Sara Friedrich
10.02.14 / 11:45

"Gesunde Zähne haben nichts mit Glück zu tun"

Der Bezirk Charlottenburg hat ein positives Image. Doch auch hier gibt es bei vielen Kindern Probleme mit der Zahngesundheit. Um sie zu motivieren hat Zahnärztin Inis Adloff einen Prophylaxepreis ins Leben gerufen. Die Idee dahinter verrät sie im Interview.



Frau Adloff, wie stehen Jugendliche heute zur Mundgesundheit?

Adloff: Grundsätzlich entscheidet der Grad der Präsenz des Themas im elterlichen Umfeld, inwieweit Mundgesundheit für Jugendliche von Bedeutung ist. Je nach Alter und sozioökonomischen Lebensumständen haben Kinder und Jugendliche ein sehr unterschiedlich ausgeprägtes Mundgesundheitsbewusstsein und -verhalten.

Präventionsleistungen, die der Bevölkerung zugänglich sind, leben davon, dass sie auch angenommen werden. Die Ergebnisse der Vorsorgeuntersuchungen durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst zeigen die ganze Bandbreite ihrer Inanspruchnahme. Der Charlottenburg-Wilmersdorfer Prophylaxepreis ist hier eine primär elternhausunabhängige Aktion, um Kinder in der frühen schulischen Entwicklungsphase auf die Bedeutung der Mundgesundheit einzustimmen.

Wo sehen Sie Risikogruppen?

Die finanziellen und familiären Lebensumstände prägen das Umfeld der Kinder und Jugendlichen. Eine prekäre soziale Lage, alleinerziehende Elternteile, Hartz-IV-Bezug und Arbeitslosigkeit haben Einfluss auf die Zahngesundheit - Eltern und Kinder müssen gestärkt werden.

Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf versucht der Zahnärztliche Dienst mit einer ganzen Palette von Prophylaxemaßnahmen die Zahn- und Mundgesundheit der Kinder und Jugendlichen zu verbessern:
frühe häusliche Beratung junger Eltern, im Kooperationsverbund Fluoridierungsprogramme in Kitas und Schulen mit überdurchschnittlich hohem Kariesaufkommen, Einbau von Zahnputzzeilen in Ganztagsschulen, Zahnputzschul-Nachmittage für Eltern in Kitas et cetera.

Wie wichtig ist Jugendlichen Ästhetik im Zahnbereich?

Bei den Vorsorgeuntersuchungen im Oberschulbereich stellen wir immer wieder fest, dass die gelebte Ästhetik im Zahnbereich nicht mit dem äußeren Erscheinungsbild der Jugendlichen übereinstimmt. Zahnfleischentzündungen werden häufig nicht wahrgenommen, Zahnfleischbluten hat oftmals eine gewisse Selbstverständlichkeit erlangt, doch die scheinbar gelben Zähne sollen unbedingt gebleicht werden.

Andererseits können wir mit einem Lob über ein vergangenes "zahngesundes Schuljahr" bei Schülern eine ungeahnte Motivation auslösen für ein weiteres tägliches Arbeiten am dentalen "Outfit".

Bei der Preisverleihung des Prophylaxepreises 2014 in der Berliner Hebelgrundschule: Inmitten der Schüler: der Berliner "Zahnärztekammerchef" Dr. Wolfgang Schmiedel und Preisgründerin Inis Adloff gesellt. Dohlus

Warum haben Sie den Prophylaxepreis entwickelt?

Der Prophylaxepreis ist eine rein bezirkliche Aktion. 2008 hatte der Zahnärztliche Dienst bei seinen Vorsorgeuntersuchungen festgestellt, dass in einem Kiez über nunmehr viele Jahre die Zahngesundheit weniger gut war als im Bezirksdurchschnitt. Mehr Erstklässler sollten kariesfrei sein und weniger Kinder unbelastet von kaputten Zähnen lernen und sich entwickeln können.

So entstand bei mir die Idee, einen Anreiz zu schaffen, damit die Kinder dieser Schule leichter den Weg in die Zahnarztpraxis finden. Ich suchte und fand Partner, die alle gern die Idee unterstützten. Bis heute habe ich dieses Projekt an fünf Grundschulen im Bezirk durchführen können.

Wie funktioniert der Preis genau?

Alle Schüler und Schülerinnen der Schule erhalten einen eigens durch den Zahnärztlichen Dienstes gestalteten Prophylaxe-Pass und haben ein halbes Jahr Zeit, in ihrer Zahnarzt-Praxis mindestens einen zahnärztlichen Termin zur Prophylaxe (IP 1-5) und/oder Sanierung in Anspruch zu nehmen und danach den ausgefüllten Pass im Schulsekretariat abzugeben.

Die zahnärztliche Kollegenschaft wird im Kammerblatt informiert, Schulleiter und Lehrer erinnern die Kinder, und die Sekretärin hütet den „Pass- Briefkasten“ ein. In der Zwischenzeit bin ich auf der Suche nach Sponsoren, denn jedes teilnehmende Kind erhält einen kleinen Sachpreis. Dieser Anreiz soll schon die Jüngsten motivieren, die Eltern daran zu erinnern, mit ihnen in die Zahnarztpraxis zu gehen. Durch Sponsoren finanzierte Einzelpreise und Gruppenpreise für Klassen, die es schaffen, komplett am Projekt teilzunehmen, warten dann bei der Abschlussveranstaltung auf die Gewinner.

2014 konnte Kammerpräsident Dr. Wolfgang Schmiedel nun schon zum 5. Mal auf der Feier zur Preisverleihung die stürmische Begrüßung der aufgeregten Schülerschaft entgegennehmen. Ob als „Boss“ oder „Chef“ der Berliner Zahnärzte - der mehrfache Familienvater vermittelt den Kindern die Bedeutung von guter Zahngesundheit für’s Leben auf die ihm eigene einnehmende Weise.

Und welchen Effekt hat der Preis aus Ihrer Sicht?

Trotz unserer modernen und aufgeklärten Gesellschaft ist ein regelmäßiger Besuch in einer Zahnarztpraxis mit Kontrolle der Zahn- und Mundgesundheit für viele Eltern keine Selbstverständlichkeit. Dies zeigte sich auch an der sehr unterschiedlichen Teilnahme am Projekt in den verschiedenen Jahren. Wurde auf der Elternkonferenz dafür geworben, war die Teilnahme deutlich höher als wenn der Projektstart nur im Rahmen des Unterrichtes erfolgte.

Die diesjährigen Sieger, eine 6. Klasse, hatten eine Teilnahmerate von 61 Prozent. Vor drei Jahren hatten wir, allerdings unter Leitung einer hochmotivierten Klassenlehrerin, eine 100-prozentige Teilnahme in einer 1. Klasse. Der Erfolg benötigt nach wie vor viele Helfer, die es auf verschiedensten Wegen mit ins Boot zu holen gilt.

Das ist ihr Arbeitsumfeld: Zahnärztin Inis Adloff vom Zahnärztlichen Dienst Charlottenburg-Wilmersdorf berät Kinder auf einem Berliner Spielplatz zum Thema Mundgesundheit. Adloff

Ist das Konzept für den Preis auf andere Regionen übertragbar?

Gesundheit ist Ländersache und somit gibt es 16 verschiedene Gesundheitsdienstgesetze. Im Land Berlin hat der Öffentliche Gesundheitsdienst die Aufgabe, die zahngesundheitliche Lage durch Vorsorgeuntersuchungen zu beobachten, zu bewerten und Maßnahmen zur Verbesserung zu entwickeln.

Wir sehen einen ganzen Jahrgang, und der Senatsverwaltung für Gesundheit stehen - jährlich ausgewertet von über 200.000 zahnmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen - umfassende Gesundheitsdaten zur Verfügung. Dieser moderne präventive Ansatz wird in den Bezirken angepasst umgesetzt. Mehr Kinder mit mehr gesunden Zähnen - dafür müssen viele mit den Kindern arbeiten und Eltern informieren, anleiten und motivieren.

Die dafür notwendigen Konzepte sind je nach örtlichen Gegebenheiten modifizierbar. Auch das Konzept des Charlottenburg-Wilmersdorfer Prophylaxepreises ist andernorts realisierbar, wenn man Zeit, Engagement und Sponsoren einsetzt. Gesunde Zähne haben nichts mit Glück zu tun, sondern sind das Ergebnis täglicher Arbeit daran - einer Arbeit, die sich lohnt.

Inis Adloff ist Zahnärztin beim Gesundheitsamt im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Dr. Wolfgang Schmiedel, Präsident der Zahnärztekammer Berlin, war von Anfang ein Fan ihres Projekts.



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