Andreas Köneke / Maren Adam
26.03.14 / 10:12

Zwei Zahnärzte bei den Inuit (1)

Die Kieler Kieferorthopäden Dr. Andreas Köneke und Maren Adam haben eine Zahnstation in Grönland besucht. Die Lebensbedingungen der Inuit und ihre Erlebnisse dort beschreiben sie hier. Teil 1 von 3.



Rotorblätter zerschneiden die arktische Luft. Noch zehn Minuten bis Tasiilaq. Noch zehn Minuten, dann können wir Robert wieder in die Arme nehmen. Wir sind ihm durch die Zufälle des Lebens freundschaftlich verbunden. Ob er gesund ist? Er wird am Heliport der Hauptstadt Ostgrönlands stehen, neben seinem weißen Land Rover, bei dem die Beifahrertür klemmt, und uns abholen. Dort, wo wir nach einem Kongressaufenthalt auf Island noch einige Tage Station gemacht hatten, dort, wo wir vor einem halben Jahr mit einem Kopf voller Ideen für die kieferorthopädische Versorgung abgeflogen sind.

Offene Münder

Fast alle Kinder hier sind Mundatmer, fast alle Kinder zeigen deswegen ausgeprägte Zahn- und Kieferfehlstellungen. Die Frühbehandlung dysfunktionell bedingter Zahnfehlstellungen und Kieferfehlentwicklungen gehört zu den Hauptarbeitsgebieten in unseren kieferorthopädischen Praxen in Kiel und Wyk auf Föhr.

Wir haben jüngst sogar einen eigenen Trainingsbereich dafür eingerichtet. Eine besondere Therapieform für besonders motivierte Patienten. Missionarisch sind wir nicht gerade veranlagt, aber vielleicht ist diese Therapieform geeignet, die großen funktionellen Probleme, die wir hier im vergangenen Sommer gesehen haben, zu lösen.

Viele Inuit-Kinder sind Mundatmer. A. Köneke

Kieferorthopädie scheint es in Tasiilaq jedenfalls nicht zu geben. Wir haben uns damals vorgenommen, dem auf den Grund zu gehen, und wir sind wieder da. Es fühlt sich an, als seien wir erst gestern von hier abgereist. Wir, das sind meine Lebensgefährtin Maren Adam und ich. Am Flughafen von Kulusuk, wo die internationalen Flüge aus Island ankommen und der Umstieg in den Helikopter nach Tasiilaq erfolgt, lernen wir Uli kennen. Sie ist Grafikdesignerin und wird ihren Liebsten Robert für vier Wochen besuchen.

Ein Inuitkind mit typischer dysfunktioneller Zahnstellung und Kieferfehlentwicklung. A. Köneke

Ob wir die beiden Kieferorthopäden aus Kiel sind, die auch zu Robert ins Rote Haus wollen, hat sie gefragt. Ansehen kann man uns das nicht gerade: Wir sind in dicke Islandpullover und Outdoorjacken gehüllt. Aber Robert hatte ihr vorher von uns erzählt, und hier warten nicht so viele Menschen auf den Heli nach Tasiilaq. Schließlich verrät der deutsche Pass am Check-in die Herkunft.

Polarlicht über dem Roten Haus. A. Köneke

Ja, dort wollen wir hin. Uli hat Butter im Gepäck für Robert. Das Versorgungsschiff kommt nur in den Sommermonaten hier vorbei. Viermal pro Jahr. Anfang März gehen die ersten Vorräte zur Neige, und auch im Supermarkt werden die Regale leer. Dann wartet das Dorf auf das erste Schiff des Jahres. Und das kommt, wenn das Eis wieder offen ist. Ende Juni - frühestens.

Ab November friert der Fjord wieder zu. Jetzt ist Winter in Ostgrönland. Meterhoch aufgetürmt liegt der von wütenden Winterstürmen verwehte Schnee, dazwischen blank gefegter Fels. Zu Hause blühen die ersten Frühlingsblumen im Garten. Draußen auf dem Fjord lauern die Fischer und Jäger an ihren Eislöchern und warten auf unvorsichtige Beute, damit sie ihre Familien und Schlittenhunde heute ernähren können. Heute. Morgen, das ist ein anderer Tag.

Eine Barackensiedlung in der Wildnis

Der Geruch der riesigen, offenen Mülldeponie würzt die Luft. Im Sommer ist die Note eher gärend, im Winter überwiegt stechender Qualm von verbranntem Plastik. Frische arktische Luft ist anderswo, jedenfalls bei Ostwind. Wer durch den Mund atmet, riecht das nicht. Ein paar Hände voll Einwohner zählt Tasiilaq, die Hauptstadt Ostgrönlands, etwa dort, wo der Polarkreis die Küstenlinie schneidet. Nach mitteleuropäischen Maßstäben ist Tasiilaq eher eine Barackensiedlung in der Wildnis. Straßen führen weder hier her noch von hier weg, und die Häuser sind mit einfachsten Mitteln gebaut.

Ein typisches Wohnhaus für Tasiilaq. Oft fehlt den Bewohnern das Geld für einen neuen Anstrich. A. Köneke

Der Müll unterm Schnee

Zäune gibt es nur wenige, zum Beispiel, um den Schulhof und den Kindergarten herum, um die spielenden Kinder vor wilden Tieren und losgerissenen Huskies zu schützen. Jedenfalls nicht, um Eigentum zu kennzeichnen. In Ostgrönland gehört das Land niemandem und damit allen. Die Umgebung von Tasiilaq und auch das Dorf selbst sind von Unrat übersät. Spuren einer zu schnellen Zivilisation. Jetzt, im Winter, bedeckt alles der Schnee.

Zehn Eisbären beobachten die Heli-Piloten derzeit rund um Tasiilaq, erfahren wir. Auf dem nahe gelegenen Sermilik, einem gewaltigen Fjord voller Eisberge, haben Jäger eine Bärin mit zwei Jungen gesehen und im Johann-Petersen-Fjord wurden riesige Spuren eines besonders stattlichen Exemplars des Königs der Arktis gesichtet. Der Polarstrom draußen friert indes nicht mehr zu.

Ins Dorf kommen die Bären sehr selten, und auch die Fahrer, die in der Wildnis mit Hundeschlitten unterwegs sind, sind für sie tabu: Die vielen Hunde eines Schlittengespanns sind ihnen lästig. In der Tat jagen die Inuit einen Eisbären, indem sie die Hunde von ihrem Gespann lösen und die Hunde den Bären umzingeln lassen. Und plötzlich sind die Hunde in ihrem Element und ihren Vorfahren ganz nah.

Die Inuit lieben die Farben - das Holz für die Häuser bezahlte Dänemark. A. Köneke

Hierher verirren sich nur Reisende, die den Wert dieser unwirtlichen, aber unglaublich schönen Gegend schätzen und genießen können und um die Gefahren wissen. Und solche, die den Kontakt mit den Menschen hier suchen. Solche wie Robert Peroni.

Sozialstation und gute Küche

Robert ist der Betreiber des Roten Hauses in Tasiilaq, einer von ihm gegründeten Symbiose aus Sozialstation für die Inuit, Basislager für Expeditionen und Unterkunft für Gruppen- und Individualreisende. Er ist gebürtiger Südtiroler und lebt schon lange hier. Seine Expeditionsreisen durch das Inlandeis haben ihn in ihren Bann gezogen, und er blieb.

Er hat sich als Zivilisationshelfer für die Inuit ein neues Leben aufgebaut und einen wichtigen, sozial engagierten Tourismus etabliert. In seinem Haus bitten die ärmsten der Dorfbewohner um Geld für das tägliche Brot und um Arbeit, hier lagert die Ausrüstung für Arktisabenteurer und hier hat er für zahlende Gäste die erstklassige Küche seiner Heimat mit den Zutaten der Arktis neu definiert.

Eisbär und Moschusochse auf der Speisekarte

„Nichts Besonderes“, meint Robert. Narwal, Eisbär, Seehund und Moschusochse stehen auf der Speisekarte, legal und traditionell gefangen von einheimischen Jägern, die großes Ansehen und guten Lohn dafür erhalten. „Etwas anderes gibt es hier ja nicht“. Die Einnahmen aus dem wenigen Tourismus sichern Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung, denn Robert Peroni beschäftigt ausschließlich Inuit für das Rote Haus. Das hat ihm über die Jahrzehnte großen Respekt im Dorf verschafft, die Menschen achten und verehren ihn.

Kinder erdrosseln sich im Türrahmen

Nirgends ist die Suizidrate größer als in Tasiilaq, nirgends auf der Welt beenden mehr Kinder und Jugendliche ihr Leben, weil die Zukunftsperspektive fehlt. „Sie erdrosseln sich mit Gürteln in Türrahmen“, berichtet Jørn Holbech, der Schuldirektor. Er sieht einen wesentlichen Grund für die hohe Suizidrate auch darin, dass die Menschen ihre Zukunft nicht planen, und deswegen eine unbefriedigende Gegenwart sehr viel bedrückender empfinden.

Der Friedhof von Tasiilaq: Hier sind die vielen Jugendliche begraben, die sich aus Perspektivlosigkeit das Leben nahmen. A. Köneke

Auch die Zahl der Alkoholsüchtigen und Raucher ist groß. Früher zogen die Familien an den Küsten entlang und folgten den Fischschwärmen, Walen und Seehunden. Der beste Jäger einer Gemeinschaft war reich an Ansehen. Die Menschen von Kalaallit Nunaat, dem „Land der Grönländer“, wie die Grönländer ihre Heimat nennen, wohnten damals in einfachen Erd- und Schneehäusern, das Leben war hart und karg, jeder wurde gebraucht und hatte eine wichtige Aufgabe in der Gemeinschaft. Alte und kranke Menschen, denen ihr Leben  zur Last wurde, gingen in die Wildnis und kamen nicht zurück. Selbsttötung hat einen anderen Stellenwert bei den Inuit.

Licht und Schatten einer (zu) schnell gewachsenen Zivilation

Unlängst haben ihnen die Dänen mit umfangreichen Steuergeldern die Zivilisation, die Sesshaftigkeit und die Arbeitslosigkeit geschenkt. Die Grönländer leben deswegen heute in farbenfrohen Holzhäusern, die für unser Auge einen großartigen Kontrast zur kargen Landschaft abgeben. Aus Holz, das es auf Grönland nicht gibt. Gestrichen mit Farbe, die sie sich nicht leisten können. In Fjorden, an denen die Fischschwärme längst vorbeigezogen sind und in die die Abwässer ungeklärt eingeleitet werden. Heute sind die Menschen von Tasiilaq bitter arm. Die Grönländer mögen die Weißen nicht sonderlich.

Als Esquimantsik bezeichneten die Athabaska-Indianer ihre nördlichen Nachbarn. Die Europäer übernahmen die Bezeichnung und verkürzten sie zu "Eskimo". Die Menschen der Arktis nennen sich jedoch Inuit, in der Einzahl Inuk, was "der Mensch" beziehungsweise "das Volk" bedeutet. Aufgrund archäologischer Funde ist davon auszugehen, dass sich im Gebiet der Bering-Straße um etwa 1000 vor Christus die Thule-Kultur entwickelte, aus der die Inuit-Kultur entstand.

Vor 3.000 Jahren kommen die ersten Inuit von Nordamerika und Sibirien über die Beringstraße nach Grönland. 1721 erklärt Dänemark das Land zur Kolonie. Als Anfang des 17. Jahrhunderts Walfangflotten das Meer vor Grönland erreichen, beginnt sich das Leben der Inuit und ihre Kultur tuefgreifend zu verändern: Gewehre, Zucker, Tabak und Alkohol werden gegen Felle getauscht. Die Inuit geraten in Abhängigkeit von Tausch und Handel.

Das dänische Handelsmonopol, der Königlich-Grönländische Handel (KGH) galt bis 1950. Viele Inuit arbeiteten auf den Walfangschiffen. Es war gute Sitte und sogar wichtig um neues Blut in die Stämme zu bringen, wenn Gäste eine Frau zugewiesen bekamen. Es war unhöflich und für die Frauen zutiefst verletzend, das abzulehnen. Auch sozial war Polygamie wichtig: Männer waren meist auf Jagd und, wenn zu Hause, für eine Frau zu "anstrengend". Wenn ein Mann einer Frau starb, wurde seine Frau automatisch eine weitere Frau des Ehemanns der Schwester. Männer heirateten also immer per Gesetz die Schwester der Ehefrau mit.

Das Christentum zwang den Inuit fremde Rechts- und Moralvorstellungen auf. (Quelle: Gesellschaft für bedrohte Völker/ Andreas Köneke).


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