Juliette Irmer
29.10.13 / 09:50

Mit Tiefkühlgemüse gegen den Tod

Nur wenige Menschen überleben einen Herzstillstand. Das könnte anders sein, sagt der Reanimationsexperte Sam Parnia. Er setzt auf Kälte.



Irgendwann hört jedes Herz zu schlagen auf. Sekunden später ist man tot. Jahrtausendelang gab es kein Zurück. Erst seit 50 Jahren versuchen Ärzte diese Regel zu durchbrechen, indem sie das reglose Herz massieren und den Toten beatmen. Doch nur die wenigsten Patienten gelangen ins Leben zurück. Das könnte anders sein, schreibt Sam Parnia in seinem neuen Buch „Erasing Death“ (Wie man den Tod auslöscht). 

Einen Tick weiter

Parnia ist Leiter des Wiederbelebungsteams an der Universitätsklinik von Stony Brook in New York. Als er vor zwei Jahren dort zu arbeiten anfängt, überlebt nur jeder fünfte Patient einen Herzstillstand - die übliche Quote in den Industriestaaten. Heute überlebt in dem Krankenhaus jeder dritte Reanimations-Patient. Wunder vollbringt Parnia nicht: „Wir setzen die weltweit geltenden ILCOR-Richtlinien (International Liaison Committee on Resuscitation) penibel um und gehen noch einen Tick weiter.“
 
Hört das Herz zu schlagen auf, erliegt der Blutkreislauf. Sekunden später schwindet das Bewusstsein, die Atmung stoppt. Idealerweise befindet man sich zu diesem Zeitpunkt in einem Krankenhaus. Notfallmediziner starten Herzdruckmassage und Beatmung, ein externer Kompressor setzt sie fort, die Ärzte kontrollieren die Sauerstoffkonzentration im Gehirn, reichern das Blut, wenn nötig mit Sauerstoff an und vor allem: Sie kühlen den Patienten auf 32 Grad Körpertemperatur herab.

Blut ist jetzt Gift für das Gehirn

Kälte ist ein Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche Wiederbelebung. Denn was Salat und Karotten im Kühlschrank länger frisch hält, schützt auch das menschliche Gewebe. Vor allem das Gehirn ist bei Herzstillstand und Reanimation gefährdet. Einerseits durch den Mangel an Sauerstoff. Andererseits durch das sogenannte Postreanimationssyndrom.

„Nach einem Herzstillstand ist das Blut regelrecht giftig für das Gehirn. Die Wiederdurchblutung löst eine Entzündungsreaktion und oxidativen Stress aus, was das Gewebe schädigen kann“, sagt der Notfallmediziner Andreas Janata von der Medizinischen Universität Wien, „Kälte wirkt da wie ein Medikamenten-Cocktail. Kälte verlangsamt den Stoffwechsel, das heißt, die Enzyme arbeiten langsamer, die Organe brauchen weniger Sauerstoff und der Zelltod wird vermindert.“

Kälte als Heilmittel

Österreich ist eine Wiege der Reanimationsforschung. Der aus Wien stammende, verstorbene Mediziner Peter Safar war der Erfinder der Mund-zu-Mund-Beatmung und auch einer der Ersten, der die Idee hatte, den Körper in Notfallsituationen abzukühlen. Bis heute wird in Wien intensiv an der Hypothermie geforscht. Etwa an der optimalen Kühlmethode - Eispackungen, Kühlkatheder oder kalte Kochsalzlösung -  und an der Frage, wie schnell man Patienten herabkühlt und später wieder aufwärmt, ohne Schaden anzurichten. Denn die ILCOR-Richtlinien geben hierzu nur vage Empfehlungen. 

Der Tod ist ein Prozess

Auch Parnia setzt auf Kühlung. „Biologisch betrachtet, ist der Tod kein präziser Moment, sondern ein Prozess“, sagt er. Kälte verlangsamt diesen Prozess. Schon im Rettungswagen sollten Patienten mithilfe von Coolpads gekühlt werden und Laienhelfern empfiehlt Parnia im Notfall tief gefrorenes Gemüse zu verwenden. 

Parnia fordert außerdem längere Wiederbelebungsversuche bei Patienten mit Herzstillstand: „Es gibt keine präzisen Vorgaben seitens der ILCOR-Richtlinien. Wie lange ein Arzt wiederbelebt, bleibt ihm überlassen.“ Eine Studie in der Fachzeitschrift "The Lancet" hatte vergangenes Jahr gezeigt, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit von Patienten mit Herzstillstand bei längeren Reanimationsbemühungen steigt - ohne, dass das Gehirn Schaden nimmt. 

Schlagzeilen hierzu machte kürzlich eine Australierin: Die 41-jährige Frau war mit Herzstillstand ins Krankenhaus eingeliefert worden. 42 Minuten nachdem sie für klinisch tot erklärt worden war, fing ihr Herz wieder an zu schlagen. Ein Chirurg hatte die verstopfte Arterie der Frau wieder geöffnet und damit die Todesursache behoben. „Ein junger, gesunder Mensch sollte heute nicht mehr an einem Herzinfarkt sterben müssen“, ist Parnia überzeugt.

Licht am Ende des Tunnels

Der Amerikaner erforscht nicht nur die Methoden der Wiederbelebung, sondern auch die Eindrücke und Empfindungen die Menschen im Frühstadium des Todes erfahren - ein Stadium, in dem das Gehirn wohlgemerkt keinerlei Aktivität zeigt. Dennoch beschreiben viele Menschen ihre Nahtoderlebnisse als angenehm und friedvoll. Manche sehen ihr Leben an sich vorbeiziehen, andere sehen das Licht am Ende des Tunnels oder schauen von oben auf das Geschehen herab.

„Ich habe mit Hunderten Menschen gesprochen, die solche Erlebnisse hatten“, sagt Parnia, „Für sie ist das real. Wir können ihre Geschichten nicht einfach wegwischen, weil sie sich mit dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht erklären lassen.“

Bilder als Beweis

Im Rahmen einer den Nahtod erforschenden Studie - erste Ergebnisse werden Ende des Jahres erwartet - hat Parnia deswegen Fotos auf Regale legen lassen, die nur von der Decke des Krankenzimmers aus zu sehen sind. Um zu testen, ob Menschen, die in diesem Zimmer sterben und wiederbelebt werden, sich später an die Bilder erinnern.

Für Laienhelfer gilt: Höchste Priorität hat die die Benachrichtigung des Rettungsteams und die Herzdruckmassage.  
 
 

 


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