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Christine Vetter
23.10.13 / 15:55

Erstmals künstlicher Kehlkopf implantiert

Neue Hoffnung für Patienten mit Kehlkopfkarzinom: In Straßburg wurde zum ersten Mal ein künstlicher Kehlkopf implantiert. Erfahren Sie, wie der Trachealring aus Titan funktioniert.



Erstmals implantierten französische Mediziner einen künstlichen Kehlkopf bestehend massivem und porösem Titan. ProTip Medical

Zur Vorbereitung der Kehlkopfimplantation entfernte das Team um Prof. Dr. Christian Debry, Abteilung HNO der Straßburger Universitätskliniken, zunächst den Kehlkopf des Patienten und implantierte die erste Komponente des künstlichen Kehlkopfs, einen Trachealring aus Titan.

Ring mit Schornsteinfunktion

„Der Trachealring dient in erster Linie der Wiederherstellung der Verbindung zwischen der Zungenwurzel und dem verbleibenden Luftröhrenabschnitt, welche normalerweise durch den Kehlkopf gebildet wird“, berichtet Debry.  Der Trachealring übernimmt somit gewissermaßen eine „Schornsteinfunktion”. Er besteht aus Biomaterialien, einer Kombination von massivem und porösem Titan, und integriert sich in das umliegende Gewebe.

In einem zweiten Schritt wurde einige Wochen später eine abnehmbare Vorrichtung aus Ventilen als künstlicher Kehlkopf unter Vollnarkose über den Mund des Patienten in den Trachealring eingesetzt. Der künstliche Kehlkopf bildet laut Debry teilweise die natürlichen Funktionen des Kehlkopfs nach und soll den Patienten erlauben, wieder über die oberen Atemwege zu atmen, normal zu sprechen und zu essen. 

Ein Kehlkopf aus Biomaterialien

Für Debry stellt dieser operative Eingriff den Abschluss von über 20 Jahren Forschung dar, die er damals noch als Student im Rahmen seiner Doktorarbeit begann. Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit in Zusammenarbeit mit dem französischen Institut National de la Santé Et de la Recherche Médicale, im Zuge derer nach geeigneten Biomaterialien für den Kehlkopfersatz gesucht wurde, nahm die Idee Gestalt an. Die Wahl fiel auf eine Kombination aus massivem und porösem Titan - Biomaterialien, die sämtliche Qualitäten bieten, die für die Entwicklung des künstlichen Kehlkopfs erforderlich sind.

Im Jahr 2005 wurde das Unternehmen ProTip gegründet, um die Entwicklung innovativer Medizinprodukte zur Behandlung von Kehlkopferkrankungen zu beschleunigen. „Die laryngektomie ist ein Verfahren, das seit 140 Jahren nicht weiterentwickelt wurde”, betont Maurice Bérenger, Geschäftsführer bei ProTip.

Neue Therapie verbessert die Lebensqualität

Nach den ermutigenden ersten Ergebnissen bei dem 65-jährigen Patienten will das Medizintechnik-Unternehmen ProTip zusammen mit der Straßburger Universitätsklinik die neue Technologie und den operativen Eingriff weiterentwickeln und prüfen, um die Behandlungsmethode möglichst einem größeren Patientenkreis zugänglich machen zu können. Eine europaweite klinische Studie ist geplant.

Das Verfahren besitzt nach Debry das Potenzial, die Therapie des Kehlkopfkarzinoms deutlich zu verbessern: „Nach einer Totallaryngektomie fällt es Patienten vor allem aufgrund des Luftröhrenschnitts oft ausgesprochen schwer, in ein normales Berufs-und Familienleben zurückzufinden”, so der Mediziner.

„Hauptbeweggrund für die Entwicklung des künstlichen Kehlkopfs war es, die Lebensqualität der Patienten nach einem solchen Eingriff zu verbessern.” Der jetzt gemeldete erste Behandlungserfolg ist nach seinen Worten allerdings nur ein Anfang: „Wir müssen noch zahlreiche klinische Studien durchführen, bevor das Implantat Patienten als Routinebehandlung zur Verfügung gestellt werden kann.”

Probleme beim Atmen und Sprechen

Für die betroffenen Patienten ist der Eingriff dennoch ein Hoffnungsschimmer: Jedes Jahr erkranken laut Angaben des Robert Koch-Instituts in Deutschland mehr als 3.600 Männer und 480 Frauen neu an Kehlkopfkrebs. Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung müssen sich in aller Regel einer Totallaryngektomie unterziehen und verlieren damit die Fähigkeit, normal zu atmen und zu sprechen. Derzeit beschränken sich die Lösungen auf einen Luftröhrenschnitt, der ihnen das Atmen über ein Tracheostoma ermöglicht.  

Hauptrisikofaktoren für die Entwicklung von Kehlkopfkrebs sind das Rauchen und ein hoher Alkoholkonsum. Alarmsymptome sind Schluckbeschwerden, ein Fremdkörper- oder Kloßgefühl im Hals, ins Ohr ausstrahlende Schmerzen, Husten, eventuell mit blutigem Sputum, Schmerzen oder Kratzen oder eine Knotenbildung im Hals.


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