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28.02.14 / 11:20

Verteilungskampf in der Großstadt

BER, Groupon und Verteilungskampf: Zum Berliner Zahnärztetag steht der Präsident der Berliner Zahnärztekammer, Dr. Wolfgang Schmiedel, Rede und Antwort zu den aktuellen Herausforderungen für Berlins Zahnärzte.



zm-online: Herr Schmiedel, was sagen Sie dazu, dass am BER eine Zahnarztpraxis längst ihre Arbeit aufgenommen hat, während die Verantwortlichen für den Bau nicht sagen können, wann der Flughafen einmal seiner eigentlichen Bestimmung nachkommen wird?

Schmiedel: Nach Pressemeldungen der letzten Tage verschiebt sich die Inbetriebnahme des Flughafens BER erneut - nunmehr (vielleicht?) auf das Jahr 2016. Abgesehen davon, dass die vielen Kleinunternehmer, die bereits vor längerem Mietverträge für zukünftige Ladengeschäfte im Flughafenbereich abgeschlossen haben, mir außerordentlich leidtun, finde ich es im wahrsten Sinne des Wortes "weitsichtig", dort eine Zahnarztpraxis anzusiedeln, und welche Praxis hat schon einen eigenen Autobahnzubringer?

Still ruht der Airport: Der Flughafen BER gleicht einer Geisterstadt. Eigentlich sollten hier sei fast zwei Jahren Jumbos in die ganze Welt abheben. Aber offenbar hat niemand die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen... zm

Es ist im Moment allerdings eher bewundernswert von den Brandenburger Kollegen, ihre Praxis auf der Flughafen-Baustelle zu eröffnen. Denn wo suchen sich Patienten ihren Arzt? Entweder an ihrem Wohnort oder in der Nähe ihrer Arbeitsstelle. Aber genügend Bau- und Wachpersonal scheint ja bereits vor Ort zu sein, um Patienten zu akquirieren. In diesem Sinne wünsche ich der Praxis und den dort tätigen Kollegen einen guten Erfolg und vor allem, dass sie ihre Standortwahl nicht bereuen mögen. Vor allem wünsche ich mir, tatsächlich irgendwann einmal vom BER abfliegen zu können.

trotzdem praktizieren die Zahnärzte im Medical Center am BER bereits. zm

Was bewegt Sie berufspolitisch zu Beginn des Berliner Zahnärztetages 2014?

Es ist nahezu täglich immer wieder aufs Neue unsere Aufgabe, die Zahnärztekammer gegenüber den Gesundheitspolitkern zu positionieren und die Vorteile der zahnärztlichen Selbstverwaltung und die damit verbundene Entlastung für den Staat zu betonen - aber auch zu verteidigen.

Hier gilt es zum einen sowohl gegenüber der neuen Bundesregierung als auch gegenüber den Verantwortlichen auf europäischer Ebene, die freiberufliche zahnärztliche Berufsausübung als unverzichtbar darzustellen, zum anderen, berufsschädigenden Tendenzen innerhalb unseres Berufsstandes zur Vergewerblichung entgegenzutreten. Dies alles muss flankiert werden mit einem glaubhaften und nachhaltigen Einsatz für unsere Patienten, denen im Rahmen ihrer freien Zahnarztwahl die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen wir unablässig verpflichtet sind.

Dr. Wolfgang Schmiedel: Zum Berliner Zahnärztetag verweist er darauf, dass die freiberufliche zahnärztliche Berufsausübung unverzichtbar ist und die Selbstverwaltung den Staat entlastet. Dohlus

Darüber hinaus beschäftigt und bedrängt uns das Thema Fachkräftemangel in zunehmenden Maße. Bei unserem Praxispersonal müssen wir auch in der Kollegenschaft das Bewusstsein dafür schärfen, dass dem nur entgegengewirkt werden kann, wenn ansprechende Bedingungen geboten werden.

Das beginnt bei der Hilfestellung während der Ausbildung und endet bei einer angemessenen, anständigen Bezahlung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die im Vergleich zu anderen Bundesländern von 2012 zu 2013 gestiegene Zahl der neuen Ausbildungsverträge in Berlin zeigt, dass wir hier auf einem richtigen Weg sind.
 
Sie sind Kammerpräsident in der Bundeshauptstadt mit einer sehr hohen Zahnarztdichte. Gibt es in Berlin zu viele Zahnärzte?

Berlin hat nicht nur eine sehr hohe, sondern die höchste Zahnarztdichte der Welt: Pro 100.000 Einwohner bieten über 90 Zahnarztpraxen ihre Dienste an. Dies verschärft den Wettbewerb ganz erheblich - sowohl bei den Patienten als auch zum Beispiel beim Werben um gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Es ist wohl ein städtisches Phänomen, dass die Fluktuation in der Patientenschaft vieler Praxen sehr hoch ist. Letztlich wird sich immer die Verlässlichkeit und Qualität der Behandler durchsetzen und es an der Führung jeder einzelnen Praxis liegen, ob das seitens unserer Patienten zu Recht in uns gesetzte Vertrauen auch erfüllt wird.

Bedauerlicherweise hat der harte "Verteilungskampf" innerhalb der Kollegenschaft dazu geführt, dass vermehrt innerhalb der Kollegenschaft vermittelt, beziehungsweise geschlichtet werden muss. Hier kommt gerade der Zahnärztekammer eine große Bedeutung zu, im Rahmen der kollegialen Selbstverwaltung auf die stringente Einhaltung der Berufsordnung zu achten und Schaden vom Ansehen des Berufsstandes abzuwenden.

Einige Praxen vermitteln die Atmosphäre von Raumschiff Enterprise und bieten über die Zahnheilkunde hinaus Leistungen über Kosmetik, Maniküre und Pediküre bis hin zu Waxing an. Den Kunden gefällt’s womöglich. Was halten Sie davon? 

Wer mich kennt, kennt auch meine Antwort: Gar nichts! Eine Zahnarzt-Praxis ist sicher nicht für jedes Lifestyle-Produkt der richtige Präsentationsrahmen. Im Mittelpunkt einer Zahnarztpraxis hat immer eine seriöse Zahnmedizin zu stehen und eine Vermischung mit Zahnmedizin-fremden Dienstleistungen sollte nach meiner Auffassung tunlichst vermieden werden.

In diesem Zusammenhang erinnere ich immer wieder gern an das "Genfer Gelöbnis", dem selbstverständlich auch wir Zahnmediziner uns verpflichtet fühlen sollten. Hier heißt es wörtlich: "Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein".

Es muss die Frage gestattet sein, was Maniküre und Pediküre mit der Gesundheit der sich uns anvertrauenden Patienten zu tun haben. Das mir bekannteste "Negativbeispiel" ist die Reklame einer Berliner Zahnärztin, die damit wirbt: "Tattoos - bei uns garantiert steril".

Dies sind Auswüchse, die ganz sicher dem bereits angesprochenen "Verteilungskampf" geschuldet sind und nach meiner festen Überzeugung die engagierte, qualitativ hochstehende medizinisch-kurative Behandlung der allermeisten Behandlerinnen und Behandler konterkarieren - zum Schaden des gesamten Berufsstandes!
 
Ist das Phänomen "Groupon" für Sie ein typisch urbanes?

Zum Groupon-System wurden bereits in etlichen Fällen - nicht nur, aber gerade auch in Berlin - Abmahnungen ausgesprochen. Richterliche Entscheidungen der jüngsten Zeit, die ein diesbezügliches Zuwiderhandeln mit Strafen bis zu 250.000 Euro belegen, scheinen im Bereich der Zahnmedizin abschreckende Wirkung zu erzielen, sodass hier in Berlin erfreulicherweise ein deutlicher Rückgang der über Groupon erworbenen zahnärztlichen Leistungen zu verzeichnen ist. 

Jeder Angehörige unseres Berufsstandes weiß oder sollte zumindest wissen, dass das zahnärztliche Honorar ist immer anhand der GOZ zu bestimmen und angemessen nach sachlich medizinischen Kriterien wie Zeitaufwand oder Schwierigkeit der Behandlung zu gestalten ist.

Groupon ist eher ein Phänomen der „Generation Web 2.0“ als ein urbanes. Auch auf dem Land wird im Internet gesurft und für ein vermeintliches Schnäppchen in die nächste Stadt gefahren. Patienten, die überlegen, ein solches Angebot in Anspruch zu nehmen, sollte bewusst gemacht werden, dass die von Zahnärztinnen und Zahnärzten zu Recht geforderte Qualität immer auch ihren Preis hat.
 
Der Direktor der Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos, hat gerade ein verstörendes Buch veröffentlicht ("Deutschland misshandelt seine Kinder") In welcher Verantwortung sehen Sie hier die Berliner Zahnärzteschaft?

Nicht nur das Buch von Professor Tsokos, auch seine diesbezüglichen Vorträge, die ich gehört habe, sind in der Tat verstörend und aufrüttelnd. Gerade wir Zahnärzte sind hier in der Verantwortung, mögliche Misshandlungen frühzeitig zu erkennen. Zum Zahnarzt kommen Eltern mit ihren Kindern oft noch, wenn sie sich bereits nicht mehr trauen, ihre Kinder beim Allgemeinmediziner vorzustellen.

In dem Wissen um ihre diesbezügliche Verantwortung hat die Zahnärztekammer Berlin schon vor einem Jahr, also schon vor dem Erscheinen des Buches von Professor Tsokos, einen Flyer zur Information für die Kollegenschaft herausgegeben: "W.I.R. - Wissen, informieren, reagieren".

Ein aufsehenerregendes Buch: Bereits ein Jahr vor der Veröffentlichung von "Deutschland misshandelt seine Kinder" hat die Zahnärztekammer Berlin die Broschüre "W.I.R. - Wissen, informieren, reagieren" zur Intervention bei Kindesmisshandlung herausgegeben. zm

Diese Broschüre, die bei der Zahnärztekammer abgefordert werden kann, soll unsere Kollegen für dieses schreckliche Thema sensibilisieren - und im konkreten Falle Hilfestellung anbieten. Auch in unseren regelmäßigen zahnärztlichen Fortbildungsveranstaltungen haben wir das Problem bereits thematisiert und auf die Möglichkeiten einer frühzeitigen Intervention hingewiesen.

Neben Kindern gibt es in einer Großstadt noch viele andere Menschen, die in der urbanen Hektik unsichtbar werden. Wo engagieren sich die Berliner Zahnärzte besonders?

Die Berliner Zahnärzteschaft engagiert sich seit vielen Jahren für Gruppen, die in der Großstadt-Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Unser seit dem Jahre 2001 bestehendes "Berliner Hilfswerk Zahnmedizin" finanziert aus seinen Mitgliedsbeiträgen und Spenden die zahnmedizinische Versorgung vieler hilfsbedürftiger Menschen.

Berliner Zahnärzte und Vertreter der Körperschaften bei einer regionalen Special Olympics-Veranstaltung (v.l.n.r.): Dr. Michael Dreyer (KZV Berlin), Rainer Grahlen (LAG Berlin, Dr. Imke Kaschke (Special Olympics Deutschland e.V.) zm

Die ehrenamtliche zahnmedizinische Betreuung in Einrichtungen für erwachsene Menschen mit Behinderungen im Rahmen eines von uns finanzierten Gruppenprophylaxeprojekts, die Versorgung im „Fixpunkt“, einem Projekt für Drogenabhängige, sowie der ehrenamtliche Einsatz von Berliner Kolleginnen und Kollegen in zwei Praxen für Obdachlose sind nur drei Beispiele eines vielfältigen und nachhaltigen Einsatzes. Auch am "Special-Smiles-Programm" der "Special Olympics" beteiligen sich Kolleginnen und Kollegen aus Berlin.

Die Fragen stellte Sara Friedrich


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