Andreas Köneke/ Maren Adam
28.03.14 / 10:10

Zwei Zahnärzte bei den Inuit (2)

Zerstörte Milchzähne und skelettal unterentwickelte Oberkiefer - die Kieferorthopäden Dr. Andreas Köneke und Maren Adam waren in Ostgrönland, um einen Einblick in die kieferorthopädische Versorgung der Inuit zu bekommen. Teil 2 von 3.



„Wir versuchen hier, gemeinsam mit Robert eine Armenküche einzurichten, aber wir müssen behutsam vorgehen“, sagt Gerhard Trabert. Er ist Arzt und Professor für Sozialwesen und Sozialmedizin in Wiesbaden. Er und Robert wollen in Tasiilaq mit der Klinik und der Schule ein Sozialprojekt aufbauen - für die Gesundheit der Armen.

Kritiker sind nicht willkommen

Die Dänen sehen Kritiker nicht gern hier, deswegen soll ein internationales Sozialprojekt den Mantel bilden. Gerhard will auch am Montag mit uns in die Zahnstation kommen, wo wir mit Jørgen, dem dänischen Klinikchef, verabredet sind, um uns ein Bild von der Versorgungssituation vor Ort zu machen.

Robert hat uns vorgewarnt: „Die Dänen wollen hier keine Hilfe, sie sind sehr eigen.“ Eine auf Dänisch verfasste kurze E-Mail an Jørgen ist unsere Eintrittskarte in die Zahnstation. Maren hat einige Jahre in Skandinavien als Kinderzahnärztin gearbeitet und auch ich spreche einige Worte Dänisch. Das öffnet Türen, denn Amtssprache in Grönland ist Dänisch, und alle wichtigen Posten sind in dänischer Hand.

Über uns das Nordlicht

„Gestern Nacht“, schwärmt Gerhard, „leuchtete das Nordlicht in den schönsten Farben über Tasiilaq. Erst nur im Norden, dann über den ganzen Himmel. Es fühlte sich an, als werde man ein Teil des Universums.“ Von den Inuit sei der Glaube überliefert, das Nordlicht sei das Spiel der Seelen der totgeborenen Kinder mit ihren Nabelschnüren, erzählt er.

Gerhard wollte schon vor drei Tagen angekommen sein, aber ein Schneesturm ließ zwei Tage lang keinen Flugverkehr zu. Seit gestern ist er nun hier, und will für seine Studenten täglich einen aktuellen Bericht auf die Hochschulseiten von Wiesbaden stellen. Viel Zeit bleibt ihm nicht, denn er hat insgesamt nur eine Woche eingeplant.

Tasiilaq hat keine Hochgeschwindigkeits-Glasfasertechnik. Hier muss man sich gut überlegen, wie viele Bilder man ins Attachment legt. Mittlerweile funktioniert das Internet zuverlässig, meistens jedenfalls, allerdings für einen exorbitant hohen Preis, weil jeder Bit per Satellit in den Äther geschickt werden muss.

Internet ist Luxus

Einige hundert Euro im Monat kostet das Rote Haus diese Verbindung zur modernen Welt. Unbezahlbarer Luxus für die meisten Einheimischen. Im Roten Haus ist das ein wichtiges Thema: Ab nächster Woche gibt es hier Wlan für alle. „Das ist die Zukunft für die Leute hier“, sagt Robert. Er gewährt ihnen den Zugang kostenfrei, genau wie den Ärmsten das Essen.

Steinzeit trifft Moderne: Die Inuit beim Eislochfischen vor dem rauchenden Schornstein der Müllverbrennungsanlage von Tasiilaq. A. Köneke

Abends kommt Vigo mit seiner Familie zum Essen. Vigo arbeitet für das Rote Haus. Im Sommer nimmt er Touristen in seinem Jägerboot zu Ausflügen mit. Die orangefarbenen Boote liegen jetzt bis an den Rand mit Schnee gefüllt vor dem Roten Haus. Man braucht ein scharfes Auge, um auf der schnellen Fahrt mit dem kleinen offenen Motorboot den Weg durch das Eisberg-Labyrinth zu finden. Für Vigo ist das kein Problem. Wer die Robbe im Polarstrom zu jagen gelernt hat, ist hier in seinem Element.

Die Nase zu, der Mund offen, die Zähne schief

Auch im Winter, wenn nur selten Gäste da sind, wird er gebraucht, denn es ist viel zu tun an der Ausrüstung und im Haus. Leute wie Vigo sind wichtig für Robert. Deswegen darf er auch seine Familie zum Essen mitbringen. Die Kinder sind aufgeweckt - und Mundatmer. Die Nase ist zu, der Mund steht offen, die Zähne sind schief. Niedlich sind die Kleinen trotzdem. Und wir werden daran erinnert, warum wir hier sind.

Zu Besuch in der Zahnstation

Dann wird es Montag, Zeit für unseren Besuch in der Zahnstation. Die beiden Zahnärzte, Jørgen und Marianne Ramstedt Jensen, empfangen uns mit dänischer Gemütlichkeit. Es wird Kaffee getrunken und erzählt. Jørgen zeigt uns Fotos von kariös tief zerstörten Milchgebissen. „So sah es früher hier aus“, sagt er. Und fügt stolz hinzu: „Heute ist das anders. Die Warteliste ist abgearbeitet.“

Eingang zur Zahnstation: Akutsprechstunde täglich von 14 bis 15 Uhr. A. Köneke

Auf den intraoralen Fotos fallen neben den zerstörten Milchzähnen auch extreme Engstände der Frontzähne und skelettal unterentwickelte Oberkiefer auf - genau wie erwartet. „Ethnisch bedingt“, meint Jørgen. Funktionell und habituell bedingt, sagt die Wissenschaft. Die Wahrheit liegt vielleicht irgendwo dazwischen: Die Inuit kamen vor langer Zeit als Vertriebene von Asien über das Eis von Norden her und fanden in diesem eisigen Stück Natur ihre neue Heimat. Survival oft the fittest.

Unterentwickelte Oberkiefer, überentwickelte Unterkiefer

Wenn wir nach Asien, und hier insbesondere nach Japan schauen, finden wir auffällige Ähnlichkeiten, was die Kiefer-Gesichtsregion betrifft: unterentwickelte Oberkiefer, überentwickelte Unterkiefer. Und auch in Tasiilaq beklagt Jørgen eine extrem hohe Rate verlagerter oberer Eckzähne - genau wie in Japan.

Wie steht es um die Kieferorthopädie in Tasiilaq? Jørgen sagt, dass er als Kinderzahnarzt in Dänemark auch eine kieferorthopädische Ausbildung erhalten habe. Eine Spezialisierung ist in Tasiilaq allerdings nicht gefragt. Hier werden Allrounder gebraucht. Immerhin ist die Zahnstation modern ausgestattet.

In der Zahnstation: Jedes Kind hat hier eine eigene Zahnbürste, mit er es sich vor der Behandlung die Zähne putzt. A. Köneke

750 Kinder gibt es in dem 2.000 Einwohner zählenden Dorf Tasiilaq. 30 Fälle hat Jørgen hier bislang kieferorthopädisch behandelt und weist uns auf ein paar Modellkisten in einem der oberen Regale einer Sprechzimmerecke hin. Der Bedarf wäre wohl sehr viel größer.

Therapiemöglichkeiten eines Allrounders

Hier wird aufgrund der vorherrschenden extremen Engstände oft extrahiert und mit festsitzenden Geräten behandelt, frühestens ab 11, 12 Jahren. Eine funktionsorientierte Nachentwicklung der Maxilla, Lippen-, Wangen-, Zungen-, Atmungs- oder Haltungstraining wird nicht angeboten.

Aber was will man von einem Allrounder-Team mehr verlangen. Der gute Wille, für die Menschen mit all ihren verschiedenen Problemen nach Kräften das Beste zu tun, ist jedenfalls spürbar: „Wir haben der Zukunft den Weg bereitet“, schreibt Jørgen später, und schickt Bilder von perfekt gepflegten grönländischen Kinderzähnen. Das berührt.

„Die Eltern hier sind nicht sehr zuverlässig darin, die Kinder an das Tragen herausnehmbarer Geräte oder gar an Übungen zu erinnern“, entschuldigt Marianne. Und das ist ein wichtiges Thema, denn zu einer besonderen Behandlung gehören auch immer besonders motivierte Patienten.

Dennoch ist sie sehr neugierig bezüglich der Behandlung von Zungen- und Lippendysfunktionen und nimmt dankend das Gastgeschenk - ein Musterexemplar eines konfektionierten Frühbehandlungsgerätes - entgegen: für ihre Enkelin in Dänemark, wenn sie zurück sind. Marianne lächelt ein gütiges Klasse-III-Lächeln.

Abends kommen Marianne und Jørgen zum gemeinsamen Essen mit Maren und Andreas ins Rote Haus (v.l.n.r.). U. Fischer

Die Familie des Zahnarztehepaars lebt in Dänemark, deswegen haben die beiden noch eine Wohnung dort. Sie sind zwar seit vielen Jahren in Grönland, aber immer noch mit ihren Gedanken in ihrer alten Heimat. „Erst haben wir in Westgrönland gearbeitet, dann sind wir über die Südküste in den Osten gekommen“, berichtet Marianne. Sie erzählt auch, dass es in Nuuk sogar einen Kieferorthopäden in der Klinik gibt.

Hinter der Welt der bösen Geister

Nuuk, das liegt für die Menschen von Tasiilaq hinter 3.000 Kilometern Inlandeis, hinter der Welt der bösen Geister, jenseits des Landes der Menschen. Marianne und Jørgen sprechen etwas Grönländisch. Die Sprache ist schwer zu lernen, finden sie.

Hinzu kommt, dass sich West- und Ostgrönländisch nicht im Geringsten ähneln. Ostgrönländisch ist keine Schriftsprache. Viele Menschen hier können weder lesen noch schreiben. Der auf dem Wasserwege für die zivilisierte Welt schon immer besser zugängliche und deswegen industrialisierte Westen Grönlands ist da fortschrittlicher. Seitdem in der Schule Lesen und Schreiben gelehrt wird, wird so allmählich die nur mündlich überlieferte ostgrönländische Muttersprache verdrängt.

Die Schüler von Tasiilaq lernen in der Schule heute, wie ein Kirschbaum aussieht und dass die Mandelbäume die ersten blühenden Bäume im Jahr sind. Bäume gibt es in Grönland jedoch nicht, und wie man in ihrer kargen Heimat wirklich lebt und überlebt, bringen ihnen die Eltern bei, die noch heute Analphabeten sind. Lesen und schreiben muss man dafür nicht.

Gemalte Kirschen wie Weihnachtsbaumkerzen

„Wenn die Kinder hier einen Kirschbaum malen sollen, zeigen die Früchte wie Weihnachtsbaumkerzen nach oben“, schmunzelt Robert. „Wenn sie aber eine Robbe fangen sollen, wissen sie genau, wie es geht.“

Huskies lieben Robben. A. Köneke

Das Grönländisch von Marianne und Jørgen reicht für den Gebrauch in der Zahnklinik. Die Kinder lernen hier ab der ersten Klasse Dänisch. „Mehr schlecht als recht“, meint Marianne. Deswegen sind die beiden nicht nur aus fachlicher Sicht froh über die beiden grönländischen Tandplejer, die die Klinik neben ihnen beschäftigt. Tandplejer, das ist in Dänemark - und damit auch in Grönland - ein Beruf, vergleichbar mit dem Dental Hygienist mit einer diagnostischen und therapeutischen Zusatzausbildung.

Riesiger Bedarf für Prophylaxe

Der Bedarf für Prophylaxe hier ist riesig. Marianne und Jørgen sind glücklich, dass sie die Mundgesundheit in Tasiilaq und Umgebung erheblich verbessert haben. Das Bild, das sich ihnen zu Beginn ihrer Dienstzeit geboten hatte, war schlimm. Sie haben uns zum Vergleich Fotos aus jener Zeit und von heute gezeigt. Ein vorzeigbares Lebenswerk.

Düstere Aussichten

Bald werden Marianne und Jørgen in den Ruhestand gehen. Es wird schwierig werden, neue festangestellte Zahnärzte zu finden. Zunächst sollen Vikare aus Dänemark die Tätigkeit übernehmen. „Aber ihr wisst, wie es ist“, sagt Jørgen, „meist kommen ältere Kollegen, die keine Erfahrung mit Kindern haben und kurz vor dem Ruhestand noch etwas Nettes erleben möchten, oder es kommt, wie jetzt, einer mit Mitte dreißig für drei Monate, macht alles anders, weil er eine andere Lehrmeinung gelernt hat und geht wieder. Dann kommt der nächste für drei Monate, weiß alles besser und macht wieder alles anders, und so weiter. Das ist keine gute Zukunft für die Zahnheilkunde und speziell für die Kieferorthopädie hier.“

Solche Probleme wären vielleicht lösbar durch Dienstverpflichtungen über mehrere Jahre, so wie sie den Lehrern hier abverlangt werden, oder über größere wirtschaftliche Vorteile. Aber für Ersteres fehlen die Bewerbungen und Letzteres fällt dem Staat extrem schwer.

Grönland ist zwar dänisches Hoheitsgebiet und lebt von dänischen Steuergeldern, strebt aber seit einigen Jahren die Unabhängigkeit an. Es gibt eine Selbstverwaltung und große soziale Probleme im Land. „Deswegen ist die Inflationsrate hier höher als in Dänemark. Wir spüren, dass das Geld in Grönland weniger wird“, sagt Jørgen.

Und immer wieder neue Leute

Inzwischen ist Gerhard mit seinen Bemühungen um die Armenküche weiter vorwärtsgekommen. Er hat den Schuldirektor getroffen, der aufmerksam zuhörte und ihn an die Familienstation verwies. Ein Schwede sei dort zuständig. Robert zeigt sich beeindruckt: „Haben die die Mannschaft schon wieder ausgetauscht? Es ist nicht einfach hier, einen Ansprechpartner zu finden.“ Gerhard wird es trotzdem versuchen.

Als Esquimantsik bezeichneten die Athabaska-Indianer ihre nördlichen Nachbarn. Die Europäer übernahmen die Bezeichnung und verkürzten sie zu "Eskimo". Die Menschen der Arktis nennen sich jedoch Inuit, in der Einzahl Inuk, was "der Mensch" beziehungsweise "das Volk" bedeutet. Aufgrund archäologischer Funde ist davon auszugehen, dass sich im Gebiet der Bering-Straße um etwa 1000 vor Christus die Thule-Kultur entwickelte, aus der die Inuit-Kultur entstand.

Vor 3.000 Jahren kommen die ersten Inuit von Nordamerika und Sibirien über die Beringstraße nach Grönland. 1721 erklärt Dänemark das Land zur Kolonie. Als Anfang des 17. Jahrhunderts Walfangflotten das Meer vor Grönland erreichen, beginnt sich das Leben der Inuit und ihre Kultur tuefgreifend zu verändern: Gewehre, Zucker, Tabak und Alkohol werden gegen Felle getauscht. Die Inuit geraten in Abhängigkeit von Tausch und Handel.

Das dänische Handelsmonopol, der Königlich-Grönländische Handel (KGH) galt bis 1950. Viele Inuit arbeiteten auf den Walfangschiffen. Es war gute Sitte und sogar wichtig um neues Blut in die Stämme zu bringen, wenn Gäste eine Frau zugewiesen bekamen. Es war unhöflich und für die Frauen zutiefst verletzend, das abzulehnen. Auch sozial war Polygamie wichtig: Männer waren meist auf Jagd und, wenn zu Hause, für eine Frau zu "anstrengend". Wenn ein Mann einer Frau starb, wurde seine Frau automatisch eine weitere Frau des Ehemanns der Schwester. Männer heirateten also immer per Gesetz die Schwester der Ehefrau mit.

Das Christentum zwang den Inuit fremde Rechts- und Moralvorstellungen auf. (Quelle: Gesellschaft für bedrohte Völker/ Andreas Köneke).



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