Andreas Köneke
19.11.13 / 11:10

Hilfseinsatz in Polynesien I - die Anreise

Dr. Andreas Köneke ist Kieferorthopäde, CMD-Experte und wissenschaftlicher Leiter der Kieler Kinder Konferenz. Mit dem Katamaran ist er in Polyesien zu einem privaten Hilfseinsatz aufgebrochen.



Der mit Hilfsgütern beladene 50-Fuß-Segelkatamaran La Medianoche rauscht im Passatwind durch die mittelhohe See des südlichen Pazifischen Ozeans. Ringsherum entstehen und vergehen transluzente, tiefblaue Wasserberge mit hübschen weißen Kronen. Wie lange sind wir schon unterwegs? Welcher Wochentag ist heute? Wir haben es fast vergessen. Geschätzter Ankunftszeitpunkt? Unbedeutend. Tage und Nächte sind auf dieser Reise zu einer Einheit verschmolzen. Leben für den Moment. Nichts weiter zählt, nichts anderes ist mehr wichtig.

Am Ende der Welt

So fühlt es sich also an, den Menschen auf den abgelegenen Inseln der Welt zu Hilfe zu kommen. Polynesien, ein riesiges Meer unendlicher Freiheit, unendlicher Gastfreundschaft und unendlichen Glücks. Ein Widerspruch regt sich in uns: Dieses andere Ende der Welt fühlt sich so viel unbeschwerter an als Europa.

Ausgerechnet hier wollen wir helfen, dass alles besser wird? In ein paar Wochen werden wir Neiafu im entlegenen Vava’u-Archipel des Königreichs Tonga erreichen, wo die freundlichsten Menschen der Welt unsere Ankunft erwarten. Gern möchten wir auch überall anders unterwegs unsere Hilfe anbieten, falls sie benötigt wird.

Die La Medianoche unter Segeln. A. Köneke

Im Internet strahlen fröhliche Kinder in die Kameras, Fotos der südpazifischen Tourismusbranche. Menschen, die glücklich sind mit den Unzulänglichkeiten ihres Alltags, die im Hier und Jetzt leben, denen ihre Zukunft kein Begriff ist. Nun gut, wenn wir schon nicht helfen könnten, dass besser wird, was vielleicht gar nicht zu übertreffen ist, können wir uns wenigstens ein Bild davon machen, wie es um die zahnmedizinische Versorgung der abgelegenen Südseeinseln bestellt ist. Gibt es Prophylaxe? Kennt oder braucht man dort überhaupt Kieferorthopädie? Wie ist der klinische Standard?

Export der westlichen Formel

Wir Europäer werden dazu erzogen, dass es gut ist, den Menschen in den unterentwickelten Ländern zu helfen. Wir liefern die Formel für unser zivilisiertes und in Sicherheit gebettetes, komfortables Leben an die Welt. Wir erheben uns über das sogenannte Primitive und vergessen dabei gelegentlich, dass die anderen Völker bereits genauso lange den Planeten bewohnen wie wir, nur eben anders.

Anders ist nicht unbedingt gut, anders ist nicht auch nicht unbedingt schlecht. Gut und Schlecht sind ja bekanntlich ausschließlich Werte menschlichen Denkens, diese Erkenntnis hatte bereits Shakespeare. Wir sollten uns also zunächst auf das Erfahren beschränken, um dann frei von unseren Wertevorstellungen zu überlegen, ob unsere Hilfe in den Augen der Empfänger eine gute Hilfe sein kann.

Ein auf das Wesentliche reduziertes Leben

Wie begegnet man nun Menschen, die vielleicht ganz anders denken als wir, für die die Begriffe Gut und Schlecht ebenso wie für uns existieren - aber vielleicht in einem anderen Wertesystem. Wir haben uns deswegen entschieden, einen bedeutenden Teil der Reise mit dem Segelboot anzutreten, uns mit den Grundelementen dieses Planeten auseinanderzusetzen, um zu erfahren, wie sich ein auf die wesentlichen Dinge reduziertes Leben anfühlt.

Wir wollen Zeit haben, die europäische Zivilisation hinter uns zu lassen, das Leben im Pazifik zu spüren und die Mentalität der Menschen aufzunehmen, bevor wir letztere mit unseren Hilfsgütern und gut gemeinten Leistungen überfluten. Das Reduzieren auf das Wesentliche steht einem Hilfsprojekt gut.

So geht der Flug nach Papeete auf Tahiti, wo wir Mareike Guhr und ihren baskischen Freund Asier treffen. Wir werden sie bei ihrer Weltumsegelung an Bord der La Medianoche ein kleines Stück auf dem Globus bis Tonga begleiten. Ein winziger Punkt im riesigen Ozean, der sich vorsichtig einer anderen Welt nähert.

2.000 Seemeilen im Fahrradtempo

Die Inseln im Südpazifik sind weit verstreut, man muss schon mehrere Tage und Nächte durchsegeln um von einer Insel zur nächsten zu gelangen. Es werden knapp 2.000 Seemeilen im Fahrradfahrertempo sein, die wir gemeinsam in den nächsten Wochen unter Segeln und auf bewegtem Wasser zurücklegen wollen, das sind etwa 3.600 Kilometer.

Zwischendurch streikt auch mal der Motor. Kieferorthopäde Dr. Andreas Köneke packt mit an.

Selbst mit anfassen ist angesagt, Tage und Nächte im 3-Stunden-Wachrhythmus, Bordsprache ist Englisch, weil Asier nicht Deutsch und wir nicht Baskisch sprechen. Wir sind zu viert an Bord, aber kennen uns gegenseitig noch nicht. Mareike ist unser Kapitän. Sie strahlte bereits beim Crew-Auswahlgespräch am Telefon Souveränität und Vertrauen aus und wird im Laufe der Reise ihre Kompetenz für eine solche Unternehmung unter Beweis stellen.

Nach über einem halben Jahr des angestrengten Versuchs einer Kontaktaufnahme hatten wir es drei Tage vor Abreise endlich über viele Umwege geschafft, die Verbindung zur Klinik auf Vava’u herzustellen. Man hat es dort eben nicht so eilig: Dr. Lieni Fifita, die diensthabende Zahnärztin, ist im Mutterschaftsurlaub und antwortet nicht auf Mails. Scheinbar werden sie während ihrer mehrmonatigen Abwesenheit auch nicht weitergeleitet.

Nicht das richtige Medium

Dr. Amanaki Fakakovikaetau, Chef der tonganischen Zahnkliniken, antwortet ebenfalls nicht. Die Mail scheint vielleicht nicht das richtige Medium. Zudem handelt man nach dem tonganischen Grundprinzip: Morgen ist auch noch ein Tag. Tonga-Insider geben uns den Rat, dieselbe Mail täglich wieder abzuschicken. Vergeblich. Ungewohnt für uns stetig in Eile befindlichen Deutschen. Wir probieren andere Kontaktwege aus. Nichts. Es schleicht sich Resignation ein.

Die Reise ist längst gebucht. Als uns die lang ersehnte Antwort in Form einer herzlichen Willkommensnachricht erreicht, sind die schweren Gepäckstücke mit Hilfsgütern bereits gepackt, die uns auf der Reise nach Tonga begleiten werden.

Skipperin Mareike und Kieferorthopädin Maren Adam genießen Kokosnusssaft. A. Köneke

Dass man in dieser Gegend der Welt stets mit offenen Armen empfangen wird, werden wir auf der Reise immer wieder erleben. Dennoch dürfen wir nicht davon ausgehen, willkommen zu sein. Vielleicht benötigt man unsere Hilfe gar nicht und lehnt sie nur aus polynesischer Höflichkeit nicht ab? Vielleicht empfinden es die Einheimischen sogar erniedrigend, Hilfsgüter entgegenzunehmen, statt ihr weniges Habe als Zeichen ihrer Gastfreundschaft mit uns Fremden zu teilen?

Andere Gesetze

Wir werden also nach einer langen Reise ins Ungewisse einfach vor der Tür des Prince Wellington Ngu Hospitals stehen und als Gäste des Landes anfragen, ob etwas fehlt und ob wir in zahnärztlicher oder kieferorthopädischer Hinsicht etwas für die Kinder tun können. Dann werden wir ganz beiläufig erwähnen, dass wir ein paar Kisten voller Materialen an Bord haben, die nützlich sein und die wir hier lassen könnten.

Es ist keineswegs klar, dass man sich an unsere Korrespondenz, die bis vor drei Tagen noch gar keine war, überhaupt erinnern wird. In Tonga gelten andere Gesetze. Erledige nur, was wirklich jetzt und heute wichtig ist. Falls man unsere Spendengüter nicht benötigt, wird eben alles an Bord bleiben, und Mareike nimmt einfach alles mit nach Haiti, wo sie mit einem eigenen Hilfsprojekt ein Kinderheim unterstützt. Aber dazu wird es nicht kommen.

Die Hauptinsel Tongatapu liegt in einem anderen Inselarchipel des Landes, 270 Kilometer südlich. Amanaki hat sich von dort gemeldet. Jetzt schreibt auch Pat, eine Bekannte von Lieni: Wir sollen bitte unbedingt auch die angebotenen kieferorthopädischen Zangen mitbringen, sie würden dringend gebraucht und gern genommen. Große Verwunderung. Kieferorthopädie in einem Land nahe der Grenze zum Entwicklungsland? Dort, wo man im Wesentlichen damit beschäftigt ist, zu überleben?

Eine Rund-um-die-Uhr-Korrespondenz

Da Tonga knapp östlich der Datumsgrenze liegt, geht hier die Sonne jeden Tag zuerst auf und man ist der mitteleuropäischen Sommerzeit 13 Stunden voraus. Eine Rund-um-die-Uhr-Korrespondenz beginnt. Nachts mit Tonga, tags mit den deutschen Sponsoren und Kontaktpersonen.

Noch zwei Tage bis zur Abreise. Auch der Sponsor, der so lange auf die Antwort bezüglich der Zangen gewartet hat, um sie zur Verfügung zu stellen, wird eilig kontaktiert. Mails. Telefonate. Ein persönliches Treffen am Flughafen Hamburg. Corinna Denecke von ODs bringt die Zangen persönlich. Für den Postversand ist es schon zu spät. Als Dank wird dem Sponsor ein gesundes Kinderlächeln aus schokoladenbraunen Gesichtern genügen.

Taschen voller dentaler Schätze

Die über 30 kieferorthopädischen Zangen werden eilig verstaut. Bald werden wir am anderen Ende der Welt empfangen werden, mit unseren Taschen voller dentaler Schätze. Im Gepäck befinden sich neben den Zangen Berge von Einmalhandschuhen, Desinfektionsmittel und umfangreiche Verbrauchsmaterialien, die uns die Dentalindustrie großzügigerweise für Tonga überlassen hat.

Zusätzlich haben wir unseren Prophylaxeshop in der Praxis für unser kleines privates Hilfsprojekt aufgelöst und die Materialien als Spenden deklariert und eingepackt, denn die Zahnbürsten- und Zahnpastabranche geizt mit Spenden, aber Tongas Kinder brauchen diese Materialien wahrscheinlich mehr als alles andere.

250 Jahre nach James Cook

Verglichen mit den Unternehmungen von James Cook vor fast 250 Jahren, sind wir privilegierte Reisende: Die Meere der Welt sind erkundet und alle Inseln können per GPS angesteuert werden, das Internet ermöglicht via Satellitentelefon tägliche Wetterberichte und das Leben an Bord ist komfortabel und sicher.

Trotzdem bleibt ein Teil Abenteuer bestehen, denn damals wie heute reisen wir in der einsamsten Gegend der Welt. Dort, wo nicht alle Inseln und Riffe vollständig kartografiert sind, dort, wo auch heute noch kein Hubschrauber zu Hilfe eilen könnte, wenn es sein müsste. Und verglichen mit den Weiten des Ozeans sind 15 Meter Boot nicht viel.

Blumen über Bord

Einige Blumen aus dem üppigen Blumenstrauß auf dem Cockpit-Tisch gehen über Bord, das ist in der Südsee die Geste für den Abschied, verbunden mit dem Versprechen wiederzukommen. Unser segelndes Hilfsmobil lässt Französisch-Polynesien nach Kurzbesuch auf Inseln mit so klangvollen Namen wie Moorea, Huahine, Raiatea und Bora-Bora achteraus.

Die Inseln unter dem Wind sind medizinisch gut versorgt, und Frankreich ist näher als es die Weltkugel ahnen lässt. Sonne und Wolken wechseln sich mit Mond und Sternen ab, die Wogen der See weichen alle paar Tage herrlichen Palmeninseln mit Korallenriffsäumen voller tropischen Lebens.

Ein friedliches Bild, das sein Abbild in den Menschen hier findet, und auch die Stimmung in der Crew ist ausgewogen und friedvoll. Wir haben Vertrauen zueinander gefunden, arbeiten Hand in Hand und respektieren einander.

Auf den Spuren deutscher Weltumsegler

Auf Moorea hatten wir einen denkwürdigen Moment erlebt, als wir in derselben Bucht ankerten, in der das erste deutsche Weltumseglerpaar Elga und Ernst-Jürgen Koch Mitte der 60er-Jahre Segelgeschichte schrieb.

Moorea. Eine nahezu identische Kulisse fand hier das erste deutsche Weltumseglerpaar vor 50 Jahren vor. Es hat sich fast nichts geändert. A. Köneke

Die erste deutsche Weltumseglung fand auf einer nur neun Meter langen, sehr einfach ausgestatteten Segelyacht statt und war richtungsweisend für das heutige Langfahrtsegeln. Die Kochs bewiesen damals, dass jedermann diesen Traum leben kann. Anhand eines alten Fotos in einem aktuellen Bericht des Segelmagazins „Yacht“ konnten wir den historischen Ankerplatz aufspüren und fanden ein noch nahezu identisches Bild vor. Heute, fast 50 Jahre später. Nur der Durchmesser der Palmen war gewachsen. Das Paradies ist geblieben.

Es gibt einen Haken an diesem Südseetraum: Wir segeln in der Nähe der innertropischen Konvergenzzone, und gelegentlich wabert sie über unsere Route. Auch sind sogenannte tropische Störungen möglich. Der Himmel ist also längst nicht immer blau, sondern auch schon einmal grau mit heftigen Schauern und Gewittern, Flauten und Stürmen. Unangenehme Wettererscheinungen wie Tornados sind inbegriffen.

Der Rüssel des Tornados

Dieser entsteht innerhalb von Sekunden, nicht weit hinter unserem Schiff aus einer dunklen Wolke, und wirbelt gigantische Massen Wasser haushoch auf. Er scheint uns zu verfolgen, uns mit seinem gebogenen Rüssel zu bedrohen, zu sagen: "Macht schneller, Ihr sollt nicht genießen, sondern helfen." Es tost schrill in der Luft. Der mit reichlich Wasser angereicherte Sog nähert sich bedrohlich und könnte jeden Augenblick nach uns greifen. Er reißt alles mit sich in die Höhe, was im Weg liegt.

Der Himmel ist nicht immer blau in der Südsee. A. Köneke

Wenn er uns trifft, würde er das Schiff stark beschädigen. Die Segel würden zerfetzt, das Boot könnte kentern. Wie verträgt sich der wassergesättigte Sog des Tornados mit dem menschlichen Leben? Schnell an Deck alles sichern, dann gehen wir unter Deck und schließen die Schotten. Doch so plötzlich, wie er gekommen ist, verschwindet er auch wieder. Es ist wie mit dem Blitzschlagrisiko und der Kollisionsgefahr mit Containern oder anderem Treibgut: Meistens geht es gut. Heute ist meistens. Heute geht es gut.


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