ck/pm
07.08.13 / 12:03

Rollende Kollegen

In sechs Dörfern im Landkreis Wolfenbüttel dreht die "Rollende Arztpraxis" ihre Runde: Hier hält ein Mediziner in einem als Praxis ausgestattetem Transporter seine Sprechstunde.




Der demografische Wandel stellt die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten vor neue Herausforderungen: Immer mehr älteren Menschen stehen immer weniger niedergelassene Ärzte gegenüber. In Niedersachsen, insbesondere im Landkreis Wolfenbüttel, ist dieser Ärztemangel besonders stark zu spüren.

Fahrt über die Dörfer

Darum beteiligt sich die Stadtl als einer von insgesamt drei niedersächsischen Modelllandkreisen an der Initiative "Zukunftsregion Gesundheit“ des niedersächsischen Gesundheitsministeriums. Ein Projekt der ersten Stunde für Wolfenbüttel ist die „Rollende Arztpraxis“. Die Idee: Ab dem 6. August fahren Hausärzte in einem medizintechnisch ausgestatteten Bulli über die Dörfer. Dort betreuen sie Patienten, die selber keine Praxis aufsuchen können. Vor allem den älteren Patienten mit einer chronischen Erkrankung sollen beschwerliche Wege erspart bleiben. Das Pilotprojekt ist zunächst bis Ende 2014 angesetzt. Vorbild sind ähnliche Projekte in der Schweiz.

Im gesamten Landkreis  Wolfenbüttel können Hausärzte die Rollende Arztpraxis mit Haus- und Heimbesuchen beauftragen, um sich zeitlich zu entlasten. Technisch ist die Rollende Arztpraxis mit der beauftragenden Hausarztpraxis vernetzt. So stehen der mobile Arzt und der Hausarzt im direkten Austausch. Für beauftragte Hausbesuche sind zunächst sechs Stunden pro Woche eingeplant. Die mobile Praxis fährt zudem an festen Wochentagen sechs Dörfer im Kreisgebiet an: Roklum, Cramme, Flöthe, Winnigstedt und Hedeper.

Kompliziertes Innenleben

Das Innenleben des Volkswagen Crafter, der die Arztpraxis beherbergt, wurde den medizinischen Anforderungen entsprechend umgestaltet. Dabei darf der Kleintransporter nicht mehr als 3,5 Tonnen wiegen, damit ihn Ärzte mit einem Führerschein der Klasse B fahren können. Die komfortable Einrichtung ermöglicht eine umfassende medizinische Behandlung, unter anderem sind ein tragbares EKG-Gerät, ein Blutdruckmessgerät und ein Akutlabor vorhanden.

Ein Ziel der Rollenden Arztpraxis“: die Ärzte in den Dörfern zeitlich spürbar zu entlasten, so dass auch Nachwuchskräfte eher bereit sind, sich auf dem Land niederzulassen. Laut der aktuellen ärztlichen Bedarfsplanung könnten sich in Niedersachsen im Moment 360 zusätzliche Hausärzte in ländlichen Regionen niederlassen. Allerdings entscheidet sich ein Großteil der Ärzte für die Stadt.

Auch für die Gemeinden wären mehr niedergelassene Ärzte auf dem Land von Vorteil: Eine gute ärztliche Versorgung trägt zu einer hohen Lebensqualität bei, die für Bürger bei der Entscheidung aufs Land zu ziehen von Bedeutung ist, meinen die Initiatoren des Projektes.

"Wir wollen sehen, ob es angenommen wird und ob es auch für andere Regionen ein Modell sein kann", sagte Jörg Röhmann (SPD), Staatssekretär im Gesundheitsministerium. Die Versorgungseinheit auf vier Rädern versteht sich dabei nicht als Konkurrenz, sondern als ergänzendes Angebot zu den niedergelassenen Hausärzten.

Die mobile Versorgung

"Mobile Versorgung muss ein Thema werden, erst recht in einem Flächenland wie Niedersachsen", sagte Mark Barjenbruch, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Noch gebe es auf ganz Niedersachsen bezogen zwar keine Unterversorgung, jedoch sei die Ärztedichte sehr unterschiedlich.

Die TU Braunschweig begleitet und evaluiert das Projekt . Bis Ende 2014 soll geprüft werden, ob die "Rollende Arztpraxis“ von den Patienten angenommen wird und somit als  langfristige Maßnahme gegen den Ärztemangel in Frage kommt.

Zu den Projektpartnern zählen die AOK Niedersachsen, die Braunschweiger Informatik- und Technologie-Zentrum (BITZ) GmbH, die Deutsche BKK, die KVN, der Landkreis Wolfenbüttel, das Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig, die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, Volkswagen Nutzfahrzeuge, die Wolfsburg AG sowie die Initiatoren der "Zukunftsregion Gesundheit“.
 


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