von nicht-europäischem Pflegepersonal. Nur mit ausländischen Pflegekräften lasse sich die Fachkräftelücke nicht schließen. Die Ausbildungszahlen müssten gesteigert und der Beruf müsse insgesamt attraktiver gemacht werden, fordern etwa die hessischen Grünen.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) plädiert für eine bessere Bezahlung bei den Pflegeberufen und für mehr Zeit für die Pflege. Um dies zu finanzieren, müsse mehr Geld ins System, sagte der AWO-Vorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, Rudolf Borchert.

Verbindungen aus DDR-Zeiten

In Vietnam ist die Bevölkerung noch jung. Das südostasiatische Land hat kein Pflegeproblem, weil dort Altenpflege nach westlichem Muster nicht existiert. "Die Alten wohnen in der Familie", berichtet Pham in gebrochenem Deutsch. Auch die historischen Beziehungen zu dem fernen Land spielten laut Ziller eine Rolle bei der Auswahl. "Deutschland ist in Vietnam aus DDR-Zeiten hoch angesehen", meint Ziller. Die diplomatischen Beziehungen vor dem Fall der Berliner Mauer waren eng.

Anfang September sind die hundert Pfleger in Frankfurt gelandet, nun haben sie ihre Arbeit aufgenommen. Mit dem Pilotvorhaben soll vor allem die Ausbildung ausländischer Fachkräfte in Deutschland unter die Lupe genommen werden. Die Teilnehmer mussten bereits eine abgeschlossene Pflege-Ausbildung aus ihrer Heimat vorweisen. "Sie sind sehr wissbegierig und in der Umsetzung stark", lobt Altenheim-Chefin Hartsuiker ihre neuen Fachkräfte aus Fernost. 

Gehen oder bleiben?

Nach zwei Jahren Ausbildung können die Nachwuchskräfte entscheiden, ob sie nach Vietnam zurückkehren oder weiter in Deutschland arbeiten möchten. Pham möchte erstmal bleiben. Jeden Morgen um sieben beginnt sein Dienst, er läuft noch viel mit, wäscht und kleidet die Alten, hilft ihnen beim Essen, sorgt für Zeitvertreib.

Mit Domino zum Beispiel. Bereits in der Ausbildung verdient er hierzulande mehr als in seinem Krankenpflegerjob in der Heimat. Und an der Sprache feilt er noch: Jeden Dienstagabend und Samstag besucht er mit seinen vietnamesischen Kollegen einen Deutschkurs.


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