Claudia Pieper
30.04.14 / 08:55

Teure Brackets

Was tun, wenn der Nachwuchs schiefe Zähne hat und zum Kieferorthopäden muss? In den USA kostet die Behandlung so viel wie ein Kleinwagen. Auch Yvonne Hastings und ihr Mann sind erstmal geschockt und fragen sich, wie sie die Zahnspangen bezahlen sollen.



Wer in den Vereinigten Staaten Kinder großzieht, weiß, dass es sich lohnt, früh für die Collegeausbildung des Nachwuchses zu sparen. Deutlich weniger Amerikaner sind sich indes darüber im Klaren, dass in aller Regel ein weiteres großes Kostenpaket auf sie zurollt, und zwar lange bevor die Kinder ihre Flügel ausbreiten. Überbringer der Hiobsbotschaft ist meistens der Zahnarzt. Seine Worte lauten in etwa so: “Ich empfehle Ihnen dringend, Ihren Sohn/Ihre Tochter von einem Kieferorthopäden untersuchen zu lassen.”

Die Hiobsbotschaft

Der Zahnarzt von Yvonne Hastings (Name geändert) sprach eine solche Empfehlung aus, als ihr ältester Sohn dreizehn Jahre alt war. Zu dem Zeitpunkt war sie noch nicht allzu beunruhigt: Der Junge hatte eigentlich ein ordentliches Gebiss. Eine Korrektur der leicht vorstehenden Eckzähne kann ja nicht so teuer sein. Dachte sie zumindest.

Der Zahnarzt überwies sie zu einer nahegelegenen Kieferorthopädin mit gutem Ruf. Die erste Untersuchung mit anschließender Beratung war sogar kostenlos. In dem kleinen, gemütlich eingerichteten Besprechungszimmer nahm die Kieferorthopädin der Mutter allerdings sogleich jegliche Illusion: Die Fehlstellung der Zähne sei gravierend, die notwendige Therapie zur Korrektur dauere zwei Jahre. 

Kurz vor der Ohnmacht

Preisschild der Behandlung, angesichts dessen der armen Mutter ganz schwummerig wurde: 7.000 US-Dollar. Allein der Gedanke, dass sie ja versichert waren, rettete sie vor der Ohnmacht. Auch diesbezüglich wurde ihr allerdings schnell der Zahn gezogen: Ihre Versicherung zahle höchstens 2.000 Dollar pro Familienmitglied, hieß es. Die verbleibenden 5.000 Dollar durfte die Familie über zwei Jahre hinweg in Ratenzahlungen abstottern.

13.000 Dollar aus eigener Tasche finanziert

Auch ihren zwei heranwachsenden Töchtern ermöglichten die Hastings Zahnspangen. Bei der älteren in zwei Phasen, aufgrund eines starken Überbisses, Phase eins im zarten Alter von acht Jahren für 3.100 Dollar, Phase zwei im zarten Teenageralter für 5.225 Dollar. Die Schwester erhielt ihre Spange ebenfalls für 5.225 Dollar. Bei beiden Mädchen zahlte die Versicherung 2.500 Dollar zu. Über 13.000 Dollar hat die Familie für die Zahnkorrektur ihres Nachwuchses aus eigener Tasche bestritten.

Die Hastings sind kein Einzelfall: Einer Studie des Journal Of Clinical Orthodontics (JCO) zufolge lag der Durchschnittspreis für eine Zahnspangenbehandlung Anfang 2012 bei 5.200 Dollar. Die Spanne war allerdings enorm: Von 2.500 Dollar bis hin zu 9.000 Dollar rangierten die Kosten.

Die Spange leasen

Auch wenn im Vergleich zu Deutschland die Zuzahlung durch die Versicherung im Fall Hasting niedrig erscheint, kann sich die Familie im Verhältnis zu vielen ihrer Landsleute glücklich schätzen: 40 Prozent der Amerikaner haben gar keine Zahnversicherung und sind daher auch nicht für kieferorthopädische Maßnahmen abgedeckt. Wer versichert ist, hat typischerweise eine hohe Selbstbeteiligung. Die Versicherung zahlt oft einen bestimmten Prozentsatz, zum Beispiel 50 Prozent, aber nur bis zu einer bestimmten fixen Obergrenze.

Was machen also Familien wie die Hastings, die sich dem Mittelstand zurechnen? Ratenzahlungen wie beim Autokauf sind in Amerika die Regel. Hier sind die Kieferorthopäden meistens kulant und berechnen keine Zinsen. Dennoch kann die monatliche Belastung erheblich sein. Im Fall der Hastings, die immerhin in der Lage waren, bei ihren beiden Töchtern eine Anzahlung von je 1.500 Dollar zu machen, belief sich die Ratenzahlung für die zwei Jüngeren immer noch auf über 200 Dollar pro Monat.

Der Student machts billiger

Wer Glück hat, lebt in der Nähe einer Ausbildungsstätte für Kieferorthopäden. Diese bieten oft eine preisgünstigere Behandlung an, damit die angehenden Kieferorthopäden am lebenden Objekt üben können.  Für Familien mit sehr niedrigem Einkommen gibt es sowohl gemeinnützige als auch (bundes-)staatliche Programme, die unter Umständen für die kieferorthopädische Behandlung aufkommen. So zahlt die Armenversicherung Medicaid bei Heranwachsenden für Zahnspangen, wenn deren medizinische Notwendigkeit erwiesen ist. 

Am schwierigsten ist die Finanzierung der kieferorthopädischen Behandlung ohne Zweifel für Familien der unteren Mittelklasse, denen keine öffentliche Hilfe zusteht, deren Einkommen aber nicht hoch genug ist, die hohen Kosten leicht zu verkraften. Einige gemeinnützige Organisationen haben dieses Dilemma erkannt und bieten ausgewählten Familien Hilfe an. Die Non Profit-Organisation “Smiles Change Lives” unterhält zum Beispiel ein Netzwerk von Kieferorthopäden, die bereit sind, Jugendliche umsonst zu behandeln. 

Motivation bringt Unterstützung

Familien, die sich bei “Smiles Change Lives” bewerben, müssen allerdings nicht nur unter eine bestimmte Einkommensgrenze fallen, sondern auch beweisen, dass ihr Nachwuchs hoch motiviert in die Behandlung geht. Wer sich qualifiziert, zahlt dann immerhin 600 Dollar - eine Summe, die die Organisation zu ihrer  Kontaktpflege und PR nutzt. 

Verglichen mit dem, was die Hastings aufbringen mussten, ist das ein bescheidener Betrag. “Smiles Change Lives” gibt stolz an, seit 1997 rund 5.000 Jugendlichen Zahnspangen ermöglicht zu haben. Für die Familien, die sich qualifiziert haben, war das ohne Zweifel ein Segen. Angesichts der vielen Familien, die keine Hilfe bekommen, allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
 
 


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