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27.03.15 / 11:27

"Trotz Plusquamperfekt habe ich nichts verstanden"

Diana Podolska ist Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Dortmund. Auf dem Gesundheitskongress des Westens in Köln erzählte die gebürtige Ukrainerin,was in deutschen Kliniken anders läuft als in ihrer Heimat und warum sie hier einen holprigen Start hatte.



"Ich habe Medizin in der Ukraine studiert und als ich 1997 nach Deutschland kam, war mir von Anfang an klar, dass ich mit der Sprache anfangen muss, wenn ich hier als Ärztin arbeiten will", beschreibt sie ihre Situation zu Beginn in dem für sie neuen Land.

Sie denkt, ein Deutschkurs für ausländische Studenten sei das Richtige. Danach wähnt sich perfekt für ihren künftigen Job gerüstet: "Am Ende beherrschte ich schließlich den Plusquamperfekt und konnte Romane auf Deutsch interpretieren", erzählt sie - nicht ohne Selbstironie.

Erhöhte Schwierigkeitsstufe: Unterhaltungen mit Mundschutz

Als ihr Studium unerwartet doch anerkannt wird, schreibt sie hochmotiviert 40 Bewerbungen. Mit Erfolg! Sie kriegt ihre erste Stelle! "Doch trotz Plusquamperfekt habe ich nichts kapiert und konnte mich mit den Kollegen nicht verständigen!", schildert sie ihre ersten Erfahrungen im neuen Job. "Allein der Mundschutz im OP hat die Gespräche unmöglich gemacht, weil ich das Gesicht meines Kollegen ja gar nicht sehen konnte!"

Eine noch größere Hürde besteht jedoch darin, dass sie die Fachsprache nicht beherrscht - ihr fehlen schlicht die Wörter. "Man muss wissen: Wie kommuniziere ich in einem Notfall, wie spreche ich mit Angehörigen und wie führe ich eine strukturierte Patiententenübergabe durch." Statt das benötigte Fachvokabulars zu lernen, las sie im Sprachkurs Belletristik und paukte Grammatik. "Die Anforderungen sind in den Sprachkursen viel zu theoretisch", bilanziert sie.

In Osteuropa hat der Arzt das Sagen

Darüber hinaus sind ihr die Abläufe im deutschen Klinikalltag total fremd. Von der Dokumentation, dem Erstellen von Arztbriefen hatte sie keine Ahnung, von den in Deutschland einmaligen codierten Fallpauschalen noch nie etwas gehört. Und während in Osteuropa eher individuelle Erfahrungsmedizin praktiziert wird, setzt man in Deutschland auf evidenzbasierte Medizin und orientiert sich an Leitlinien.

Eine weitere Schwierigkeit: In Osteuropa ist das Arzt-Patienten-Verhältnis traditionell patriarchalisch geprägt. Podolska: "Bei uns gibt der Patient die Verantwortung an den Arzt ab und akzeptiert seine Entscheidungen. Der Arzt ist auch der direkte Vorgesetzte der Krankenschwester. In Deutschland dagegen will der Patient auf Augenhöhe mitreden, und auch die Struktur auf den Stationen ist anders."

Last but not least: "die Mentalität", sagt sie und lacht.

Diana Podolska wurde 1971 in Kiew geboren, immigrierte 1997 nach Deutschland, machte hier 1998 ihr AiP, 2004 ihren Facharzt für Anästhesiologie, seit 2005 ist sie Oberärztin für Intensivmedizin und Anästhesie und arbeitet an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Dortmund. WISO/Schmidt-Dominé



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