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26.11.12 / 11:54

Kay: 43 Jahre, HIV-positiv

Schon als Kind sei Kay ein lustiges Kerlchen gewesen. Das sagt sein Vater Harry und der muss es ja schließlich wissen.



 "Er war immer der lebendigere unserer zwei Söhne, für jeden Unsinn zu haben.“ Der heute 77-Jährige und sein Sohn stehen sich sehr nah. Sich gegenseitig ihre Gefühle zu zeigen, fiel ihnen früher schwerer. Erst seit Kays HIV-Diagnose hat sich ihr Verhältnis verändert, es ist enger und offener geworden.

Der Eine hat zwei künstliche Knie, der Andere ist HIV-positiv

"Dich schmales Hemd trag ich doch mal eben die Treppe rauf“, raunzt Harry. "Ach, Paps“, lacht Kay und nimmt den Vater in den Arm. Der Eine hat zwei künstliche Knie, der Andere ist HIV-positiv und war an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Die beiden gehen rau, aber herzlich miteinander um und genießen dabei jeden Moment, den sie miteinander teilen.

Das war direkt nach der Diagnose noch deutlich anders. Im Mai 1999 fühlt Kay sich schlecht. Der Schauspieler kränkelt, geht mit einer unguten Vorahnung zum Arzt. Nach dem zweiten Test gibt es Klarheit: Kay ist HIV-positiv.

Erst zwei Monate später erzählt er es seiner Mutter. "Ich brauchte erst einmal Zeit, um es selbst zu verarbeiten“, sagt Kay rückblickend.  "HIV ist ja nicht irgendeine Krankheit. Es ist ja immer sofort viel Scham, auch Schuld und das Thema Sexualität im Spiel und darüber spricht man normalerweise nicht mal eben so mit den eigenen Eltern.“

Am Boden zerstört

Der heute 43-Jährige beruft einen Familienrat am elterlichen Küchentisch ein. Als Kay seine Mutter Margit und seinen Vater Harry über seine Situation aufklärt, geraten sie in Panik. Sofort herrschen Angst, Ohnmacht und Ratlosigkeit. "Ich war am Boden zerstört, für mich war das alles unfassbar. Mein Leben hatte eigentlich keinen Sinn mehr“, erinnert sich Harry.

Die Sorge, dass sein Sohn sterben würde, war übermächtig. "Wir haben viel geschwiegen und geweint“, erinnert sich Kay an diesen Moment.Die Familie rückt enger zusammen, doch dann geschieht etwas für die Eltern völlig Unverständliches: Er bricht den Kontakt zu ihnen ab.

"Ich konnte nicht jeden Tag am Telefon Fragen über meinen Gesundheitszustand beantworten. Ich brauchte all meine Kraft und Zeit, um mich zu sortieren, die Therapie zu beginnen und mich neu aufzustellen“, versucht Kay es zu beschreiben. Er habe darauf vertraut, dass seine Familie sich anderswo Unterstützung sucht und sich gegenseitig unter die Arme greift. Und so war es dann auch.

"Meine Frau hat viel im Internet recherchiert. Wir erzählten der Verwandtschaft von Kays Schicksalsschlag und erhielten viel Trost und Zuspruch“, erinnert sich Harry. Es habe ihm geholfen, sich mitzuteilen. Danach sei er deutlich gefasster gewesen. Kay hört dem Vater mit ernstem Blick zu. Es tut ihm bis heute leid, dass er damals nicht die Kraft hatte, seine Eltern zu stützen, "seinen Vater an die Hand zu nehmen“.

Lautes und Leises

Als Kay nach sechs Monaten den Kontakt wieder aufnimmt, beginnt für die Familie eine Zeit intensiver Gespräche. "Da war alles dabei: Lautes, Leises, Verzweiflung, Hoffnung - vor allem aber ganz viel Offenheit“, so Kay. "Wir haben als Familie gelernt, mit der chronischen Krankheit umzugehen. Darüber sind wir am Ende ganz neu zusammen gewachsen“, ergänzt Harry und legt seine Hand auf die von Kay.

Heute zeigen sie sich ihre Gefühle. Mit dieser neu gewonnenen Offenheit bewältigt die Familie dann auch Kays Krebserkrankung, die als Folge der HIV-Infektion 2003 bei ihm diagnostiziert wird. "Diese lebensbedrohliche Krise haben wir zusammen durchgestanden“, sagt Kay stolz.

Ambivalente Gefühle

"Es ist eine wunderbare Zeit gegenüber früher“, sagt Harry und gerät regelrecht ins Schwärmen über seinen Sohn. Wenn Kay, der für Aufklärungskampagnen regelmäßig unterwegs ist, mal wieder in der Zeitung steht, freut sich Harry jedes Mal wie ein Schneekönig.

Kay, der seit vielen Jahren in einer glücklichen Beziehung lebt, teilt die Euphorie seines Vaters nur bedingt. "Ich wünsche mir, dass es mir lange gut geht, damit ich später so für meine Eltern da sein kann, wie sie es jetzt für mich sind.“ Harry will davon nichts wissen. Er genießt die Gegenwart: "Ach Junge“, seufzt er und drückt den schlanken, schmalen Sohn lieber nochmal schnell an sich.



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