Claudia Pieper
29.10.13 / 11:22

US-Gesundheitsreform: Es wird eng

Der 1. Oktober war ein Schlüsseldatum für die US-Gesundheitsreform: An diesem Tag nahmen die Versicherungsbörsen ihren Betrieb auf, die es Millionen von Amerikanern ermöglichen sollen, sich online krankenzuversichern.



Die gute Nachricht: Das Interesse an den “Health Insurance Exchanges” war überraschend hoch. Allein die von der Regierung verwaltete Versicherungsbörse “HealthCare.gov” verzeichnete in der ersten Woche über neun Millionen Besucher.  Die schlechte Nachricht: Die Internetseite war dem Andrang in keiner Weise gewachsen (siehe "Obamas Pannen-Portal", zm-online.de vom 25.10.13)

Gefangen in der Warteschleife

Die meisten Interessierten blieben gleich in der Warteschleife hängen. Die wenigsten schafften es, sich registrieren zu lassen, geschweige denn eine Versicherung zu erstehen. Die Regierung entschuldigte die Probleme zunächst damit, dass sie nicht mit so einem Zulauf gerechnet hatte. Die Website sei dafür ausgelegt gewesen, 50.000 bis 60.000 Besucher gleichzeitig zu bedienen, hieß es.

Keiner habe so viel Interesse erwartet. Man sei dabei, die Probleme aggressiv zu bekämpfen, damit die Versicherungsbörse besser funktioniere. Leider ergab sich aber kein durchschlagender Erfolg, weder in der zweiten, noch in der dritten Woche. War die öffentliche Aufmerksamkeit zunächst noch durch den Haushaltsstreit abgelenkt, richtete sich nach dessen Bereinigung das Rampenlicht voll auf den mehr als holprigen Start der Exchanges.

Versagt auf ganzer Linie

Nicht nur von Reformgegnern hagelte es Kritik. “Ein Versagen auf ganzer Linie” nannte gar der sonst reformfreundliche Ezra Klein von der Washington Post den Launch der Versicherungsbörse. Versicherungsinsider, wie der Verfasser des Health Policy and Marketplace Review Blogs, Robert Laszewski, bestätigten, dass die Probleme viel schlimmer seien als erwartet. Er vermutete schon früh, dass die Probleme nicht nur volumenbedingt, sondern vielmehr software- und designbedingt waren, und zwar nicht nur im Internetportal, sondern auch im “Backroom”, der Datenvermittlung zu den Versicherungen.

"Niemand ist darüber so frustriert wie ich"

Nach drei Wochen kontinuierlicher Probleme trat endlich Präsident Obama an die Öffentlichkeit und bekannte: “Da gibt es nichts schönzureden: Die (Internet-)Seite ist zu langsam; Leute bleiben im Anmeldungsprozess stecken; und ich kann Ihnen versichern, niemand ist darüber so frustriert wie ich.”

Obama versprach, seine gesamte präsidiale Einflusskraft in die Lösung der Probleme zu legen. Er übergab die Übersicht des Reparaturprojekts einem alten Vertrauten, der bis vor kurzem das Management- und Budgetbüro geleitet hat, und rief eine ganze Reihe von “Technologieveteranen aus führenden Silicon Valley-Unternehmen” zusammen, um den missglückten Technologiestart so schnell wie möglich auf das richtige Gleis zu bringen.

Versicherungspflicht ab 2014 wackelt

Die neu versammelte Technologie-Riege arbeitet nun unter enormem Zeit- und Erfolgsdruck: Je länger es dauert, die Versicherungsbörsen voll funktionsfähig zu machen, desto fraglicher wird es, ob die für 2014 angesetzte individuelle Versicherungspflicht wie geplant in Kraft treten kann.

Wer am Jahresanfang versichert sein will, muss sich bis spätestens Mitte Dezember für eine Police entscheiden. Der Regierung bleiben also wenige Wochen, ihr Versprechen einzuhalten. Obama hat allerdings bereits klargemacht, dass auch im neuen Jahr noch Zeit ist: Wer sich bis Ende März versichere, habe keine Steuerstrafen zu befürchten.

Vorübergehend geschlossen?

Dennoch: Um den entstandenen Imageschaden zu begrenzen, müssen Obama und seine Mannen an einer zügigen Problemlösung interessiert sein. Diese dürfte sich aber als schwerer herausstellen als erhofft. Laszewski ist nicht der einzige Experte, der glaubt, eine vorübergehende Schließung der Webseite wäre die beste Lösung. Eine solche käme allerdings dem offiziellen Eingeständnis eines fundamentales Technologiedesasters gleich. 

Das wiederum wäre für Obama und seine unter Beschuss stehende Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius eine schwere politische Pleite. Schon jetzt wird Sebelius und ihrem Ministerium vorgeworfen, mit dem verunglückten Start der Versicherungsbörse Millionen von Steuergeldern vergeudet zu haben.

Programmierer sind die letzte Hoffnung

Sebelius soll sich morgen vor einem Ausschuss des parlamentarischen Unterhauses rechtfertigen. Ohne Zweifel werden die republikanischen Abgeordneten, die noch vor kurzem alles daran gesetzt hatten, “Obamacare” aus den Angeln zu haben, keine Gelegenheit auslassen, die Öffentlichkeit auf das Reformdebakel aufmerksam zu machen.

Angesichts der Internetprobleme wurden in der vergangenen Woche sogar in der demokratischen Partei Stimmen laut, die eine Verlängerung der Frist für die Versicherungswahl forderten. Obama kann nur hoffen, dass die herbeigerufenen Programmierer den Eckpfeiler seiner Gesundheitsreform bald aus der Schieflage retten können.


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