Arndt Striegler
04.04.14 / 08:15

NHS fordert Einblick in Patientendaten

Britische Hausärzte sorgen sich um die Vertraulichkeit von Patientendaten, die der staatliche Gesundheitsdienst NHS zentral speichern will. Jetzt informieren sie ihre Patienten - nur diese können widersprechen.



Nun sind die Gesundheitspolitiker und Verantwortlichen einen Schritt zu weit gegangen, urteilt der britische Ärztebund (British Medical Association, BMA) auf die Ankündigung der Regierung Cameron, alle Hausärzte des staatlichen Gesundheitsdienstes National Health Service (NHS) vertraglich zu verpflichten, Patienteninformationen an einen zentralen NHS-Rechner weiterzugeben.

„Die Daten sind sicher“, sagte ein Sprecher des Londoner Gesundheitsministeriums gegenüber zm-online auf Anfrage. Und: „Je mehr Patientendaten wir haben, desto leichter ist es, unsere diagnostischen und therapeutischen Versorgungsangebote zu optimieren.“

Ministerium pocht auf vertragliche Kooperationspflicht der Ärzte

Als die besorgten Ärzte jedoch wissen wollten, wie sicher die individuellen Patienteninformationen wirklich sind, sobald sie die Praxis verlassen haben, blieb das Londoner Gesundheitsministerium konkrete Antworten schuldig. Man arbeite derzeit noch an Details, hieß es lediglich.

Und das, obwohl erst jüngst ein international bekanntes Marktforschungsunternehmen damit überraschte, dass seit Anfang 2011 landesweit rund zwei Millionen Patientenakten verschwunden seien. Im Ergebnis heißt das: In staatlichen britischen Krankenhäusern gehen täglich rund 2.000 Patientenakten verloren.

Patietendaten bei Ebay

Die wohl haarsträubendste Anekdote kommt aus der südenglischen Grafschaft Surrey. Dort verkauften lokale Gesundheitsverwaltungen aus Versehen drei Krankenhauscomputer, auf denen die vertraulichen Daten von mehr als 3.000 Patienten gespeichert waren. Die Computer landeten bei Ebay. Ärzteverbände reagierten alarmiert. "Derartige Verstöße gegen den Datenschutz sind nicht akzeptabel", sagte ein Sprecher der BMA.

Diese Vorfälle und der Mangel an konkreten Informationen von offizieller Seite sind es, der viele britische Ärzte misstrauisch macht. „Ich werde garantiert nicht eine Patientenakte herausrücken“, so der Oxforder Allgemeinarzt Dr. Gordon Gancz. Der Mediziner kündigte an, alle Patienteninformationen in seiner Praxis vertraulich zu behandeln und nicht an die NHS-Verwaltung weiterzureichen. Das könnte ihm im ungünstigsten Fall den Job kosten, da alle staatlichen Hausärzte „eine vertragliche Pflicht“ hätten, zu kooperieren, warnte das Gesundheitsministerium.

Krach zwischen Ärzten und Ministerium

Das Gesundheitsministerium beruft sich dabei auf ein Gesetz namens „Health and Social Care Act“, wonach die NHS-Verwaltung einen Anspruch auf die Informationen aus den NHS-Hausarztpraxen hat und dass jeder der rund 75.000 staatlichen Hausärzte verpflichtet ist, die Daten herauszugeben.

Der britische Ärztebund berichtet, dass sich landesweit „zahlreiche“ Hausärzte kritisch zu Wort gemeldet hätten. Die Ärzte brächten ihre Sorge über die Einhaltung des Datenschutzes zum Ausdruck. Dutzende Hausarztpraxen zwischen London und Liverpool wollten zukünftig alle Patienten einzeln danach befragen, ob sie mit einer Weitergabe ihrer persönlichen Informationen einverstanden sind.

Befragte Patienten verweigern die Zustimmung 

Sagt der Patient „No“, wird die Patientenakte nicht an die NHS-Verwaltung weiter geleitet. Gesundheitspolitische Beobachter rechnen damit, dass Millionen Hausarztpatienten der Weitergabe ihrer persönlichen Gesundheitsinformationen nicht zustimmen werden.

Als die medizinische Fachpublikation „Pulse“ kürzlich rund 400 NHS-Hausärzte befragte, sagten 40 Prozent, sie wollten sich nicht an der geplanten Datenweitergabe beteiligen. Häufigster Grund für die Weigerung: der Datenschutz und konkret die Sorge, dass die Daten zum Beispiel an Versicherungen und an andere kommerzielle Unternehmen weitergegeben werden könnten. „Da fehlen die Garantien und klaren Bestimmungen“, so der Londoner Arzt Dr. Al Teague. „Ich bin skeptisch und verstehe das Misstrauen der Kollegen.“

Ärzte wollen aufklären

Viele Praxen kündigten an, ab sofort ihren Patienten die Möglichkeit geben zu wollen, auf Nichtweitergabe ihrer Krankenakte zu bestehen. Einige verlangen vom Patienten, dass er dies schriftlich entweder per Brief oder per Email tut. Andere Hausarztpraxen wollen ihre Patienten mündlich auf die Möglichkeit hinweisen, keine Informationen an Dritte weiterzugeben. Wiederum andere wollen ihre Patienten mit speziell gedruckten Merkblättern informieren.

Laut BMA braut sich innerhalb der Ärzteschaft derzeit ein regelrechter Aufstand gegen die neuen Bestimmungen zusammen. „Das wird noch heiß“, so ein BMA-Sprecher. Britische Zahnärzte beobachten die Entwicklungen ebenfalls mit wachsendem Interesse, da der Datenschutz auch für sie zu einem wichtigen Thema geworden ist.

Staatlicher Gesundheitsdienst aus Steuermitteln

Großbritannien hat seit 1948 einen staatlichen Gesundheitsdienst, der nach dem Primärarztprinzip funktioniert. Erste Anlaufstelle für den Patienten ist der Hausarzt. Dieser überweist den Patienten dann gegebenenfalls an einen Facharzt oder ins Krankenhaus. Die Fachärzte arbeiten in den Kliniken und nicht in freier Praxis. Der NHS wird größtenteils aus allgemeinen Steuermitteln finanziert.

Gesundheitsminister Jeremy Hunt werde keinen leichten Stand haben, die britischen Hausärzte vom Nutzen und von der datenschutzrechtlichen Unbedenklichkeit des „Health and Social Care Act“ zu überzeugen, urteilen gesundheitspolitische Beobachter. In den Praxen mehrt sich der Groll. Und Millionen Patienten sorgen sich - vielleicht erstmals in der Geschichte des NHS - ernsthaft um den Datenschutz.


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