Otmar Müller
14.08.13 / 15:21

Wehe dem, der aus der Reihe tanzt

Der Nachbar ist halt ein Nerd, die beste Freundin ein bisschen schräg, und der kleine Neffe ein Zappelphilipp. Was Sie und ich für normal halten, bezeichnen manche Ärzte inzwischen als krank. Wohin das führt, erläutert der Medizinethiker Prof. Giovanni Maio aus Freiburg.



Die Definition dessen, was seelisch krank ist, wird ständig ausgeweitet. Ist das für Sie eine logische Konsequenz der ökonomischen Zwänge in der Medizin? 

Maio: Ja, das ist für mich ganz eindeutig so. Ich erkenne aktuell zwei Tendenzen: einerseits eine Medizin, die sich als Geschäftsmodell und in einer Allianz mit der Industrie neue Absatzmärkte erschließen will. So gibt es oft neue Medikamente auf dem Markt, für die man noch eine offizielle Krankheit suchen muss, um den Absatz der Medikamente zu steigern. In der Fachwelt spricht man von "Disease mongering“, also Krankheitshandel oder Krankheitserfindung. Manche Mediziner bemühen sich dabei, die geltende Norm weiter einzuengen und auch nur die geringste Abweichung einer definierten Norm als krankhaft einzustufen.

Andererseits beobachte ich aber auch eine rigidere Politik der Kostenträger, die die Kostenübernahme verweigern, wenn nicht eine handfeste Krankheit angegeben wird. Das heißt, dass Ärzte dazu angehalten werden, eine Krankheit aus dem Befund zu machen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, dass die Krankenkasse die Kostenübernahme verweigert. Die Medizin darf aber nicht dazu verführt werden, nur dann das Leiden eines Patienten zu behandeln, wenn sie eine Krankheit daraus machen kann. 

Was bedeutet das für eine Gesellschaft, wenn schon die kleinste Abweichung von der Norm als krank erklärt wird?

Das bedeutet eine Medikalisierung der Gesellschaft. Viele Menschen werden in eine Abhängigkeit von medizinischen Maßnahmen gebracht. Es entsteht zugleich eine immer weiter abnehmende Toleranz gegenüber dem vermeintlich Normabweichenden. Im Grunde wird damit die Tendenz befördert, Menschen einem Konformitätsdruck zu unterziehen.

Es besteht eine soziale Erwartung, wie ein "normaler“ Mensch zu sein hat, und jeder, der aus diesem Raster der Normalität herausfällt, wird sozial dazu diszipliniert, sich konform zu zeigen mit den geltenden Standards und sich dem sozialen Erwartungsdruck zu beugen. Das heißt nichts anderes als dass Menschen gefügig gemacht werden und es daher heutzutage schwerer ist, sich zu seiner Persönlichkeit, zu seiner Authentizität zu bekennen.

Das Normenkorsett geht schon bei den Kleinsten los. Immer mehr Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen werden heute als krank eingestuft.

Das ist ein gutes Beispiel, wie durch das Aufkommen neuer Medikamente die Toleranz gegenüber Menschen, die aus dem Raster des Gewohnten herausfallen, enorm sinkt. Es wird von den Eltern und von den Kindern erwartet, dass sie Tabletten nehmen, damit sie nicht stören.

Manchmal sind diese Tabletten auch indiziert, oft aber wäre es besser, man würde versuchen, das Kind zu verstehen und am sozialen Umfeld zu arbeiten. Durch die erwähnte Medikalisierung werden leider viel zu oft psychosoziale Probleme medikamentös behandelt anstatt sie als genuin soziale Probleme anzuerkennen.

Ist jede psychische Störung eine Krankheit, die behandelt werden muss?

Für die Medizin ist es wichtig, dass sie Menschen behandelt und nicht Krankheiten. Es gibt psychische Störungen, die behandelt werden müssen, weil sie den Menschen davon abhalten, sein eigenes Leben zu leben. Aber es gibt auch psychische Störungen, die dazu auffordern, ein Leben mit ihnen zu erlernen. Es ist Bestandteil der ärztlichen Kunst, zwischen diesen beiden Störungen individuell zu unterscheiden. Das lässt sich nicht standardisieren.


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