Susanne Theisen
08.05.13 / 10:52

Spaß statt Angst

Gegen die Angst vorm Zahnarzt bei Kindern hilft vor allem ein Mittel: Spaß. In der "Krokoklinik" stellen Berliner Zahnmedizinstudierende sicher, dass die jungen Patienten jede Menge davon haben.




Unübersehbar hängt das Plakat an der grauen Wand vor dem Eingang der Zahnklinik in Berlin-Wilmersdorf. In großen, bunten Buchstaben steht darauf: Krokoklinik. Unten auf dem Plakat ist, breit grinsend, das Zahnputzkrokodil Kroko zu sehen - seit über 20 Jahren das Maskottchen der Landesarbeitsgemeinschaften zur Verhütung von Zahnerkrankungen und Namensgeber der Aktion.

Wer die Zahnklinik in der Aßmannshauserstraße betritt, hört sofort, dass Kroko das Kommando bereits übernommen hat. Aus allen Ecken und Enden der langen Flure schallen Kinderstimmen herüber und immer wieder begegnet man Studierenden, die die grüne Stoffpuppe Kroko auf dem Arm haben - gefolgt von einer Traube kleiner Besucher.

Eine Meisterin im Zähneputzen

Im Foyer tummelt sich eine 15-köpfige Kita-Gruppe. Aufgereiht in einer wuseligen Schlange warten die Drei- bis Sechsjährigen darauf, ihre Urkunde zu bekommen. Die kleine Nicola hält ihre schon stolz in der Hand. "Hiermit wird bestätigt, dass Nicola eine Meisterin im Zähneputzen ist“, heißt es auf dem Papier. Wie und wann man am besten zur Zahnbürste greift, haben sie und ihre Kita-Kollegen vor 20 Minuten an der letzten der insgesamt vier Stationen der Krokoklinik gelernt.

Während Nicola ihre Urkunde ganz genau in Augenschein nimmt, fliegt eine andere Kita-Gruppe an ihr vorbei. Richtig: fliegt. Für die Wege zwischen den vier Stationen haben sich die Studenten ein Spiel ausgedacht: Alle Kinder versammeln sich hinter einer Studentin oder einem Studenten und knien sich hin. Dann breiten alle ihre Arme aus, stehen auf und starten laut brummend ihren Motor. Unter lautem Getöse bewegt sich der Trupp dann durch die langen Flure. Langeweile kommt so zwischen den Stopps garantiert nicht auf.

Erster Halt ist die Station "Die Mundhöhle“. Dort lernen die Kinder anhand eines Posters, was es alles in ihrem Mund gibt und wofür die einzelnen Teile wichtig sind. "Was haben wir denn alles im Mund?“, fragt Student Marco Döblitz in die Runde. "Eine Zunge“, sagen einige Kinder. "Genau. Und was können wir mit der machen?“ Kurze Bedenkpause: "Lecken.“ Döblitz: „Richtig. Und wie sollte die Zunge immer aussehen?“ Jetzt kommt die Antwort schnell: "Rot!“- "Genau. Und wenn sie mal dreckig ist, dann putzen wir sie mit. Wir putzen die Zähne und die Zunge“, erklärt der Student.

Das Wabbelding im Rachen

Auch als es um die Themen Zähne und Lippen geht, tragen die Kinder ihr Wissen zusammen. Allein beim Gaumenzäpfchen müssen sie passen. Wofür "das Wabbelding hinten im Rachen“ gut ist, können sie sich nicht vorstellen. Marco Döblitz verrät es ihnen: "Das brauchen wir zum Schlucken.“

Auf spielerische Art und Weise entdecken lautet das Motto für die zweite Station "Beim Zahnarzt“. Im freundlich gestalteten Behandlungsraum der Abteilung für Kinderzahnheilkunde im ersten Stock der Klinik lernen die Kinder die zahnärztlichen Instrumente und Geräte kennen.

Die fünfjährige Bensu leert gerade mit dem Sauger einen Becher Wasser und hat sichtlich Spaß dabei. Duygu Kilic, Studentin im 8. Semester und Chef-Organisatorin der Krokoklinik, beobachtet sie mit Freude. "Genau das wollen wir mit der Krokoklinik erreichen. Die Kinder sollen Spaß auf dem Zahnarztstuhl haben, so dass sie erst gar keine Angst bekommen oder bestehende Ängste abbauen können“, führt sie aus.

Die verlängerten Hände des Zahnarztes

Angstpatienten scheint es in dieser Gruppe nicht zu geben. Freiwillige, die auf einen der Behandlungsstühle klettern wollen, sind schnell gefunden. Bensu, die sich als eine der ersten gemeldet hat, geht jetzt mit Oberarzt Dr. Christian Finke, Leiter des Arbeitsbereichs Kinderzahnmedizin, die Instrumente durch. "Weißt du, was das hier ist?“, fragt  der Zahnmediziner und zeigt auf die Pinzette. Bensu schüttelt den Kopf. "Das sind die verlängerten, sauberen Hände eines Zahnarztes“, erklärt Finke und gibt sie dem Mädchen in die Hand, damit sie selbst ein bisschen damit herumspielen kann. Auch an den anderen Behandlungsstühlen sind Studierende und Kinder ins Gespräch vertieft.

Durch die Krokoklinik lernen nicht nur die Kinder, sondern auch die Studierenden viel dazu, sagt Duygu Kilic. "Im Grundstudium kommt man nicht oft mit der Kinderzahnheilkunde in Kontakt, sie ist ja ein Spezialisierungsgebiet. Dank der Krokoklinik haben wir aber trotzdem Gelegenheit, die Kommunikation mit Kindern zu trainieren - auch, wenn die Begegnungen fachlich natürlich nicht in die Tiefe gehen“, so die 23-Jährige. "Es geht vor allem darum, erste Erfahrungen im Umgang mit den ganz jungen Patienten zu sammeln.“

Studierende, die bei dem Projekt mitmachen, sieht Kilic klar im Vorteil. "Ich war jetzt schon oft bei der Krokoklinik dabei und habe extrem viel gelernt, gerade am Zahnarztstuhl, der ja nicht sehr attraktiv für die meisten Patienten ist. Kindern kann ich ihn mittlerweile so vorstellen, dass sie sich einigermaßen wohlfühlen, wenn sie dort sitzen“, erzählt die angehende Zahnmedizinerin.

Pro und Contra Gummibärchen

Dass die Krokoklinik ihnen hilft, mit Kindern besser umzugehen, bestätigen auch Zeina Wehwe und Antje Cassens, die gemeinsam die Station "Lecker und gesund essen“ betreuen. Zusammen mit den Kindern ordnen die beiden Studentinnen Lebensmittel den Kategorien gesund und ungesund zu. Keine Probleme gibt es bei Äpfeln oder Karotten. Alle Kinder stimmen zu, dass das gesundes Essen ist. Bei Cola, Chips und Gummibärchen gehen die Meinungen allerdings auseinander. Die sähen die Kinder gerne auf der guten Seiten - die Studentinnen müssen sie nun vom Gegenteil überzeugen.

Mit komplizierten Sätzen kommt man dabei nicht sehr weit, stellen die beiden fest. "Es ist wichtig, dass wir uns dem Sprachniveau der Kinder annähern, damit sie sich sicher fühlen und sehen, dass es uns darum geht, Spaß mit ihnen zu haben“, sagt Zeina Wehwe. Das erfordere vor allen Dingen Geduld, fügt ihre Kommilitonin Antje Cassens hinzu: "Man muss den Kindern Zeit zum Auftauen geben. Die ersten Fragen werden immer sehr verhalten beantwortet, aber, wenn man ihnen ein bisschen auf die Sprünge hilft, verschwindet ihre Scheu schnell.“

Sieben Kita-Gruppen lotsen die Studenten an diesem Tag durch den einstündigen Parcours der Krokoklinik. Duygu Kilic ist ins Foyer zurückgegangen und beobachtet, wie eine Gruppe sich verabschiedet und die nächste ankommt. Mit ihr wird sie gleich erneut durch die Flure fliegen und sie zu den vier Stationen begleiten.

Lange Warteschlange

Die Kitas haben laut Kilic großes Interesse, die Krokoklinik zu besuchen. "Die Warteschlange ist lang“, sagt sie. Deshalb will die Fachschaft die Aktion zwei Mal jährlich, jeweils am Tag vor Semesterbeginn, anbieten und so ausbauen, dass in Zukunft noch mehr Gruppen kommen können.

Nach und nach sollen außerdem neue Stationen hinzukommen. "Wir würden den Kindern zum Beispiel gerne zeigen, wie Karies aussieht oder wie man in einen Zahn bohrt. Für den Angstabbau wäre das sicherlich gut. Aber mit den ausgeliehenen Krokos von der LAG geht das natürlich nicht, dafür bräuchten wir unsere eigenen“, sagt Kilic.

Zufrieden, betont die Studentin, sei sie aber schon mit den jetzigen Ergebnissen. Sehr sogar, fügt sie hinzu, und erzählt von einem Gespräch, das sie mit einer Erzieherin hatte: "Sie hat mir gesagt, dass sich die Teilnahme an der Krokoklinik für sie schon gelohnt hat, wenn dadurch nur ein Kind weniger unter Vollnarkose behandelt werden muss. Das fand ich total beeindruckend.“
 


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