Birgit Dohlus
08.10.13 / 11:05

KAI ist 25 Jahre alt

1988 wurde ein Kind geboren, das bis heute eine wichtige Rolle bei der Mundhygiene-Unterweisung der Kinder spielt. In diesem Herbst wurde KAI 25 Jahre alt. Die Journalistin Birgit Dohlus war auf Spurensuche.



Dass aus der spontanen Bemerkung eines Kindes eine große anhaltende Bewegung wurde, ist insbesondere Dr. Erika Reihlen zu verdanken. Die langjährige Vorsitzende der LAG Berlin ist in den vergangenen Jahren für ihr herausragendes Engagement von vielen Seiten ausgezeichnet worden, nicht zuletzt von der LAG selbst 2008 aus Anlass ihres Ausscheidens als Vorsitzende aus dem Vorstand.

Birgit Dohlus: Frau Dr. Reihlen, können Sie sich noch an den Moment erinnern, als KAI geboren wurde?

Reihlen: Nicht nur ein Moment ist mir in Erinnerung, es sind mehrere. Sommer 1988. Angemeldet in einer Schule - in einer 4. Klasse der Henri Dunant-Grundschule in Berlin-Steglitz - bin ich zur zahnärztlichen Vorsorge-Untersuchung mit vorausgehender Prophylaxe-Unterweisung gefahren. Die Kinder begrüßten mich, die meisten erkannten mich vom Vorjahr wieder. Zähneputzen war sofort das Thema: „Wisst ihr noch, wie’s geht?“, habe ich die Kinder gefragt. Ich schrieb drei Wörter - untereinander geordnet - an die Tafel: Kauflächen, Außenflächen, Innenflächen.

Wir lasen und sprachen die drei Wörter gemeinsam - plötzlich meldete sich ein Junge:„Kauflächen, Außenflächen, Innenflächen - das ist ja KAI!“ Pfiffige Idee, dachte ich spontan. Was daraus wurde, konnte ich in dem Moment nicht ahnen - und leider habe ich den Jungen nicht nach seinem Namen gefragt.

In welcher Funktion waren Sie damals in der Schule beziehungsweise in der Kita?

Ich war als Jugendzahnärztin im Öffentlichen Gesundheitsdienst tätig. Zu diesem Aufgabengebiet gehören zahnärztliche Untersuchungen für Kindergarten- und Schulkinder, Unterweisungen und Übungen in der zahnmedizinischen Prophylaxe (Gruppenprophylaxe) und damals auch zahnärztliche Kinderbehandlungen in besonderen Fällen.

Gab es da schon eine Verbindung zur LAG?

Reihlen: Meine Verbindungen zur LAG - damals lag sie in den Geburtswehen - bestehen seit Anfang der 80er Jahre. Das war die Zeit, als bundesweit in der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) und danach landesweit in Krankenkassen- und Gesundheitsverwaltungen die ersten Überlegungen und Forderungen zur Förderung der Zahngesundheit bei Kindern und Jugendlichen auf der Tagesordnung standen.

Die LAG in heutiger Struktur gemäß gesetzlicher Grundlage des § 21 SGB V gab es damals noch nicht. Sie entstand erst 1990. Ihre Vorgängerorganisation von 1984, gleichermaßen LAG genannt, wurde aufgelöst. Der LAG-Vorsitz lag lange Jahre beim Präsidenten der Zahnärztekammer. Ich selber, Vertreterin des Landes Berlin, wurde zur Stellvertretenden Vorsitzenden gewählt, Vorsitzende wurde ich erst 1999.

Wie konnte KAI so populär werden - ganz ohne Internet und große Werbekampagnen? Und welche Rolle spielte dabei die LAG Berlin?

Reihlen: KAI ist genau in die Zeit hinein geboren worden, die „seine“ Zeit war, die Zeit der Profilgewinnung zahnmedizinischer Gruppen- und Individualprophylaxe in Deutschland. KAI und die Pfiffigkeit seines zehn Jahre alten Entdeckers haben Kinder und große Leute überzeugt und begeistert.

Natürlich habe ich als Geburtshelferin von KAI zu seinem Bekanntwerden beigetragen, durch Gespräche mit Kindern, Eltern, Erziehern, Lehrern, Prophylaxe-Helferinnen, durch Beteiligung an Fortbildungen dieser Berufsgruppen, durch Veröffentlichung zahnmedizinischer und pädagogischer Fachartikel.

Auch die Mitarbeiter der LAG Berlin haben sowohl in ihrer täglichen Arbeit als auch dort, wo sie sich an bundesweiten Fortbildungen beteiligten, den KAI bekannt gemacht. Die Technik findet sich heute nicht nur in Veröffentlichungen von zahnärztlichen Standesorganisationen und Krankenkassen.

Bis in die Apotheken-Umschau hat KAI es im letzten Jahr gebracht. In etlichen Kinder-Bilderbüchern mit dem Zahnputzthema hat KAI heute seinen Platz. Und vor allem: Die bundesweit eingesetzten gesundheitspädagogischen Lehr- und Lernmaterialien für Kindergarten und Schule - herausgegeben vom Verein für Zahnhygiene in Darmstadt - arbeiten nur noch mit KAI.

Kennt man KAI eigentlich auch im deutschsprachigen Ausland?

Konkret antworten kann ich nur für die Schweiz, denn die „Dreiflächenmethode Kauflächen - Außenflächen - Innenflächen“ habe ich bei Fortbildungen in der Schweiz kennengelernt, nur hatte sie bis 1988 keinen Namen. Aber einige Zeit nach der Geburt von KAI erhielt ich einen Brief von Prof. Dr. Thomas Marthaler, einem um die zahnmedizinische Prophylaxe verdienten Hochschullehrer in Zürich, der erfreut seine Absicht kundtat, den KAI adoptieren zu wollen.

Was macht die Formel KAI für Kinder so besonders? 

KAI - ein kurzer, konkreter, allen bekannter Name für eine von Groß und Klein ernst genommene, jeden Tag von neuem und mehrmals auszuübende Tätigkeit - dieser Name schafft Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern und die Wertschätzung gesundheitlicher Vorsorge durch die Kinder selbst.

Gilt denn KAI auch noch in Zeiten der modernen elektrischen, schallaktiven und sonstigen Zahnbürsten?

Ja, ernst genommene Systematik im Kopf hilft in jedem Fall, alle Zahnflächen zu säubern und das elektrische Instrument nicht nur einfach rotieren zu lassen.

Die Kinder, die schon morgen oder übermorgen ein LAG-Team in Kita oder Schule treffen: Putzen sie heute immer noch nach der KAI-Methode?

Ja selbstverständlich! Es gibt keine überzeugendere Methode! Machen Sie die Probe, wenn Sie Kinder in Berlin oder aus anderen Bundesländern treffen. 2006 kam sogar der Vorschlag aus Hessen, nachdem die KAI-Methode für Kinder und Jugendliche nun „ein alter Hut“ sei, seien jetzt die Erwachsenen an der Reihe, nach dem Motto 'KAI - die Zahnpflegemethode für alle Altersgruppen'.

Jetzt kommt die Frage zum Tag der Zahngesundheit. Sollten Kinder in der Schule Zähneputzen können?

Ja, Kinder sollten in der Schule Zähneputzen können, vor allem, wenn sie in der Schule Mittagessen bekommen. Und: Kinder sollten frühzeitig wissen, dass Zähneputzen ihre Zähne nicht nur sauber, sondern dass das Fluorid in der Zahnpaste ihre Zähne auch stark macht. Ich habe immer wieder Schulen erlebt, zum Beispiel auch Einrichtungen und Bildungsstätten für Menschen mit Behinderungen, in denen Kinder ihre Zähne putzen konnten und geputzt haben.


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