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08.11.12 / 09:15

Griechenland: Krise trifft Gesundheitswesen

Düstere Perspektiven für das griechische Gesundheitswesen: Das Diktat des EU-Rettungsprogramms hat immense Auswirkungen auf die Versorgung der Bevölkerung - mit ungewissem Ausgang.



Die EU-Wirtschaftskrise hat tiefe Spuren im griechischen Sozial- und Gesundheitswesen hinterlassen. Als Folge zweier EU-Memoranden von 2010 und 2012 wurden zahlreiche Gesetze zu Reformen im privaten wie im öffentlichen Sektor erlassen. Dazu wurden Löhnen und Renten drastisch gesenkt. Tiefe Einschnitte gab es auch im Gesundheitswesen, angefangen von Kürzungen der öffentlichen Ausgaben im Versorgungsbereich, Maßnahmen gegen eine falsche Verteilung von Ressourcen bis hin zu Kürzungen im Arzneimittelsektor.

Reformen sind schon lange überfällig

Doch die drastischen Maßnahmen böten dem Land auch die Chance, Ausgaben langfristig zu reduzieren und die längst notwendigen Reformen im griechischen Gesundheitswesen voranzutreiben, zeigte sich Dr. Dimitrios Kremalis, Rechtsanwalt aus Athen und Dozent der Universität des Peloponnes, anlässlich der Euroforum-Konferenz am 11. Oktober 2012 in Potsdam, überzeugt.

Das griechische Gesundheitswesen sei bereits vor der EU-Krise an einem kritischen Punkt angelangt, nicht zuletzt wegen der überbordenden Bürokratie und Ineffizienz. Eine Neuorganisation und notwendige Anpassungen seien zwingend erforderlich, gewünscht seien eine Erhöhung der Flexibilität und die Rationalisierung der Ausgaben. Fraglich bleibe jedoch, inwieweit die Einschnitte des Gesetzgebers ins Sozialsystem, die ja aus ökonomischer Sicht erfolgten, verfassungskonform seien.

EU-Bedingungen erzwingen noch radikaleren Umbau des Systems

Die von den EU-Memoranden vorgeschriebenen Kürzungen sehen eine Reduzierung der Ausgaben für das Gesundheitssystems auf unter sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts und die Reduzierung der Arzneimittelausgaben sowie der Rentenfonds um 50 Prozent vor, berichtete Kremalis weiter. Die Eingriffe bezögen sich auf Arbeitsabläufe in Krankenhäusern des nationalen Gesundheitssystems: Dazu gehörten Fusionen, die Computerisierung, die Überprüfung von Vorräten, doppelten Buchführungen oder die Neuberechnung der Kosten für medizinische Verfahren und Dienstleistungen.  

Außerdem seien ein elektronisches System für Rezepte, ein einheitlicher Fonds für die Gesundheitsversorgung (EOPPY), die Nachprüfung von Ausgaben und Gesetze zur Neufestsetzung von Preisen eingeführt worden. Im Arzneimittelbereich seien neue Abrechnungs- und Erstattungssysteme, ein eng kalkuliertes Budget, die Verschreibung von Generika und die Kontrolle von Rabatten bei Pharmaunternehmen und Apotheken etabliert worden.

Vor allem von der Gründung von EOPPY durch die Fusionierung wichtiger Krankenkassen verspreche man sich einen ersten Schritt zur Verbesserung der medizinischen Grundversorgung und die Schaffung eines integrierten Netzwerks für eine primäre Gesundheitsversorgung. Derzeit existierten noch zu viele Krankenhausbetten, erklärte Kremalis. Es gebe zu viele Ärzte, zu wenig Pflegekräfte und die anfallenden Überstunden würden nicht bezahlt. Leidtragender sei der Patient. Wer es sich leisten könne, weiche in die privatärztliche Versorgung aus.

In deutsch-griechischer Kooperation wird eine Roadmap erarbeitet

Hilfe erhalten die Griechen vom deutschen Bundesgesundheitsministerium (BMG). Die Zusammenarbeit zwischen dem BMG und dem Ministerium für Gesundheit und soziale Solidarität ist nicht ganz neu. Sie geht auf eine zwischen beiden Ministerien vereinbarte Beratungsinitiative vom Februar 2011 zurück. Udo Scholten, Leiter der Unterabteilung "Europäische und Internationale Gesundheitspolitik" im BMG, skizzierte auf der Euroforum-Konferenz die Hintergründe. 

Ziel sei, die griechische Regierung dabei zu unterstützen, unter Berücksichtigung effizienterer Finanzierungsstrukturen und größerer Haushaltsdisziplin einen universellen Zugang zum Gesundheitssystem zu gewährleisten und die Qualität der Versorgung zu bewahren.

Im Januar 2012 übernahm das BMG auf Bitten der griechischen Regierung und der EU-Kommission in der EU-Taskforce "Greece" eine federführende Aufgabe im Bereich Gesundheit. Im April folgte der offizielle Beschluss zur Zusammenarbeit, die Schwerpunkte der Kooperation wurden in einem „Memorandum of Understanding“ festgelegt.

Derzeit werden Vorschläge für die Entwicklung und Einführung effizienter und transparenter Strukturen in ausgewählten Bereichen des griechischen Gesundheitswesens ausgearbeitet. Dazu gehören Vorschläge zur Einführung eines DRG-Systems, Verbesserungen im Krankenhausmanagement, eine Überarbeitung der Strukturen von EOPPY sowie eine effizientere und transparentere Arzneimittelpreisgestaltung. Konkrete Schritte für die DRG und für EOPPY lägen inzwischen vor, so Scholten. Weitere Vorschläge für die anderen Bereiche würden entwickelt und in einer Roadmap zusammengefasst.



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