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28.04.14 / 12:15

Der Freizeit-Generalist

Dr. Thomas Schwarze praktiziert als Endodontologe in Hannover. In seiner Freizeit schlüpft er in die Rolle des Generalisten. Im Zahnmobil behandelt er Obdachlose und andere Menschen in Not. Davon erzählt er im Interview.



Was hat Sie motiviert, sich für ehrenamtliche Einsätze zur Verfügung zu stellen?

Schwarze: Ich wollte mich gerne ehrenamtlich engagieren und da war es naheliegend, das in einem Bereich zu tun, in dem ich mich beruflich auskenne. Als ich von der Zahnmobil-Initiative hörte, sah ich das als eine gute Möglichkeit, direkt vor der eigenen Haustür tätig werden zu können.

Ich betrachte unseren Einsatz als absolut notwendig, weil es auch hier bei uns Menschen gibt, die durch das Netz der Gesundheitsversorgung aus den verschiedensten Gründen durchrutschen und die trotz zum Teil großer zahnmedizinischer Probleme keine Zahnarztpraxis aufsuchen können oder wollen. 

Wie empfinden Sie die mobilen Einsätze im Unterschied zur täglichen Arbeit in der Praxis?

Ich betreibe in Hannover eine Privatpraxis, in der ich ausschließlich Wurzelkanalbehandlungen, überwiegend auf Überweiserbasis, durchführe. Im Unterschied zu der spezialisierten Tätigkeit in der Praxis arbeite ich im Zahnmobil als Generalist. Im Zahnmobil bieten wir unseren Patienten eine Basisversorgung, die in erster Linie darauf abzielt, den Patienten von Schmerzen und Entzündungen zu befreien und wenn möglich, den betroffenen Zahn zu erhalten.

Gelegentlich werden auch vorhandene Prothesen repariert oder herausnehmbarer Zahnersatz angefertigt. Oft müssen Zähne extrahiert werden. In jedem Fall soll durch unsere Behandlung der Patient mit überschaubarem technischen Aufwand nachhaltig von seinen Beschwerden befreit werden.

Dr. Thomas Schwarze (in Weiß) arbeitet ehrenamtlich für das Zahnmobil Hannover.

Welche Leiden haben die Patienten, die in das Zahnmobil kommen?

Grundsätzlich das ganze Spektrum von Erkrankungen, die wir auch in der Zahnarztpraxis sehen. Wegen der ungünstigen Lebensumstände mancher Patienten sehen wir aber schon öfter stark zerstörte Gebisse ohne erkennbare Zeichen von Mundhygiene. Kariös tief zerstörte Zähne, Wurzelreste, weit fortgeschrittene Parodontalerkrankungen, Abszesse - alles dabei.

Andererseits gibt es auch immer wieder Patienten, die nur einmal eine Kontrolle wünschen und deren Gebiss sich dann als völlig kariesfrei erweist. Andere haben konservativ oder prothetisch gut versorgte Gebisse und brauchen vielleicht nur den Austausch einer defekten Füllung.

Gelegentlich wünscht ein Patient auch nur mal wieder eine gründliche Zahnreinigung. Auch das wird im Zahnmobil angeboten. Bei größeren chirurgischen Indikationen, die wir selbst nicht im Zahnmobil behandeln können, überweisen wir den Patienten an zwei kieferchirurgische Praxen, die mit uns kooperieren.

Wie setzt sich die Patientengruppe im Zahnmobil zusammen?

Wir fahren mit dem Zahnmobil meist soziale Einrichtungen und Treffpunkte für Obdachlose an. Ich würde sagen, dass sich ein großer Anteil unserer Patienten eher am unteren Rande unserer Gesellschaft bewegt. Obdachlose Frauen und Männer stellen den größten Anteil des Patientenkollektivs. Die Mehrheit unserer Patienten hat keine Krankenversicherung und sucht daher selbst bei großen Problemen keine Zahnarztpraxis auf.

Eine andere Gruppe sind Ausländer, die sich mit ungeklärtem Status hier in Deutschland aufhalten und ebenfalls weder Versicherungsschutz genießen noch eine Praxis aufsuchen können. Gelegentlich führen wir sogar Behandlungen an Milchzähnen durch, wenn Eltern mit ihren kleinen Kindern das Zahnmobil aufsuchen. Behandelt wird von uns grundsätzlich jeder Patient, auch wenn er nicht dazu bereit ist, seinen Namen zu nennen und den Anmeldebogen auszufüllen.

Und wie kompensieren Sie die Zeit, die Sie für die Arbeit im Rahmen der karitativen Initiative zur Verfügung stellen?

Wir sind mittlerweile eine Gruppe von über 20 Zahnärztinnen und Zahnärzten, die ehrenamtlich im Zahnmobil arbeiten. Das bedeutet, jeder von uns hat etwa einmal im Monat Dienst. Dazu kommen regelmäßige Treffen zur Koordination und Planung. Für mich ist der Arbeitsaufwand somit absolut überschaubar und muss überhaupt nicht kompensiert werden.

Menschen in Armutssituationen in der Stadt und Region Hannover werden nicht oder nur schwer vom Gesundheitssystem erreicht. Dies trifft auch auf die zahnmedizinische Behandlung zu, mit weitreichenden Folgen für die Gesundheit, das Selbstwertgefühl der Betroffenen und die gesellschaftlichen Folgekosten. Hier setzt das Zahnmobil an.


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