Susanne Theisen
28.06.13 / 10:00

Die Frau mit Courage

Vor sechs Jahren begann eine turbulente Zeit für Zahnärztin Rosemarie Arenstedt: Um zu verhindern, dass die NPD ein Schulungsheim auf einem Gutshof in ihrem Heimatort einrichtet, kauften sie und ihr Schwager das Gelände kurzerhand selbst. Die Aktion brachte ihnen viel Lob ein - und einen Berg Schulden.




Würde sie es wieder so machen? Wäre ihre Entscheidung, wenn sie heute noch einmal gefällt werden müsste, dieselbe? Darüber muss Rosemarie Arenstedt einen Moment lang nachdenken.         

Die 77-Jährige sitzt unter einem Baum, Sonnenbrille und Handy hat sie neben sich gelegt. Vor ein paar Minuten ist sie aus dem Auto gestiegen und hat den Hof des Guts mit forschen Schritten überquert. Die wilden, schwarz gefärbten Haare sind in einem Knoten am Hinterkopf festgezurrt, die Lider mit blauem Make-up geschminkt.

Arenstedt wohnt ganz in der Nähe des Hofs, der wie ihr Haus mitten im Wald am Rande des Dorfs Rauen liegt. Seit über 70 Jahren lebt die promovierte und noch immer praktizierende Zahnmedizinerin in dem 2.000 Seelen großen Ort in Brandenburg. Geboren wurde sie 1936 in Berlin, wo ihr Vater im Stadtteil Steglitz eine Zahnarztpraxis betrieb. Als im Zweiten Weltkrieg immer mehr Bomben auf Berlin fielen, schickten die Eltern ihre beiden Töchter zu den Großeltern nach Rauen und zogen später selber nach.

Eine unerträgliche Vorstellung

Von ihrem Platz unter dem Baum aus lässt Rosemarie Arenstedt ihren Blick über das Wohnhaus und die flachen Nebengebäude wandern. "Den Hof Johannesberg hat in den 1920er-Jahren ein Ehepaar aus Berlin gekauft“, beginnt sie zu erzählen. In ihren Worten vermischen sich Brandenburger und Berliner Dialekt. "Meine Eltern waren mit ihnen und ich war mit ihrem Sohn Harald befreundet.“

Auch aufgrund der jahrzehntelangen Freundschaft war sie bestürzt, als im Sommer 2007 bekannt wurde, dass die Ehefrau des damaligen NPD-Bundesvorstandsmitglieds Andreas Molau das 20 Hektar große und elf Gebäude umfassende Gelände gekauft hatte. Anschließend sollte es an den brandenburgischen NPD-Landesverband vermietet werden.

Als sie davon hörte, fragte Rosemarie Arenstedt sofort bei Harald Schalkau nach, was da vor sich gehe. "Harald musste den Hof verkaufen, weil er Schulden hatte. Dass die NPD hinter dem Kauf steckt, wusste er allerdings anfangs nicht. Die haben einen Strohmann vorgeschickt“, berichtet sie.

Dass die Rechten den Hof kriegen, war eine schlimme Vorstellung für Arenstedt: "Historisch betrachtet, haben wir es den Nazis zu verdanken, dass so viele Menschen nach dem Krieg ihre Heimat verloren haben. Dass die versucht hätten, hier präsent zu sein und alles, was während des Nationalsozialismus passiert ist, abzustreiten - das hätte ich kaum ertragen können.“

Zugucken war keine Option

Einfach zugucken, wie das passiert, war keine Option für die damals 71-Jährige. Als sich schließlich völlig überraschend eine Chance ergab, das Schulungszentrum doch noch zu verhindern, nutzte Arenstedt sie. Mittlerweile war sie auch nicht mehr alleine. Ihr Schwager aus Köln, Johannes Stelten, sicherte seine Unterstützung zu.

Wie sich herausstellte, hatten die Käufer sich noch nicht ins Grundbuch eintragen lassen. Zusammen mit Harald Schalkau, der den alten Kaufvertrag stornierte, setzten Arenstedt und ihr Schwager einen neuen auf - und plötzlich gehörte der Hof Johannesberg ihnen. Für 210.000 Euro, die keiner von beiden auf der hohen Kante hatte.

Hinzu kamen hohe Gerichtskosten, denn die Rechten hatten das Areal in der Zwischenzeit einfach bezogen. Erst eine Räumungsklage sorgte dafür, dass sie das Gelände im Mai 2010 verließen - fast zwei Jahre nach dem Kauf. "Danach haben wir erst einmal vier Wochen gebraucht, um das sacken zu lassen, dass wir jetzt endlich hierüber verfügen können“, sagt die Zahnärztin.

Als sie den Hof schließlich zum ersten Mal als neue Besitzer betraten, fanden sie keinen schönen Anblick vor. "Hier sah es ganz schlimm aus. Die Rechten hatten viel kaputt gemacht und auch Sachen mitgenommen. Meine beiden Söhne mussten dann zusammen mit Freunden ein paar Wochen lang aufräumen“, erinnert sie sich.

Die Olle wirds schon richten

Nach dem Aufräumen und ersten Renovierungsarbeiten bemühten sich Arenstedt und ihr Schwager um Pächter für den Hof - bisher ohne Erfolg. Nur die acht Hektar Apfelbäume sind verpachtet und in der Scheune, wo Arenstedts Sohn bis 2004 eine Disco betrieb, finden ab und zu Partys statt.

Ende 2011 waren die Zahnärztin und ihr Schwager kurz davor, den Hof zu vermieten. "Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) wollte hier ein Heim für Kinder einrichten, die sozial wieder eingegliedert werden sollten. Der Vertrag war schon fertig, aber dann gab es massive Proteste aus dem Dorf“, erzählt sie. Die Rauener fühlten sich nicht ausreichend darüber informiert, was genau die Pläne des EJF für den Hof Johannesberg waren und wer genau dort wohnen sollte. Unterschriften wurden gesammelt, rund 700 kamen gegen das Projekt zusammen. Wegen der großen Ablehnung trat das EJF im Januar 2012 den Rückzug an.

Vergleichbare Proteste gegen die NPD hatte es laut Arenstedt nicht gegeben. Das liegt ihrer Meinung nach nicht daran, dass es im Dorf Sympathien für die Rechten gibt. Die Menschen seien einfach froh gewesen, dass jemand das Problem für sie gelöst habe. "Die Rauener dachten sich: Die Olle lassen wir mal machen. Die wird das schon richten“, sagt Rosemarie Arenstedt und wirkt ein bisschen amüsiert. "Na, und nun ist es eben so wie es ist.“ Vorwurfsvoll klingt sie nicht, als sie das sagt. Die resolute 77-Jährige scheint die Zurückhaltung der Dörfler nicht zu überraschen.

Trotzdem, wenn Arenstedt über Rauen spricht, spürt man deutlich, wie sehr sie an ihrem Heimatort hängt. Sie war fast zehn Jahre lang Bürgermeisterin hier. Ein Engagement, das ihr nach eigener Aussage viel Spaß gemacht hat: "Es war toll, nach der Wende Ideen zu verwirklichen, die dem Dorf gut getan haben. Es hat sogar mehrere Preise gewonnen.“

Irgendwie die Klitsche vermarkten

Für den Kauf des Guts wurden Rosemarie Arenstedt und Johannes Stelten für kurze Zeit als Helden gefeiert. "Ich habe Post aus ganz Deutschland bekommen. Ein Mann kannte meine Straße nicht und hat einfach geschrieben: An die Frau mit Courage. Der Brief ist angekommen“, erzählt die Zahnärztin und lacht. Dank sprachen ihnen auch der damalige brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm, Ministerpräsident Matthias Platzeck und Ex-Bundespräsident Christian Wulff aus.

Die Welle der Anerkennung gab Rosemarie Arenstedt Zuversicht. Damals dachte sie nicht, dass sie und ihr Schwager Jahre später ganz alleine mit den Kosten für das Gut dastehen würden. "Zugegeben, das ist ein bisschen im Rausch passiert, dass wir das hier gekauft haben, ohne viel zu überlegen. Wir haben aber schon geglaubt, dass wir ein bisschen mehr Unterstützung bekommen“, sagt sie mit festem Blick.

Auch jetzt wirkt sie weder wütend noch verbittert. Dazu ist die Zahnärztin zu pragmatisch. Sie weint Vergangenem nicht lange nach, sondern sucht lieber nach Lösungen. Im Falle von Hof Johannesberg lautet die, dass sie und ihr Schwager "die Klitsche eben irgendwie vermarkten müssen“.

Bisher haben die beiden ein Siebtel des Kaufpreises abbezahlt. Dass sie nicht mehr lange genug lebe, um den Kredit ganz zu tilgen, sei ihr klar, räumt Arenstedt ein und fügt lachend hinzu: "Ich bin ja nicht Heesters.“ Die Leidtragenden seien dann ihre beiden Söhne. "Aber die sind sehr couragiert. Um die mache ich mir keine Sorgen.“

Einer musste handeln

Die Mittagssonne fällt durch den Baum im Hof, um Rosemarie Arenstedt herum tanzen die Schatten der Blätter. Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, würde sie wieder genau so entscheiden? „Tja, machen würde ich es wieder, aber ich würde es anders angehen und versuchen, den Kauf finanziell besser abzusichern“, erklärt sie.

Stolz empfindet Rosemarie Arenstedt nicht, wenn sie die Ereignisse Revue passieren lässt. Stolz ist ein Wort, das sie nicht mag. Rückblickend empfindet sie eher Zufriedenheit. "Ich finde es schon ganz toll, dass es uns gelungen ist, keine Rechten im Dorf zu haben“, hält sie fest. „Und einer musste das nun mal in die Hand nehmen.“
 


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