Sara Friedrich
17.02.14 / 12:55

Misshandelt Deutschland seine Kinder?

Der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos, hat mit seiner Kollegin Saskia Guddat ein verstörendes Buch über das Ausmaß der Kindesmisshandlungen in Deutschland geschrieben. zm-online hat Tsokos interviewt.



Herr Tsokos, gleich zu Beginn ihres Buches thematisieren Sie die "reflexartige Abwehr". Warum reagieren die meisten Menschen so, wenn sie auf das Thema Kindesmisshandlung angesprochen werden?  

Tsokos: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Diese Erfahrung habe ich in den letzten knapp 20 Jahren, die ich jetzt Rechtsmediziner bin, immer wieder gemacht, egal ob es sich bei den Betreffenden um Ärzte, Juristen, Mitarbeiter von Jugendamt oder Jugendhilfe oder in der Sozialarbeit tätige Personen handelte.

Aber das Phänomen des Nicht-Wahrhaben-Wollens, was wir in unserem Buch als „reflexartige Abwehr“ bezeichnen, ist natürlich deutlich vielschichtiger. Das kann ganz banal sein, dass der Nachbar nicht erkennen will (da er sich ja dann aktiv damit auseinander setzen müsste), dass der Familienvater aus der Wohnung über oder unter ihm seine Kinder regelmäßig aufs Schwerste misshandelt.

Das kann aber auch der Sozialarbeiter sein, der regelmäßig eine Familie, in der frühere Misshandlungen bekannt sind, im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen betreut, sich aber gleichzeitig mit dem Eingeständnis, dass die Kinder weiter misshandelt werden, sein eigenes Versagen eingestehen müsste.

Oder es kann der Kinderarzt sein (und auch solche Fälle habe ich tatsächlich vor Gericht als Sachverständiger erlebt), der der Meinung ist, dass „ein Klaps noch niemandem geschadet hat“ und, da er selbst von seinem Vater gezüchtigt wurde und ja trotzdem etwas aus ihm geworden ist, das Problem ja nicht so gravierend sein könne.

Michael Tsokos: Hier im Interview im Rahmen der Pressekonferenz zur Vorstellung seines Buches: "Deutschland misshandelt seine Kinder". © FinePic

Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe dafür, dass die Jugendamtsmitarbeiter, von Ihnen im Buch als "Wächter des Kindeswohls" bezeichnet, nicht in jedem Fall die Familiengerichte anrufen?

Dass nicht in jedem problematischen oder fraglichen Fall Familiengerichte eingebunden werden können, liegt auf der Hand. Die Familiengerichte sind jetzt schon mit entsprechenden Verfahren völlig überlastet und es bedarf im Vorfeld einer sehr differenzierten Betrachtung jedes Einzelfalls.

Auch kann man nicht pauschal sagen, dass Kinder bei jedem Misshandlungsverdacht oder auch bei tatsächlich nachgewiesenen Misshandlungen von ihren Eltern getrennt werden müssen. Das Problem muss vielmehr an der Wurzel angegangen werden.

Es müssen Eltern konkrete Hilfsangebote gemacht werden. Eltern misshandeln ihre Kinder nicht, weil sie per se schlechte Menschen sind, sondern weil sie in der Regel in ihrem gesamten persönlichen Umfeld überfordert sind oder berufliche Niederlagen einstecken mussten.

Insofern muss man diesen Menschen beistehen, ihre Probleme zu lösen. Nur so kann Gewalt gegen Kinder nachhaltig bekämpft werden, wenn die Ursachen für elterliche Überforderung und dadurch ausgelöste Misshandlungsreaktionen überkommen werden können. 

Sie werfen dem bestehenden System vor, als Sozialindustrie das Leid der Kinder als Selbstzweck zu missbrauchen und zu verlängern. Wie ließe sich dieser Selbsterhaltungstrieb des Systems Ihrer Meinung nach brechen?

Das Prinzip, das hinter diesem System steht, ist in der Theorie erst einmal gut. Der Staat kann (in Person seiner im Jugendamt tätigen Beamten) nicht alles selbst regeln. Deshalb nehmen sich Jugendämter sogenannte „freie Träger“ die im Rahmen der Jugendhilfe im direkten Kontakt mit den betroffenen Familien stehen, beziehungsweise diese betreuen und unterstützen.

Das gefährliche an dem jetzigen System ist, dass finanzielle Abhängigkeiten insofern bestehen, als dass die freien Träger nur so lange Geld bekommen, wie Kinder aus „Problemfamilien“ auch bei ihren Eltern bleiben. In dem Moment, in dem sie von den Eltern getrennt werden, vom Jugendamt in Obhut genommen werden und dann gegebenenfalls nach Maßgabe eines Familiengerichts bei Pflegeeltern untergebracht werden, versiegt der Geldfluss an den freien Träger.

Da wir im System der freien Marktwirtschaft leben, kann kein freier Träger, der sich im ernsthaften Wettbewerb befindet, ohne Weiteres auf finanzielle Zuwendungen verzichten und wird deshalb zunächst alles tun, die betroffenen Kinder so lange wie möglich in ihren Familien zu halten. Das ist das Gefährliche des Systems, dass nämlich die Einschätzung, wann der schmale Grad zwischen überlebter Misshandlung und tödlicher Misshandlung überschritten ist, nie wirklich prospektiv korrekt eingeschätzt werden kann.

In fast allen Fällen in denen in Deutschland Kinder an einer Misshandlung sterben - nach der kriminalpolizeilichen Statistik sind dies etwa 160 Fälle pro Jahr - waren im Vorfeld Misshandlungen der Kinder bekannt, die Alarmzeichen waren sogar eindeutig.

Trotzdem wurde nicht interveniert, was in einem nicht geringen Teil der Fälle auf den von ihnen als „Selbsterhaltungstrieb des Systems“ bezeichneten Umstand, dass eben finanzielle Abhängigkeiten bestehen, zurückzuführen ist. 

Tsokos im Sektionssaal der Berliner Charité: Jeden Tag sezieren er und sein Team 12 bis 14 Leichen. Ein selbst gewählter Arbeitsalltag. Doch die Leichen von misshandelten Kindern gehen ihm nahe. © FinePic

Die Zahl der Inobhutnahmen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Gegenüber 2007 mit 28.200 Inobhutnahmen ist sie laut Statistischem Bundesamt um 43 Prozent gestiegen. Inwiefern lässt das hoffen?

Das lässt nicht hoffen. So hart sich das auch anhört, das ist leider die traurige Wahrheit. Denn sollten diese zunehmenden Inobhutnahmen tatsächlich greifen, hätte ja auch die Zahl der jedes Jahr in Deutschland durch Misshandlungen getöteten Kinder seitdem merklich abnehmen müssen.

Dies ist aber nicht der Fall gewesen. Die Zahl der in Deutschland durch Misshandlungen getöteten Kinder hat sich überhaupt nicht verändert. Ich kann das aber auch nicht als Erfolg bezeichnen, dass die Zahl nicht weiter angestiegen ist. Und ich kann diese ständige Flickschusterei der Politik mit Ankündigung neuer Gesetze, die den Kinderschutz verbessern sollen nicht länger ertragen.
 
Von welchen Ländern kann Deutschland lernen, wenn es um den Schutz des Kindeswohls geht?

Insbesondere die skandinavischen Länder haben ein vorbildliches staatliches System, dass man zu Recht als Kinderschutz bezeichnen kann. Hier gibt es keine „Prämien“ wie in Deutschland (Betreuungsgeld), die Eltern durchaus davon abhalten können, ihre Kinder in Kindertagesstätten zu geben.

In skandinavischen Ländern ist das System viel engmaschiger, Kinder geraten nicht aus dem Fokus, wie es in Deutschland häufig der Fall ist. Der Personalschlüssel in skandinavischen Kindertagesstätten ist ein ganz anderer als in Deutschland und die dort tätigen Erzieher sind überwiegend sogar Studienabsolventen, beziehungsweise haben eine weitaus qualifiziertere Ausbildung als in Deutschland, wo teilweise 1-Euro-Jobber aushilfsweise in Kindertagesstätten eingesetzt werden.

Zahnmediziner sehen meist den Gesichts- und Oralbereich, aber auch die Halsgegend, Arme und Beine. Die Selbstverwaltung der Zahnärzte hält sogenannte zahnärztliche Dokumentationsbögen bei interpersoneller Gewalt  für die Praxen bereit. In welcher Verantwortung sehen Sie Zahnärzte darüber hinaus?

Es gibt neuere Studien, die sich mit „Dental neglect“ beschäftigen, also eindeutige Anzeichen von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, die für Zahnärzte erkennbar sind. Hierbei handelt es sich um zahnmedizinische Befunde bei vernachlässigten und misshandelten Kindern, die eindeutige Hinweise in diese Richtung geben können.

Natürlich ist jeder Zahnarzt, genauso wie jeder Kinderarzt oder Allgemeinmediziner, der Hinweise auf eine Misshandlung von Kindern hat, aus meiner Sicht nicht nur unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten zu einer Reaktion verpflichtet.

Diese Reaktion muss nicht gleich in einer Anzeige bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft münden, aber eine interdisziplinäre Annäherung an das Problem (etwa über die Einschaltung von Kinderschutzgruppen in nächstgelegenen größeren Kliniken ist notwendig). Wegschauen kann für die betroffenen Kinder tödlich sein. 

Schwierig ist ein Eingreifen für Zahnärzte vor dem Hintergrund der Abwägung von Schweigepflicht und Paragraf 4: Beratung und Übermittlung von Informationen durch Geheimnisträger bei Kindeswohlgefährdung im Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG).

Es ist ein Irrglauben zu denken, dass man bei einer Meldung des Verdachtes von Kindesmisshandlung an - zum Beispiel - das Jugendamt oder sogar auch bei einer Anzeige an die Polizei wegen Verletzung der Schweigepflicht strafrechtlich verfolgt und bestraft wird.

Nach § 34 des Strafgesetzbuches (Rechtfertigender Notstand) ist eine Abwägung zwischen verschiedenen Rechtsgütern in solchen Fällen legitimiert. Aus meiner Sicht ist das Leben, beziehungsweise Überleben eines Kindes immer das „höherwertige Rechtsgut“ und nicht etwa der Bruch der Schweigepflicht.

Die Annahme, dass der Bruch der Schweigepflicht bei Verdacht auf Kindesmisshandlung zu strafrechtlichen Konsequenzen, beziehungsweise möglicherweise zum Verlust der Approbation führt ist grundsätzlich falsch. Hier müssen Ärzte und auch Zahnärzte verantwortungsbewusst handeln und das darf immer nur im Interesse und zum Wohle des Kindes sein.

  • Michael Tsokos leitet seit 2007 das Institut für Rechtsmedizin der Charité und gleichzeitig das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit.
  • 2004/05 war er im Auftrag des Bundeskriminalamts zur Identifikation der deutschen Tsunami-Opfer in Thailand tätig.
  • Im Mai 2009 stellte Tsokos die These auf, dass es sich bei einer anonymen Wachsleiche in den Kellern der Charité möglicherweise um die von Freikorpsangehörigen ermordete Rosa Luxemburg handele.
  • Anfang Februar 2013 stand Michael Tsokos gemeinsam mit Jan Josef Liefers für die Verfilmung des Krimis von Elisabeth Herrmann "Die letzte Instanz" vor der Kamera. In der in Berlin spielenden TV-Produktion für das ZDF spielt Tsokos sich selbst.


 


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