Tobias Bauer
26.02.14 / 15:30

Auf Haiti ist Pioniergeist gefragt

Zum Jahrestag des Erdbebens in Haiti mit 200.000 Toten wurde mit der Einrichtung der ersten Zahnstation in Leogane begonnen. Die Stadt lag dem Epizentrum am nächsten und war durch das Erdbeben zu 80 Prozent zerstört.



Sie wird noch lange mit dem Wiederaufbau beschäftigt sein. Die Trümmer sind beseitigt, es klaffen noch viele Lücken im Straßenbild. Beklemmend ist der Rundgang mit Einheimischen, die zu jedem Grundstück etwas sagen können und die beim Erdbeben Angehörige verloren haben.

Typische Straßensituation in der haitianischen Hauptstadt Port au Prince. T.Bauer

In einer mit deutschen Mitteln wiederhergestellten und erweiterten Klinik wurden von Zahnärzten aus Südbaden gespendete Instrumente und Materialien für den Aufbau einer Zahnstation übergeben: Vier Koffer gefüllt mit Zangen, Anästhesie, Verbrauchsmaterialien und vielen weiteren Instrumente ermöglichen jetzt einen Anfang.

Die einzige Zahnstation weit und breit

Als einzige Zahnstation für eine Stadt mit fast 200.000 Einwohnern - 350.000 sind es im ganzen Bezirk - gibt es entsprechend viel Arbeit. Über die weiteren Aufbaupläne wurde bei dieser Gelegenheit ebenfalls gesprochen. Da alle Schritte ehrenamtlich und auf eigene Kosten erfolgen, ist noch so mancher Flug mit vielen Koffern bis zum endgültigen Ausbau der Station notwendig.

Läuft das Vorhaben nach Plan, entstehen in Leogane acht Arbeitsplätze. Die Academy of Dentistry (ADI) als über 40 Jahre bestehende weltweit tätige Organisation und die junge deutsche Gruppe DIANO - die Abkürzung steht für: Dental International Aid Networking Organisation - aus Südbaden verstärken dabei ihre Zusammenarbeit bei einer Vielzahl von Projekten in mehreren karibischen Ländern, die zum Armenhaus der Welt gehören.

Die zahnmedizinische Fakultät in der Rue Osswald Dunant in Port au Prince. T. Bauer

Dank der guten räumlichen Situation vor Ort bietet sich hier zudem die Möglichkeit für einen längeren Aufenthalt an. Diese Gelegenheit wird ein Kollege wahrnehmen, der in den Ruhestand geht.

Hohe Priorität genießt auch die Ausbildung der Studenten. Seit längerem gibt es eine Zusammenarbeit mit der Fakultät d’Odontologie in Port au Prince. Dekan Sammy Prophete erhielt eine größere Menge an Füllungsmaterialien, gestiftet von Heraeus Kulzer, die gleich in den Studentenkursen zur Anwendung kommt.

Der Traum von der Endo

Damit wurde eine große Lücke geschlossen, denn an hochwertigen Füllungsmaterialien herrscht Mangel. Persönlich gefreut hat sich Prophete über eine Spende an Endomaterialien von der Firma VDW aus München, da ihm  die Ausbildung in der Endodontie persönlich am Herzen liegt, wofür aber die Universität selbst gar nicht ausgerüstet ist und er sich deshalb gezwungen sieht, dies auf eigene Kappe zu organisieren.

Ein weiterer Punkt ist der Wissenstransfer: Nicht nur Materialien sind willkommen - Gastvorträge sind eine äußerst beliebte Abwechslung. Sie finden meist in einem überfüllten Auditorium statt, da sich kaum einer der einheimischen Zahnärzte die Reise zu einem internationalen Kongress leisten kann.

Nur mit Allradantrieb erreichbar

Während diese Einrichtungen relativ gut erreichbar sind, ist bei den anderen beiden Projekten Pioniergeist gefragt. Jesuitenpadre Gabriel ist für den Bau von Schulen und Gemeindezentren in völlig abgelegenem und unwegsamem Gebiet zuständig. Viele Dörfer verfügen nicht mal über eine Zufahrtsstraße und sind nur mit dem Allrad durch steinige Flussbetten erreichbar.

Eine laufende Apotheke: Auf Haiti werden Medikamente auf der Straße verkauft. T.Bauer

Für jedes Gemeindezentrum ist ein Ambulatorium geplant, in dem ebenfalls Platz für einen Zahnarzt vorgesehen ist. Steht das Zentrum, so die Erfahrung, siedeln sich die Menschen in direkter Umgebung an. Schulbildung und medizinische Versorgung werden außerordentlich geschätzt. Deshalb ist jedes dieser Zentren ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung des Landes. Eines dieser Schul- und Gemeindezentren im Norden von Haiti sieht derzeit der Fertigstellung entgegen.

Hinter der Grenze liegt die schöne Welt

Völlig anders dagegen die Situation im Nachbarland Dominikanische Republik, mit dem sich Haiti die Insel und damit eine lange Grenze teilt. Während sich das dortige Fremdenverkehrsamt mit Bildern von kilometerlangen, mit Palmen gesäumten Sandstränden und von Fünf-Sternehotels mit Golfplätzen und internationaler Küche präsentiert, sieht es im Hinterland nicht immer so aus, wie in den Prospekten dargestellt.

Im einzigen Dentaldepot des Landes: Autor Tobias Bauer mit Mireille Boulos, der Inhaberin von Prodentos. T. Bauer

Im landesweit bekannten Zentrum ILAC, dem Institute for Latin American Concern, das zur Jesuitenuniversität Creighton in Omaha/Nebraska gehört, geben sich Ärzteteams aus aller Welt die Klinke in die Hand. Die Zusammenarbeit mit diesem Institut geht nun in das sechste Jahr, und das hat seinen Grund. Die Aufnahme und Zusammenarbeit ist sehr herzlich, und die Menschen aus den abgelegenen Dörfern in den Bergen und den Lagern schätzen diese Hilfe auf vielfältige Art.

Mehr Equipment für Outreach-Einsätze

Hier wird derzeit das Equipment für mobile Einsatztrupps weiter aufgestockt und ausgebaut. Großer Vorteil der Dominikanischen Republik ist, dass das Land von fast allen europäischen Flughäfen direkt angeflogen wird und somit selbst für einen Kurzeinsatz gut erreichbar ist.

Auch für jemand, der sich das erste Mal auf eine solche Herausforderung einlässt, ist die Dominikanische Republik das ideale Terrain. ILAC hat eigene Techniker beziehungsweise bietet jungen Absolventen immer wieder die Chance für eine erste Anstellung und dadurch ist auch für die Wartung und Instandhaltung der Geräte gesorgt.

Jedes Jahr im Juli führt ILAC das Summercamp durch. Rund 60 Studenten aus Humanmedizin, Pharmazie, Zahnmedizin sowie Physiotherapeuten und Pflegekräfte gehen in Gruppen aufgeteilt zum Behandeln in die Dörfer.

Ostercamp für Zahnärzte

2014 wird zum ersten Mal ein etwas verkürztes und kleineres internationales Volunteercamp in der Osterwoche angeboten. Damit werden in erster Linie Zahnärzte angesprochen, die mit dem Gedanken spielen, an einem Auslandseinsatz teilzunehmen, bislang aber noch keine Gelegenheit dazu hatten.

Der technische Kursraum der Zahnklinik: Gegossen wird mit offener Flamme. T. Bauer

Weitere Projekte sind zum Beispiel in Jamaica und Kuba in Arbeit. Sorgfältige Planung im Einvernehmen mit lokalen Kräften nimmt viel Zeit in Anspruch und verlangt nach einem langen Atem. Sehr viel Wert wird zudem auf die Dokumentation der Einsätze gelegt, damit man langfristig über ausreichend Daten über die durchgeführten Einsätze verfügt.

Am 12. Januar 2010 wurde Haiti von einem Erdbeben der Stärke 7 erschüttert. Die Opfer konnten aufgrund der chaotischen Verhältnisse nur teilweise identifiziert werden. Die Zahlen beruhen daher auf Schätzungen. Die verschiedenen Organisationen gingen in den Monaten nach dem Beben davon aus, dass zwischen 220.000 und 500.000 Menschen starben. 

Premierminister Bellerive gab ein Jahr nach dem Beben abschließend bekannt, dass sich die Zahl der Toten auf etwa 316.000 beläuft. Damit handelt es sich um das schwerste Beben in der Geschichte Nord- und Südamerikas sowie um das weltweit verheerendste Beben des 21. Jahrhunderts.

Haiti wird zu den am wenigsten entwickelten Ländern weltweit gezählt. Zur schwachen Wirtschaft kommt eine instabile politische Lage mit zahlreichen Unruhen, weshalb im letzten Jahrzehnt über drei Millionen Haitianer ausgewandert sind.

ADI
Academy of Dentistry International
3813 Gordon Creek Drive
Hicksville, Ohio 43526 U. S. A.
fon + (419) 542-0101
fax + (419) 542-6883
mailto rramus@bright.net
www.adint.org

DIANO
Dental International Aid Networking Organisation
Postfach 445
78204 Singen
fon +49 (0)7731 62212
fax +49 (0)7731 62292
Dental.aid.network@gmail.com



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