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19.08.13 / 14:21

"Wir sind ja alle nur Menschen"

Immer mehr junge Männer trauen sich in den "Frauenberuf" zahnmedizinischer Fachassistent. Welche Motive haben sie? Welche Erwartungen und Wünsche? zm-online hat bei vier männlichen ZFAs nachgefragt.



"Im ersten Moment dachte ich mir nur, dass ich da gleich wieder raus will", Valentin Wedde steht in seinem blauen OP-Hemd in der Gemeinschaftspraxis Strunz für Mund-, Kiefer-, Gesichts- und Oralchirurgie und berichtet von seinem ersten Tag an der Berufsschule. Seine Ausbildung zum zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA) hat gerade erst begonnen.

Vom Schienenbett in die Praxis

Eine Ausbildung als Betriebstechniker bei der Deutschen Bahn hat der kräftige junge Mann abgebrochen. Man kann ihn sich gut im Schienenbett vorstellen. Oder auf einem Footballfeld. Doch Valentin hat gute Gründe, warum er hier ist. Und er formuliert sie klar und unaufgeregt.

Früher wollte er einmal Medizin studieren, daher kommt sein Interesse für den Bereich. "Ich habe dann einfach hier angerufen. Ich sehe da gar kein Problem. Wir sind ja alle nur Menschen." Auch die komischen Blicke in der Schule konnten ihn nicht abschrecken. "Mein Vater wollte ursprünglich, dass ich Polizist werde, aber mittlerweile freut er sich darüber, dass ich meinen Weg gehe." Valentin freut sich über die Gespräche mit Patienten und die spannenden Behandlungen.

Ältere Patienten gucken manchmal komisch

Wenn Valentin Fragen zur Ausbildung hat, braucht er nicht weit zu gehen. Sein Kollege Mischa Sebekow hat seine Ausbildung bereits beendet und kann viele Ratschläge geben. "Klar, es gibt einige Menschen, gerade der älteren Generation, die einen komisch angucken. Aber oft entstehen gerade aus diesen Situationen heraus sehr gute Gespräche." Mischa sagt, dass er Praxen nur dazu animieren kann, mehr männliche ZFAs einzustellen. "Wir nehmen unseren Kolleginnen gerne Aufgaben ab, wo sie an ihre Grenzen kommen. Und andersherum natürlich genauso."

Mischa Sebekow erzählt, warum er ZFA wurde.

Der Soziologe Dr. Andreas Heilmann von der Humboldt-Universität erklärt die Verunsicherung einiger Patienten mit einer gebrochenen Erwartung: "Wir haben im Alltag geschlechterstereotype Erwartungshaltungen, sogenannte "gender beliefs“ entwickelt. Sie führen dazu, dass wir von Frauen eher als von Männern vermeintlich natürliche Eigenschaften wie Mütterlichkeit, Fürsorgeorientierung, Kommunikativität erwarten." Mit der tatsächlichen Qualifikation für einen Beruf habe das nichts zu tun. Viel mehr mit statistischer Häufigkeit: "Frauen haben auf sozialisatorischem Wege sogenannte "feminine skills“ erworben, die in Pflegeberufen besonders nachgefragt werden."

Dr. Dr. Anette Strunz ist die Frau, die Valentin und Mischa eingestellt hat und sagt: "Wir brauchen mehr Männer!" Sie erinnert sich noch gut an ihre Ausbildung, als sie alleine unter Männern war, und begrüßt daher eine Durchmischung in allen Berufen. "Dafür gibt es ganz pragmatische Gründe, wie technische Affinität oder, dass einige ältere Damen sich freuen, wenn auch ein Mann anwesend ist. Vor allem aber wertet es das Berufsbild insgesamt auf. Wir müssen davon wegkommen, dass junge Menschen denken, dass es nicht cool ist, anderen Menschen zu helfen."

Die Mädels haben mich geliebt und ich sie

Jens Schönfeld ist seit 2007 der erste männliche Dentalhygieniker deutschlandweit. Für ihn sei es eigentlich nicht der Rede wert, dass auch Männer in diesem Beruf arbeiten. "Das können ja nicht nur Frauen, sondern alle machen." Er habe schon immer Wert auf saubere Zähne und Mundhygiene gelegt und kam dann über ein Praktikum ganz fließend in den Beruf rein. Dass er sich als Pionier in einer Frauendomäne bewegt, stört ihn nicht: "An der Berufsschule war ich der einzige Mann. Die Mädels haben mich geliebt und ich sie auch."

"Es ist schon so, dass einige unserer Schüler es regelrecht genießen, der Hahn im Korb zu sein“, sagt Angela Schwalb, Oberstudienrätin des OSZ Gesundheit I in Berlin. Eine ihrer Kolleginnen, die ihren Namen im Internet nicht lesen möchte, beschreibt die männlichen Auszubildenden als "nette junge Männer", die aber meistens "Softies" seien. Sie findet es "bewundernswert", dass die jungen Männer bereit sind, für so wenig Geld zu arbeiten, und sieht in der geringen Bezahlung gleichzeitig die Ursache für die schwache Nachfrage.

Warum freuen sich die Frauen so sehr über männliche Verstärkung? Schönfelds Kollegin in der Praxis KU64, Maria Busse findet, dass "das Arbeitsklima besser wird, weil Männer ausgeglichener sind". Dass es als Hahn im Korb auch mal Reibungen geben kann, weiß Felix Dörfert. Er hat gerade seine Ausbildung in der Praxis von Ina-Marina-Feick abgeschlossen und sucht nun nach einem Studienplatz für Zahnmedizin. In der Berufsschulklasse sei er manchmal "innerlich explodiert", weil er das Desinteresse einiger Mitschülerinnen nicht nachvollziehen konnte. Seine Ermahnungen zu mehr Aufmerksamkeit handelten ihm den Spitznamen "Klassenpapi" ein.

Man sollte sich Gedanken über das Geld machen

Auch wenn es in den vergangenen Jahren bereits einen leichten Anstieg an männlichen Auszubildenden zu verzeichnen gibt, sind die absoluten Zahlen immer noch ernüchternd. Mehr als 99 Prozent der zahnmedizinischen Auszubildenden sind, laut Statistischem Bundesamt, Frauen. Schönfeld würde sich über mehr männliche Kollegen sehr freuen, allerdings warnt er auch vor falschen Illusionen: "Man muss sich vorher schon Gedanken darüber machen, wie man mit dem Geld hinkommen will." Dank seiner Fortbildungen zum Teamleiter für Prophylaxe kann er sich mittlerweile zwar gut finanzieren, doch gerade zu Beginn der Ausbildung sei es nicht immer ganz einfach gewesen.

Warum sich immer noch nur wenige Männer für einen Assistenzberuf entscheiden, hängt auch nach der Meinung von Heilmann mit der Vergütung zusammen. Er spricht von einer "traditionellen Geschlechterordnung", bei der ein Machtgefälle zuungunsten der Frauen vorliege. "Gerade in professionalisierten Berufsfeldern äußert sich das oft in vergeschlechtlichten Tandems: Ein männlicher Arzt und eine weibliche Helferin."

Sebekow selbst würde einen männlichen Assistenten einstellen, um die Denkweise des Teams zu erweitern. Seine Chefin Strunz hat sich nicht nur aufgrund des Teamgeists für Männer in ihrer Praxis entschieden. Auch aus ganz trivialen arbeitspolitischen Gründen: "Es gibt insgesamt immer mehr Schwierigkeiten, geeignete Leute zu finden. Wenn wir dann auch noch die Hälfte der Bewerber von vornherein ausschließen, macht das die Sache nicht leichter!"

Das Berufsfeld muss professioneller werden

Viele Männer (und Frauen) machen eine zahnmedizinische Fachassistenzausbildung, weil sie sich auf ein Zahnmedizinstudium vorbereiten wollen. So war es auch bei Dörfert. "Ich hatte schon immer ein hohes Interesse an naturwissenschaftlichen Themen. Im Laufe meiner Ausbildung fiel dann die Entscheidung für ein Studium." Doch wie kann man erreichen, dass sich Männer auch allein für die Assistenztätigkeit begeistern können?

Heilmann glaubt, dass dies nachhaltig nur durch eine Professionalisierung des Berufsfelds zu erwirken ist: "Strukturelle Verbesserungen wären eine absehbare berufliche Aufstiegsperspektive, ein angemessenes Gehalt und eine ausreichende soziale Absicherung." Die Strukturen für berufliche Fortbildung sind dabei durchaus vorhanden, wie Schönfeld belegt, doch das niedrige Ausbildungsgehalt schreckt offenbar viele junge Männer ab.

Um die Vorurteile gegenüber Männern in assistierenden Berufen abzubauen und schlägt Strunz halbernst radikale Mittel vor: "Wir brauchen so etwas wie einen Zwangsdienst für jeden Schulabgänger im Pflegewesen, damit würden wir die jungen Menschen wieder näher an diese Berufe ranbringen." Wenn es nur so einfach wäre.


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