Otmar Müller
02.08.13 / 10:04

Das ist doch nicht normal

Die Kriterien, die ein Verhalten als krank und somit medizinisch behandlungsbedürftig klassifizieren, nehmen stetig zu. Kritiker befürchten eine Überpsychiatrisierung der Gesellschaft nach amerikanischem Vorbild.




Welches Verhalten ist normal? Und welches nicht? Ab wann ist eine Verhaltensweise krankhaft? Und wer legt das fest? Diese Fragen bestimmen schon seit vielen Jahren die Diskussion, wenn es um seelische Störungen oder einfach nur um Verhaltensauffälligkeiten geht.

Nehmen wir Kinder, bei denen das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS) festgestellt wurde. Die Krankheit, bei der die Betroffenen durch Konzentrationsschwäche, emotionale und motorische Unruhe und - meist damit einhergehend - schulische Leistungsdefizite auffallen, ist zu einer Modediagnose geworden. Kritiker behaupten, sie sei eine erfundene Krankheit, die von der Pharmaindustrie benötigt wurde, nachdem Arzneiforscher mit Methyphenidat einen Wirkstoff gefunden hatten, der die beschriebenen Symptome lindert. 

Generation ADHS

Eine Studie des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung ISEG im Auftrag der Barmer GEK belegt, dass die Zahl der ADHS-Diagnosen nach einer bereits rasanten Entwicklung in den 90ern zwischen 2006 und 2011 erneut um rund 50 Prozent gestiegen ist (siehe Grafik). Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK, sieht die Entwicklung der Diagnoseraten mit Sorge: "Dieser Anstieg erscheint inflationär. Wir müssen aufpassen, dass ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren.“

2011 gab es der Studie zufolge bundesweit 757.000 ADHS-Erkrankte. Etwa 470.000 der Betroffenen, also knapp zwei Drittel, sind Jungen bis 19 Jahre. Besonders hoch liegt die Diagnosequote bei ihnen in der Grundschule kurz vor dem Übergang in die weiterführende Schule. Hier werden sie fast dreimal so oft wie Mädchen als ADHS-krank diagnostiziert. Insgesamt müssen knapp 20 Prozent aller Jungs zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr mit der Diagnose ADHS rechnen.

Ist die Diagnose erst gestellt, gehört die Behandlung mit dem Medikament Ritalin mittlerweile zum Standardrepertoire. Zwischen 1993 und 2011 ist laut Wissenschaftlichem Institut der AOK (WIdO) die Verschreibungsmenge von Ritalin um 5.600 Prozent gestiegen (siehe Grafik 2).  

Pillen für den Störenfried

Auffällige Kinder würden zu häufig mit Medikamenten wie Ritalin ruhiggestellt, hat der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske diese Entwicklung auf einer Fachtagung der BKK mobil oil kritisiert und bezeichnete die ADHS-Medikamente "Pillen für den Störenfried". Ob es sich bei den vermeintlich kranken Kindern tatsächlich immer um ADHS-Patienten handelt, bezweifelt der Professor für Arzneimittelversorgungsforschung an der Universität Bremen und ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats für Gesundheit: "Kinder und Jugendliche, die einem pausenlosen Lärm-, Fernseh- oder Video-Terror ausgeliefert sind und denen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, geben über ihr Verhalten auch Signale an die Umwelt ab, dass sie sich mehr Beachtung wünschen.“

Auch andere ADHS-Experten wie beispielsweise Prof. Ulrike Lehmkuhl, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, berichten immer wieder darüber, dass sich bei vielen der vermeintlichen ADHS-Patienten die Diagnose bei genauerer Überprüfung als falsch oder voreilig erweist. Für die Barmer GEK steht nach Auswertung der ISEG-Daten deshalb fest, dass es im Bereich ADHS eine massive Überdiagnostik und Übermedikation geben muss.

"In vielen Fällen ist die Frage nicht, ob das Kind zum Arzt muss, sondern ob die Eltern Beratung oder Unterstützung brauchen. Probleme in der Erziehung, unkritische Reflexion gesellschaftlicher Erwartungen und Zwänge, Vernachlässigung der Kinder, Medien aller Art als Betreuungs- und Zuwendungsersatz, unterschiedliche Lebensstile und Lebensentwürfe prallen aufeinander. Am Ende scheinen einige Eltern und Lehrer überfordert, auf unkonzentrierte, impulsive, hibbelige, Grenzen austestende Kinder zu reagieren - und sie deshalb dem Medizinbetrieb zuschieben“, versucht Barmer-Vize Schlenker, das Phänomen zu erklären.

Der Druck zu Konformität

Klar ist: Der gesellschaftliche Druck zur Konformität steigt seit Jahren. Eltern, die ihren Nachwuchs für die Leistungsgesellschaft fit machen wollen, betrachten das Gymnasium als Karriere-Startrampe ohne Alternative. Doch nicht jedes Kind in der vierten Klasse ist gleich weit entwickelt. Manche Kinder sind schlicht noch nicht reif den Leistungsdruck im Gymnasium. Und andere sind nicht schlau genug. Doch solche Abweichungen von der Lebensplanung scheinen für immer mehr Eltern inakzeptabel zu sein.

Es ist kein Zufall, dass die ADHS-Diagnose bei den Zehnjährigen am höchsten ist: Gilt im letzten Grundschuljahr die Versetzung aufs Gymnasium als gefährdet, brauchen die Eltern dafür eine Erklärung. Kann der Lehrer keine befriedigenden Antworten liefern, muss es eben der Psychotherapeut tun: Das Kind ist leider krank, da kann man nichts machen. So wird die Diagnose einer Krankheit für die Eltern zur Absolution.

Auffällig ist, dass der gesellschaftliche Druck, zu funktionieren, für Jungs besonders groß ist. Diese möchten sich ausprobieren, die eigenen Grenzen ausloten und Risiken eingehen - die dafür nötigen Freiräume fehlen aber immer häufiger. Die heutige Gesellschaft sei vor allem "für Jungen unfreundlich geworden“, erklärt  Glaeske in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 

Massenhaft Fehldiagnosen

Die Therapeuten haben die gesellschaftlichen Anforderungen und den Bedarf nach Normierung bereits tief in sich verankert. Und liefern scharenweise ADHS-Fehldiagnosen. Dies belegt unter anderem eine Studie der Ruhr-Universität Bochum gemeinsam mit der Universität Basel. Die Forscher hatten 1.000 Psychiatern und Psychotherapeuten schriftliche Fallbeschreibungen von vermeintlichen ADHS-Kindern vorgelegt. Dabei fehlten verschiedene wesentliche Kriterien, die für eine zweifelsfreie ADHS-Diagnose nötig gewesen wären. Jedes Fallbeispiel gab es jeweils in einer männlichen (Leon) und einer weiblichen (Lea) Version, die sich nur durch den Namen unterschieden. In 16,7 Prozent der Fälle kamen sie zu einer eindeutigen ADHS-Fehldiagnose. Bemerkenswert dabei: Es waren doppelt so viele Leons wie Leas von den Fehldiagnosen betroffen.  

Doch die Zahl der psychischen Diagnosen - und damit verbundenen Fehldiagnosen - nimmt nicht nur bei Kindern rasant zu. Vermeintliche seelische Störungen sind zum gesellschaftlichen Massenphänomen geworden. Der Medizinethiker Prof. Giovanni Maio konstatiert eine "immer weiter abnehmende Toleranz gegenüber dem vermeintlich Normabweichenden“. Es bestehe eine soziale Erwartung, wie ein normaler Mensch zu sein habe, und alle, die aus diesem Raster der Normalität herausfallen, "haben sich dem sozialen Erwartungsdruck zu beugen".


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