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26.03.15 / 08:20

Sozial Benachteiligte sterben elf Jahre früher

Gesundheit und soziale Lage stehen in engem Zusammenhang: Die Lebenserwartung hängt in Deutschland stark vom Einkommen, dem Bildungsstand und der beruflichen Stellung ab. Gesundheitswissenschaftler Prof. Rolf Rosenbrock, Vorstandsvorsitzender Paritätischer Gesamtverband und Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V., äußert sich im Interview über Ursachen und Lösungsstrategien - und erläutert warum gleichermaßen Geduld und Augenmaß gefragt sind.



zm-online: Studienergebnisse des Robert Koch-Instituts haben verdeutlicht, dass Männer aus dem unteren Einkommensviertels im Durchschnitt rund elf Jahre früher sterben als Männer im oberen Einkommensviertel. Bei Frauen beträgt der Unterschied rund acht Jahre. In Deutschland kann doch jeder zum Arzt gehen. Warum gibt es trotzdem eine solche Ungleichheit?
 
Prof. Rolf Rosenbrock: Die Antwort liegt zum Teil schon in Ihrer Frage: Die Chancen auf ein langes gesundes Leben hängen ganz wesentlich von sozialen Determinanten ab, etwa dem Einkommen und der Bildung, und nicht primär von der Möglichkeit, eine Arztpraxis aufzusuchen, so wichtig und notwendig dies ist. Dass die soziale Ungleichheit nicht ab-, sondern im Gegenteil sogar zunimmt, liegt zunächst einmal und ganz grundsätzlich an der Spreizung der sozialen Schere und der Ökonomisierung der Sozialpolitik. Dies bedeutet nicht zuletzt, dass wirtschaftlich, bildungsmäßig und gesundheitlich Benachteiligte weniger Unterstützung erfahren und insgesamt zu wenig Geld in die Armutsprävention investiert wird.
 
Würde mehr Geld das Problem lösen? Das geplante Präventionsgesetz will bis zu 500 Millionen Euro für präventive Programme zur Verfügung stellen.

Es geht nicht vornehmlich um mehr Geld, obwohl es natürlich durchaus erfreulich ist, dass für  Gesundheitsförderung und Prävention mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Viel erfolgversprechender aber ist es aus meiner Sicht, dass mit der Verdreifachung der Lebenswelt-Prävention eine deutliche Schwerpunkt-Verschiebung in diesem Bereich stattfindet. Endlich wird damit der Präventionsform der Vorrang eingeräumt, die sowohl von der WHO als auch von den Gesundheits-wissenschaften seit Jahrzehnten gefordert wird.

Mit klassischer Gesundheitserziehung, mit Kursen, mit materiellen Anreizen oder Strafen lässt sich Gesundheitsförderung nicht nachhaltig umsetzen. Eine wirksame und dauerhafte Gesundheitsförderung lässt sich am besten gestalten, wenn die Nutzerinnen und Nutzer in ihren Lebenswelten - z.B. KiTa, Schule, Kiez, Betrieb oder Senioreneinrichtung - in die Lage versetzt, ermuntert und unterstützt werden, auf Basis gemeinsamer Diagnosen und Entscheidungsfindung diese Lebenswelten nach ihren eigenen Bedürfnissen zu verändern.
 
Dass Armut krank macht, ist kein neues Phänomen. Im Dezember 1995 fand der erste bundesweite Kongress Armut und Gesundheit in der Technischen Universität Berlin statt. Mit welchem Ziel wurde die Veranstaltung damals ins Leben gerufen?

Ziel des Kongresses ist es seit Anbeginn, öffentlich auf den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Gesundheit hinzuweisen und Beispiele gelingender Gesundheitsförderung in KiTas, Kommunen, Schulen, Betrieben, Freizeiteinrichtungen usw. bekannt zu machen.

Im ersten Jahr des Kongresses bat die Veranstalterin, die Landesarbeitsgemeinschaft Gesundheit Berlin, den damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer um ein Grußwort und erhielt zur Antwort, dass dieser Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit nicht gegeben sei, weil Armut aufgrund sozialstaatlich garantierter Fürsorge in Deutschland praktisch nicht existiere. Dass ein solches Statement heutzutage nicht mehr denkbar ist, ist  auch das Verdienst des Kongresses.


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