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11.11.14 / 09:12

Antreten zur größten Gesundheitsstudie

200.000 Freiwillige verbessern die Gesundheit - das ist das Ziel der NAKO - Deutschlands bislang größter Gesundheitsstudie. 20 Jahre lang werden die Probanden dafür regelmäßig untersucht. Vor sechs Wochen ist das Mammutprojekt gestartet. Ein erstes Zwischenfazit von Bundesforschungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka.



zm-online: Die Nationale Kohorte (NAKO) ist Deutschlands bislang größte Gesundheitsstudie: Mindestens 200.000 Probanden sollen untersucht werden. Warum wird eine Langzeitstudie in dieser Größenordnung durchgeführt?

Prof. Dr. Johanna Wanka: Wir wissen trotz intensiver Forschung noch nicht genug über die Entstehung von Volkskrankheiten, um Prävention, Früherkennung, Diagnostik und Therapie nachhaltig zu verbessern. Warum erkranken Menschen, während andere gesund bleiben? Was sind die Risiko-, was die Schutzfaktoren und welche konkreten Zusammenhänge gibt es zwischen den vielen Faktoren, die bei der Entstehung von Krankheiten eine Rolle spielen?

Die Nationale Kohorte eröffnet eine neue Dimension epidemiologischer Forschung. Die Größe der Studie ermöglicht eine sehr differenzierte Darstellung der gesundheitlichen Lage in der Bevölkerung. Auch zeichnet sich die Nationale Kohorte durch ein spezifisches und bisher nicht dagewesenes Studiendesign aus. Das betrifft zum Beispiel die Komplexität und Detailgenauigkeit der Untersuchungen, die Wiederholungsuntersuchung nach fünf Jahren und das Ganzkörper-MRT.

Die erhobenen Daten liefern neue Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen Vererbung, Umwelt und Lebensstil sowie deren Effekte auf Krankheitsrisiken, so dass die Entstehung der Volkskrankheiten besser erforscht werden kann. Aus den Ergebnissen können auch wichtige Hinweise für Präventionsansätze abgeleitet werden.

In Deutschland werden derzeit bereits mittelgroße Kohortenstudien durchgeführt. Warum sehen Sie dennoch eine Notwendigkeit für die NAKO? 

Aus diesen „mittelgroßen“ Kohortenstudien mit einigen tausend Teilnehmenden konnten in der Vergangenheit wichtige medizinische Erkenntnisse gewonnen werden. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, unser heutiges Wissen über die Entstehung zum Beispiel der großen Volkskrankheiten, wie Krebs, Herzkreislauferkrankungen oder Diabetes, zu erweitern.

Diese bisherigen Kohortenstudien sind in der Regel thematisch fokussiert. Sie greifen spezifische Fragestellungen auf, die sich mit den entsprechenden Probandenzahlen beantworten lassen. Probandenzahlen von einigen tausend Personen sind jedoch deutlich zu niedrig, um die komplexen Zusammenhänge zwischen genetischen und sonstigen Risikofaktoren und deren Wirkung auf die Entwicklung der Volkskrankheiten zu erforschen.

Die Nationale Kohorte dagegen wird in der Lage sein, belastbare Ergebnisse zu liefern, um neue Krankheitsrisikofaktoren zu identifizieren und die Auswirkungen geografischer und sozioökonomischer Unterschiede auf den Gesundheitsstand und das Erkrankungsrisiko der deutschen Bevölkerung zu ermitteln. Neben Prävention und Früherkennung stehen auch eine bessere Diagnostik und neue therapeutische Ansätze im Fokus der Nationalen Kohorte.

Es gibt bei diesen unterschiedlich ausgerichteten Studien nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine verzahnte Strategie. Diese Strategie verfolgt das gemeinsame Ziel, den Menschen auch im fortgeschrittenen Alter ein möglichst gesundes Leben zu ermöglichen.

Finanziert wird die NAKO aus öffentlichen Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und der Bundesländer. Die Kosten liegen bei insgesamt 210 Millionen Euro. Wofür wird ein Großteil der Gelder aufgewendet?

Der Betrag von 210 Millionen Euro bezieht sich auf einen Zeitraum von zehn Jahren. Diese Mittel werden überwiegend für die umfangreichen Untersuchungen der 200.000 Studienteilnehmer verwendet.

Damit diese Untersuchungen möglich sind, musste auch in eine funktionierende Infrastruktur investiert werden. Dazu gehören zum Beispiel die Ausstattung aller 18 Studienzentren mit den notwendigen Untersuchungsgeräten und qualifiziertes Personal.

Die Wissenschaftler benötigen auch finanzielle Mittel, um die riesigen Mengen an Daten und Proben zu verarbeiten, zu speichern beziehungsweise zu lagern. Dafür wurden zentrale Strukturen wie die Datenmanagement-Zentren, die Daten-Treuhandstelle und die Biomaterialbank eingerichtet. Diese Strukturen unterliegen einem strengen Datenschutz- und IT-Sicherheitskonzept.

400.000 Bundesbürger werden zufällig über die Einwohnermeldeämter ermittelt. Wie geht es danach für die Probanden weiter? 

Um möglichst repräsentative Aussagen über die gesundheitliche Situation der Bevölkerung zu ermöglichen, erfolgt die Auswahl nach einem Zufallsverfahren aus den Einwohnermeldeämtern. Jede auf diese Weise ermittelte Person wird postalisch kontaktiert, eventuell auch per Telefon persönlich informiert und in das Studienzentrum eingeladen.

Im Studienzentrum steht speziell geschultes Personal für ein ausführliches Aufklärungsgespräch bereit. Nach diesem Gespräch können Personen, die mitwirken möchten, eine Einwilligungserklärung unterzeichnen. Damit wird die Bereitschaft zur Teilnahme an einzelnen oder allen Teilen der Studie erklärt. Eine freiwillige Teilnahme ohne explizite Auswahl durch die Meldebehörde ist aufgrund der methodischen Erfordernisse nicht vorgesehen. Die Einwilligungserklärung kann jederzeit rückgängig gemacht werden.

Am 1. Oktober 2014 hat die Hauptphase der NAKO begonnen. Welche Resonanz haben Sie von den ersten Probanden erhalten?

Die Reaktionen der Probandinnen und Probanden sind durchweg positiv. Das Interesse ist groß, etwas über sich und die eigene Gesundheit zu erfahren. Vor allem die Untersuchungsmodule, die nicht ganz alltäglich sind, werden mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen. Dazu gehört zum Beispiel die Retina-Fotografie, mit der der Augenhintergrund gemessen wird.

Wenn die Teilnehmenden es möchten, werden ihnen die Untersuchungsergebnisse mitgeteilt. Einen Beitrag zur weiteren Verbesserung der Gesundheitssituation in Deutschland zu leisten, ist für viele Bürgerinnen und Bürger eine wichtige Motivation, an der Studie teilzunehmen. Viele machen auch mit Blick auf ihre Kinder und Enkel mit, denn diese werden insbesondere von den Ergebnissen profitieren können.

Die Fragen stellte Navina Haddick.

Prof. Dr. Johanna Wanka leitet seit Februar 2013 das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sie wurde 1951 in Rosenfeld geboren und ist Professorin für Mathematik. Vor ihrem Wechsel in die Bundespolitik war sie Wissenschaftsministerin in Brandenburg und zuletzt in Niedersachsen. picture alliance

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