Andreas Köneke / Maren Adam
17.04.14 / 10:08

Zwei Zahnärzte bei den Inuit (3)

Zerstörte Milchzähne und unterentwickelte Oberkiefer - die Kieferorthopäden Dr. Andreas Köneke und Maren Adam waren in Ostgrönland, um einen Einblick in die kieferorthopädische Versorgung der Inuit zu bekommen.



Am Abend kehrt der engagierte Professor mit guten Nachrichten ins Rote Haus zurück. Er hat mit Kurt Petersen, einem Dänen, gesprochen. Die Verwaltung sei sehr interessiert an einem Gespräch mit Robert Peroni. "Dafür danke ich Dir unendlich“, freut sich Robert. "Mit ihm habe ich bisher noch kein einziges Gespräch zustande gebracht, er ist sehr zurückhaltend.“ Ein neues, lohnenswertes Projekt hat Fuß gefasst. Gerhard wird wiederkommen – mit seinen Studenten.

Farbenfrohe Holzhäuser: Ein Import aus Dänemark. Köneke

Robert Peroni, staatlich geprüfter Bergführer, mehrfacher Durchquerer des grönländischen Inlandeises, Buchautor und Mitentwickler des Peronins, einer speziellen Trekkingnahrung für lange Expeditionsreisen, ist schwer krank. Eiserne Disziplin und die Liebe zu den Menschen hier halten ihn aufrecht, und er sieht heute gesünder aus als vor einigen Jahren, als er begleitet von seinen Freunden und gezeichnet von der Krankheit schweren Herzens vom Inlandeis Abschied nahm. Dennoch geht es ihm auch heute nicht gut.

Robert ist jemand, der sich nie beklagt. Er wollte keinen großen Hype, doch die Presse kam, und legte ihm mehr Ausdruck des Leids in seine Rolle, als ihm lieb war. Damals hatten ihm die Ärzte keine gute Prognose gegeben. Die medizinische Versorgung hier ist schlecht, dennoch bleibt er: "Es sind noch so viele Projekte zu erledigen“. Die Nachfolge im Roten Haus hat er bereits geregelt: Seine besten Leute und die Fortsetzung des sozial engagierten Tourismus spielen darin eine wesentliche Rolle.

Robert ist auch ein Meister des Schachspiels, ein scharfsinniger und kluger Mensch. Das hilft ihm in seiner täglichen Arbeit sehr: Er wird viel Energie und Diplomatie investieren müssen für die Anerkennung der Armenküche, und er will es, denn das gibt ihm Kraft. Im Grunde bietet er die Armenküche schon heute, denn er gibt allen Inuit, die ihn bitten, Brot, Käse und Wurst - so viel sie wollen.

Kunsthandwerk als Handelsware

Am liebsten gibt er ihnen Geld und Essen, wenn sie eine Gegenleistung erbringen. Kunsthandwerk ist eine gute Handelsware im Tausch, denn Roberts Gäste kaufen es gern als Andenken. So leistet jeder Reisende, der ein Stück Kunsthandwerk aus der Vitrine des Roten Hauses mit nach Hause nimmt, einen Beitrag zum Lebensunterhalt der Menschen von Tasiilaq. Aber es geht ihm um mehr, denn die Unterstützung der Armen trägt er momentan aus eigener finanzieller Kraft. Warum also soll man nicht die Diener des Staates, der für die Misere verantwortlich ist, dahin führen, die aus privatem Engagement initiierten, bereits erfolgreichen sozialen Projekte zu den eigenen Ideen zu machen?

Meterhoher Schnee umschlingt die Häuser: Die Winterstürme wüten in Ostgrönland heftig. Köneke

Er hält ein Werkzeug mit einem figürlich verzierten Griff aus Elfenbein vom Narwal in der Hand. Er, Robert Peroni, hat es beim Ausräumen des Kellers eines von ihm gekauften Hauses im Dorf gefunden. "Ich habe es erst für einen Schraubenzieher gehalten, aber schau, es ist spitz. Ich will es mit dem Museum besprechen, wie wertvoll es ist.“ Und er fügt hinzu: "Aber der Museumsleiter versteht nichts davon - ich werde es wohl zuerst fotografieren, für das nächste Buch.“

Also noch ein weiteres? Bravo! Einige Bücher über seine Inlandeisexpeditionen hat er bereits geschrieben. Nun ist es Roberts Anliegen, die Kultur Ostgrönlands zu beschreiben und die nur mündlich überlieferte Sprache des Landes schriftlich festzuhalten. Ein großes Projekt. Sein aktuelles Buch, in dem es ihm in bewegenden Geschichten zunächst um die Dokumentation des Geistes und der Lebensart der Menschen Ostgrönlands geht, kommt im Herbst in deutscher Sprache heraus.

Vitello Tonnato vom heimischen Wal

Die Zahnärzte von der Zahnstation folgen Roberts spontaner Einladung ins Rote Haus. Robert verspricht "nichts Besonderes“ zum Essen zu kochen. "Nichts Besonderes“, das ist heute Vitello Tonnato vom heimischen Wal. Von Inuit gejagt, von Inuit zubereitet, aus Südtirol inspiriert. Wir haben eine weitere Gelegenheit, mit Marianne und Jørgen Erfahrungen über berufliche Projekte an verschiedenen Plätzen der Welt auszutauschen und erfahren viel über die zahnärztliche Versorgung auf Grönland.

Mundatmung und Klasse III: Das trübt aber nicht die Lebensfreude. Köneke

Ein Zahntechniker komme gelegentlich vorbei, um Aufträge für Prothesen entgegenzunehmen, berichten sie. Kronen und Brücken seien nicht im königlich zahnärztlichen Programm für die arktische Provinz enthalten. Und alles, was herausnehmbar sei, zerbreche oder verschwinde allzu oft bei den Patienten. Das gelte auch für Zahnspangen. Was nichts kostet, ist auch nichts. Schon ein winziger Obulus für die teure Versorgung würde vielleicht so manches ändern.

Ähnliches hatten wir bereits bei einem Besuch der südpazifischen Inseln, also am anderen Ende der Welt, vom Oberhaupt der Zahnkliniken Tongas erfahren (zm-online berichtete), und auch Jørgen erzählt von einem Besuch in Äthiopien nichts anderes. Die gesundheitspolitische Welt erscheint uns in diesem Moment erfahrungsresistent.

Überhaupt gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen den Einwohnern Grönlands, Tongas und Äthiopiens, obwohl die Härte der Arktis die Menschen ganz anders geprägt hat als die Leichtigkeit des Lebens im Südpazifik oder am Äquator. Urvölker am Rande der Zivilisation sind sie alle, und alle folgen denselben Gesetzen des instinktiven Überlebenswillens, bei dem die ärztliche Versorgung ausschließlich für die Befreiung von Schmerzen wahrgenommen wird. Eine Welt, in der das Gestern Geschichte ist, in der nur das Heute zählt und in der das Morgen in nicht vorstellbarer Ferne liegt.

Die Tour mit dem Zahnmobil fällt ins Wasser

Ab morgen ist eine Bygdetour geplant. So nennen die dänischen Zahnärzte die mehrtägige Rundfahrt zur Versorgung der abgelegeneren Orte. Doch sie werden hier bleiben müssen, denn der Hubschrauber wird in den nächsten Tagen nicht fliegen. Ein Sturm nach dem anderen wird über die Stadt fegen und es wird viel Neuschnee fallen. Danach kann man einen neuen Versuch wagen. "Im Sommer können wir auch das Boot nehmen“, sagen sie. Im Winter ist der Helikopter das einzige geeignete Transportmittel. Bei widrigem Wetter warten die Patienten der Nachbardörfer dann vergeblich auf die zahnärztliche Versorgung.

Erheblicher Engstand im Oberkiefer, der typisch für Tasiilaq ist. Tasiilaq Tandklinik

Auch für die Gäste des Roten Hauses, die abreisen wollen, bedeutet das Wetter, hier festzusitzen. Und für anreisende Gäste, dass sie nicht hierherkommen können. Die Linienverbindung nach Kulusuk, und von dort weiter nach Reykjavik, geht im Winter nur zweimal pro Woche, aber nur, wenn es das Wetter zulässt.

Marianne und Jørgen wohnen in einer Dienstwohnung der Klinik. Sie werden ihrer Wahlheimat Tasiilaq in Kürze für immer den Rücken kehren, diesem bunten Dorf in der arktischen Wildnis am Kong Oscars Havn, einem pittoresken Fjord, dessen Oberfläche im Sommer Eisberge und im Winter Hundeschlitten schmücken, und den eine großartige Bergkulisse in den rechten Rahmen rückt.

Die beiden freundlichen Dänen sind sehr bodenständig und freuen sich deswegen auf ihre Rückkehr ins dänische Küstenflachland zu ihrer Familie. Sie kommen aus Mariager in der Region Jytland, dem dänischen Festland, "an Dänemarks schönstem Fjord“, sagen die beiden stolz. Dort werden sie schon bald wieder sein, nach ihrer Pensionierung in ein paar Wochen.

Es kommt der Zahnarzt auf Zeit

Dann wird es ruhig werden um die persönliche Betreuung in der zahnärztlichen Versorgung der Hauptstadt Ostgrönlands, wo der Zahnarzt jeden kennt und der Freund der Kinder ist. Solche wie Marianne und Jørgen sind selten. Der Zahnarzt auf Zeit, der dann für drei Monate kommen wird, wird sich nur um die nötigste Versorgung kümmern können, so wie es hier vor der Zeit von Marianne und Jørgen war.

Frühkindliche Karies betrifft auch Inuit-Kleinkinder. Tasiilaq Tandklinik

So manchem Kind in Tasiilaq wird in Zukunft wohl wieder die Chance entgehen, das rohe Robbenfleisch unbeschwert kauen zu können. Aber zum Glück gibt es Softdrinks, Eis und jede Menge weiche Süßigkeiten im lokalen dänischen Supermarkt, und das ist wahre Lebensfreude für die Dorfjugend. Stolz teilen sie die Kostbarkeiten auf der Straße mit ihren Freunden. So wird der lokale Zahnarzt auch in Zukunft nicht arbeitslos sein.

Gesunde Ernährung gehört nicht gerade zum Gedankengut der jungen Grönländer. Dennoch fällt auf, dass die Kinder nicht dick sind. Es gehört eben zum Stolz der Inuit, zur Jagd zu gehen und dort erfolgreich zu sein. So gibt es neben all dem Junkfood wohl auch in Zukunft genügend Eisbären, Wale und Robben zu essen, die nicht im Supermarkt erhältlich sind, sondern unter Einsatz harter körperlicher Arbeit gejagt werden wollen. Die Weiten der Arktis sind neben der Ernährungsgrundlage also auch der Sportplatz der Grönländer. Die zivilisierte Welt täte gut daran, dieses gesunde Gleichgewicht nicht zu stören.

Spezialitäten der Zahnmedizin wie zum Beispiel funktionsorientierte Kieferorthopädie gehören nicht zur Grundversorgung in den medizinisch unterversorgten Gebieten der dänischen Provinz. Warum sollte das hier anders sein als anderswo auf der Welt. Hier ist stets das persönliche Engagement der Menschen, die in der Rolle des Zahnarztes stecken, gefragt.

Solches Engagement entsteht zum Beispiel bei einer großen Zahl von Wettbewerbern, wie es in Großstädten der Fall ist. Seltener ist es ein überdurchschnittliches Interesse am Beruf und an den Menschen, das die medizinische Versorgung an der Basis verbessert. Insofern gebührt Marianne und Jørgen Hochachtung für das, was sie hier vollbracht haben. Es war mehr als nur ein Job für sie, und sie haben es geschafft, den grönländischen Kids aus unzähligen kariös zerstörten Milchgebissen ein strahlendes Lächeln ins Gesicht zu zaubern und hier und dort auch kieferorthopädisch nachzuhelfen.

Ob und wann jemals wieder ein Mediziner einen neuen Versuch unternehmen wird, die erheblichen kieferorthopädischen Probleme von Tasiilaq zu lösen, steht in den Sternen des arktischen Himmels. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Bemühungen um die Zahnpflege dauerhaft erfolgreich bleiben. Die Inuit nehmen es gleichgültig: Morgen, das ist ein anderer Tag.

Informationen über das Rote Haus gibt es hier.

Als Esquimantsik bezeichneten die Athabaska-Indianer ihre nördlichen Nachbarn. Die Europäer übernahmen die Bezeichnung und verkürzten sie zu "Eskimo". Die Menschen der Arktis nennen sich jedoch Inuit, in der Einzahl Inuk, was "der Mensch" beziehungsweise "das Volk" bedeutet. Aufgrund archäologischer Funde ist davon auszugehen, dass sich im Gebiet der Bering-Straße um etwa 1000 vor Christus die Thule-Kultur entwickelte, aus der die Inuit-Kultur entstand.

Vor 3.000 Jahren kommen die ersten Inuit von Nordamerika und Sibirien über die Beringstraße nach Grönland. 1721 erklärt Dänemark das Land zur Kolonie. Als Anfang des 17. Jahrhunderts Walfangflotten das Meer vor Grönland erreichen, beginnen sich das Leben der Inuit und ihre Kultur tiefgreifend zu verändern: Gewehre, Zucker, Tabak und Alkohol werden gegen Felle getauscht. Die Inuit geraten in Abhängigkeit von Tausch und Handel.

Das dänische Handelsmonopol, der Königlich-Grönländische Handel (KGH) galt bis 1950. Viele Inuit arbeiteten auf den Walfangschiffen. Es war gute Sitte und sogar wichtig um neues Blut in die Stämme zu bringen, wenn Gäste eine Frau zugewiesen bekamen. Es war unhöflich und für die Frauen zutiefst verletzend, das abzulehnen. Auch sozial war Polygamie wichtig: Männer waren meist auf Jagd und, wenn zu Hause, für eine Frau zu "anstrengend". Wenn ein Mann einer Frau starb, wurde seine Frau automatisch eine weitere Frau des Ehemanns der Schwester. Männer heirateten also immer per Gesetz die Schwester der Ehefrau mit.

Das Christentum zwang den Inuit fremde Rechts- und Moralvorstellungen auf. (Quelle: Gesellschaft für bedrohte Völker / Andreas Köneke).


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