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17.06.13 / 15:14

Sticks and Stones

Sind Sie verrückt? Oder leiden Sie unter einer dissoziativen Störung? Der Umgang mit psychisch Erkrankten erfordert Sensibilität. Auch Worte können verletzen.



"Verzweifelter Ehemann - ein Irrer schnitt seiner Frau den Kopf ab" (Bild.de). "Vorwurf wegen BND-Aktivitäten - Steinmeier: Absurd, schizophren und unberechtigt" (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Wenn in den Medien  psychische Erkrankungen zur Sprache kommen, dreht es sich meist um ein negatives Thema - sei es der "irre" Mörder oder die Abwertung eines Vehaltens als "schizophren".

Rund 30 Prozent aller Menschen leiden laut des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit einmal in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung. Trotzdem werden Betroffene oft geringer geschätzt als körperlich Kranke mit Diabetes oder Schuppenflechte. Häufig werden sie für ihre Krankheit selbst verantwortlich gemacht, wegen einer zu hohen Empfindlichkeit oder eines zu großen Selbstmitleids. Sie kämen mit der "normalen" Welt nicht klar, lautet der Vorwurf.

Doppelt stigmatisiert

Die Betroffenen müssen häufig mit zwei Problemen kämpfen. Einerseits mit den Symptomen ihrer Erkrankung, andererseits mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung. Es ist nahezu unmöglich für sie, einen Job zu finden, wenn der Arbeitgeber von der Krankheit erfährt. Teilweise wenden sich auch Freunde, Partner, Familienangehörige von den Betroffenen ab. Der Rückzug aus dem sozialen Leben und die Vermeidung von Kontakten mit Menschen, die sie eventuell verletzen könnten, ist die Folge.

Auch Angehörige haben mit Vorurteilen zu kämpfen, sagt Janine Berg-Peer, Mutter einer schizophrenen Tochter. Eltern werden gemieden, manchmal wird ihnen sogar die Schuld an der Erkrankung des Kindes gegeben. Manchmal kann die Krankheit Familienangehörige oder Partner so stark belasten, dass sie selbst an einer Depression erkranken.

Verrückt und gefährlich

Die Medien tragen durch ihre Berichterstattung nicht selten zu einer Abwertung psychischer Erkrankungen bei. Oft werden psychisch Kranke als gefährliche Gewalttäter oder als vollkommen weltabgewandte, "große Kinder" dargestellt. Zwei Drittel der Menschen mit Schizophrenie oder Depression fühlen sich durch Medienberichte stigmatisiert, berichtet Prof. Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), auf einem journalistischen Workshop des Aktionsbündnisses.

Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung nicht zu diskriminieren, ist in weiten Teilen der Gesellschaft Konsens. Bei psychischen Erkrankungen ist dieses Bewusstsein noch wenig ausgeprägt. "Eine politisch korrekte Sprechweise eliminiert keine Vorurteile", sagt Berg-Peer. Aber sie kann helfen, den Betroffenen mit mehr Respekt zu begegnen und sie nicht von vorn herein herabzusetzen.

Gesicht zeigen - oder lieber nicht?

Jana Kalms ist freie Journalistin und hat schon für arte und die ARD gearbeitet, 2006 erschien ihr Film "Raum 4070" über ein Psychoseseminar in Potsdam. Wenn sie mit psychisch Erkrankten zusammenarbeitet, gehe sie sehr vorsichtig vor, berichtet sie. Respekt und Verständnis seien dabei selbstverständlich. Es gehöre aber auch dazu, die Menschen ein Stück weit zu schützen, nicht zu viel von sich preiszugeben.

Die Frage, ob die Protagonisten sich in ihren Beiträgen zu erkennen geben oder lieber anonym bleiben sollten, kann Kalms nicht eindeutig beantworten. Einerseits sei es wichtig, dass Menschen zu ihrer Erkrankung stehen (das Wort Outing findet sie schwierig, da es etwas Negatives impliziere), weil dann eine abstrakte Krankheit ein Gesicht bekommt, Menschen erkennen, dass die Betroffenen nicht einfach nur "irre" oder "durchgeknallt" sind. Andererseits kann es nach dem "Bekenntnis" zu negativen Reaktionen des Umfelds kommen - die stigmatisierenden Abläufe greifen.

Burn-out als positiver Begriff

Manche Begriffe könnten es aber Betroffenen sogar leichter machen, mit ihrer psychischen Erkrankung umzugehen und sie zu akzeptieren, erklärt DGPPN-Präsident Maier - und nennt das Beispiel Burn-out. Die Bezeichung Burn-out ist gar nicht als Krankheit anerkannt. Viel mehr handelt es sich um eine Art Risikozustand. Aber: "Mit dem Begriff wird den Menschen das Stigma einer Depression genommen", so Maier. Burn-out-Betroffene haben sich sehr engagiert und sind deshalb "ausgebrannt". Der Begriff ist positver besetzt und sozial akzeptierter.


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