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28.08.12 / 13:09

Hilfe für die Unsichtbaren

200.000 bis 450.000 illegal eingereiste Migranten gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland. Sie kämpfen mit existenziellen Problemen und der ständigen Angst vor Entdeckung. Viele versuchen, unsichtbar zu bleiben. Bei Krankheit ist deshalb das Büro für medizinische Flüchtlingshilfe oft die einzige Adresse. Auch Zahnmediziner arbeiten dort mit.



Die Praxis, die Kieferchirurg Matthias Viehoff zusammen mit einem Partner betreibt, liegt in dem Teil Charlottenburgs, wo der alteingesessene Berliner Geldadel gerne flanieren geht. Luxusboutiquen und exquisite Hotels liegen gleich um die Ecke, ständig fahren BMWs und Porsches vorbei. Keine Gegend, wo man Menschen vermuten würde, die illegal nach Deutschland gekommen sind.

Doch die kommen ganz gezielt in die schicke Charlottenburger Gegend. Zahnschmerzen treiben sie hierhin. Denn Matthias Viehoff kümmert sich neben seinen "normalen" Patienten auch um Menschen, die sich eine Behandlung nicht leisten können – weil sie illegal in Deutschland leben. Vermittelt werden ihm diese besonderen Patienten vom Büro für medizinische Flüchtlingshilfe (Medibüro) in Berlin. In 30 Großstädten deutschlandweit gibt es ähnliche Einrichtungen.

Seit gut sieben Jahren arbeitet Viehoff beim Medibüro mit. Er ist der einzige Kieferchirurg in Berlin, der sich dort einbringt. Die Patienten, die ihm von der Flüchtlingshilfe vermittelt werden, behandelt der Mediziner komplett kostenlos. Auch die Materialkosten für zum Beispiel Röntgenaufnahmen trägt er selbst. Zehn bis zwölf irreguläre Migranten kommen pro Jahr vorbei. "Wir konzentrieren uns in der Behandlung auf das Notwendigste", erklärt Viehoff.

Ein ganz einfacher Gedanke

Die Motivation beim Medibüro mitzuarbeiten veranschaulicht Viehoff durch einen einfachen Gedanken: "Entscheidend ist: Da kommt jemand, der einen Arzt braucht, und ich versuche, ihm zu helfen. In einer gut laufenden Praxis muss auch Zeit sein, solche Patienten zu behandeln." Die Bundeszahnärztekammer sieht die Behandlung irregulärer Migranten in vollem Einklang mit dem ethischen Mandat des zahnmedizinischen Heilauftrags und als vom zahnärztlichen Berufsrecht gedeckt an.

Hilfe für Menschen, um die sich keiner kümmert, die sich unsichtbar machen - das war die Motivation bei der Gründung des Medibüros im Jahr 1996 durch verschiedene antirassistische und Studierendengruppen. "Wir vermitteln Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus oder ohne Krankenversicherung an Ärzte, die bereit sind, sie unentgeltlich zu behandeln", sagt  Dr. Jessica Groß, Gynäkologin an einem Berliner Krankenhaus und Mitgründerin der Hilfsstelle.

Formal haben irreguläre Migranten laut Gesetz zwar Zugang zur medizinischen Akutversorgung, sie müssten sich jedoch ans Sozialamt wenden, um die Leistungen zu erhalten. Doch die Sozialämter sind gesetzlich verpflichtet, die Personendaten an die Ausländerbehörde weiterzugeben. Somit droht bei einer Inanspruchnahme faktisch die Abschiebung. Ärzte wiederum dürfen aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht keine Daten weitergeben.

Seit der EU-Osterweiterung hat sich die Klientel geändert. Waren es vorher vor allem Menschen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die in die Hilfsstelle kamen, sind es seit einigen Jahren auch vermehrt eingewanderte Rumänen und Bulgaren. Sie haben zwar durch die EU-Bürgerschaft einen legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland, sind aber in einigen Fällen ohne soziale Absicherung, also auch ohne Krankenversicherung. Finanziert wird das Medibüro ausschließlich durch Spenden, es erhält keine offiziellen Beihilfen. Somit ist es laufend auf Zuwendungen angewiesen.

Im Büro selbst, das in einem Kreuzberger Hinterhof sitzt, werden keine Behandlungen durchgeführt. Die Patienten werden zur für sie passenden Arztpraxis geschickt, die die Mitarbeiter aus einer Freiwilligen-Liste auswählen. Die Menschen schildern einem der ehrenamtlichen Vermittlungsduos, von denen mindestens eine Person medizinische Kenntnisse besitzt, ihre Beschwerden. Das Krankheitsaufkommen ähnelt dem einer durchschnittlichen Hausarztpraxis, berichtet Groß. "Das geht von harmlosen Sachen wie Infektionen bis zu Knochenbrüchen und bösartigen Tumoren." Auch psychosomatische Erkrankungen kämen vor. Die Mitarbeiter machen mit der passenden Praxis einen Termin zur Untersuchung aus. Pro Jahr vermittelt das Medibüro zwischen 900 und 1.000 Patienten an die Freiwilligen-Mediziner wie Matthias Viehoff.

Zahnentfernungen, Wurzelspitzenresektionen und Tumoren

Der Kieferchirurg integriert die illegalen Migranten in seine regulären Sprechzeiten, eine Trennung zwischen ihnen und den anderen Patienten nimmt er nicht vor. Eine Ausnahme bilden Migranten mit Infektionserkrankungen wie Hepatitis oder HIV. Diese behandelt er am Ende eines Sprechtages, um das Ansteckungsrisiko so minimal wie möglich zu halten. Die häufigsten Eingriffe seien Zahnentfernungen und Wurzelspitzenresektionen, berichtet Viehoff.

Zusammen mit seinem Praxisteam kümmert sich Matthias Viehoff um die vermittelten Migranten. eb

Aber er bekommt auch schlimmere Dinge zu Gesicht. "Bei einem Patienten wurde einmal ein bösartiger Tumor diagnostiziert", erzählt der Mediziner. "Er konnte dann zum Glück in einem Krankenhaus aufgenommen werden." Ein Sozialarbeiter habe sich darum gekümmert, dass die Kosten übernommen wurden. "So etwas ist aber eine Ausnahme."

Gerade auch wegen solcher Fälle liegt es ihm sehr am Herzen, dass die Arbeit des Medibüros im Kollegenkreis bekannter wird. Es gebe immer Bedarf an Zahnärzten, die sich bei der Flüchtlingshilfe einbringen, sagt der Kieferchirurg. Bei solchen Worten ist zu spüren, wie wichtig ihm ein größeres Engagement von Kollegen wäre.

Bei den Behandlungen hat Viehoff auch mit einigen Problemen zu kämpfen. Viele der Migranten sprechen kein Deutsch, andere haben Angst vor der Entdeckung oder vor der Weitergabe von Daten an die Polizei oder an andere Behörden. Das Sprachproblem löst Viehoff durch Englisch, einen übersetzenden Freund, Verwandte des Patienten oder in Ausnahmefällen mittels eines Dolmetschers, der vom Medibüro gestellt wird. Schwieriger ist es, den Migranten die Furcht vor Entdeckung zu nehmen. "Ich versichere den Patienten dann, dass ich ihre Daten keinesfalls weitergebe", erzählt der Kieferchirurg.

Viehoff sieht sein eigenes beziehungsweise das Engagement des Medibüros allerdings nicht als die bestmögliche Lösung an. "Eigentlich ist es Aufgabe unseres Sozialsystems, sich um diese Leute zu kümmern", findet der Kieferchirurg. "Sie müssten die gleichen Behandlungsmöglichkeiten bekommen, wie die einheimischen Patienten." Die Menschen, egal ob legal oder illegal hier, dürften nicht das Gefühl haben, dass sie verloren sind, wenn ihnen etwas zustößt. Denn auch Unsichtbare brauchen Hilfe.



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