Andreas Köneke
28.11.13 / 17:00

Hilfseinsatz in Polynesien II - die Durchreise

Dr. Andreas Köneke ist Kieferorthopädie, CMD-Experte und wissenschaftlicher Leiter der Kieler Kinder Konferenz. Mit dem Katamaran La Medianoche ist er in Polynesien zu einem karitativen Abenteuer in See gestochen. Eindrücke von einem privaten Hilfseinsatz.



Dann wieder dieses Blau. Blauer Himmel, blaues Wasser, das nur in den großen Weltmeeren dieses faszinierende Blau erreicht. „Saublau“ hat es Wilfried Erdmann, einer der bedeutenden Weltumsegler, getauft.

Wir machen blau

Wir machen im wahrsten Sinne des Wortes blau. Unsere Patienten zu Hause müssen dennoch nicht auf ihre Behandlung verzichten, während wir uns in der von uns gewählten, möglicherweise für den seefahrerisch unbedarften Leser etwas bizarr anmutenden Art dem anderen Ende der Welt nähern, um dort Hilfe anzubieten, von der nicht wirklich klar ist ob sie gebraucht wird.

Das dies in diesen Wochen unserer Abwesenheit so sein kann, verdanken wir in erster Linie unserer überaus engagierten Assistentin Caro und unseren starken und eingespielten Praxisteams. Caro hat bereits ein Hilfsprojekt in Indien hinter sich und weiß, was uns bevorsteht. Zuletzt haben wir Kontakt von Französisch-Polynesien aus. Danach gibt es über 1.200 Seemeilen keinen Funkturm mehr. Letzte Nachricht aus der Praxis: Macht Euch keine Sorgen, es läuft alles bestens.

Welcome to Suwarrow

Die La Medianoche steuert nach fünf Tagen und Nächten auf See ein Atoll der nördlichen Cook Islands an: Suwarrow ist der Name dieses sich kaum über den Meeresspiegel erhebenden Korallenriffs mit einer Handvoll Palmeninseln. Das Atoll ist der Inbegriff eines Südseetraums, hat seinen Namen von einem russischen Schiff namens Suvarov erhalten und steht heute unter Naturschutz. Die Schreibweise des Namens des Atolls hat sich unter neuseeländischer Flagge über die Jahre verändert.

Nach Tagen in pazifischen Gewässern und einem Tornado in Sichtweite endlich Land in Sicht. A. Köneke

Charlie, der Naturschutzbeauftragte von Suwarrow, empfängt uns mit polynesischer Gastfreundschaft und ohne Schneidezähne. Er hütet das Atoll gemeinsam mit Ranger Harry, sonst wohnt hier niemand. Ob er etwas vermisst auf seinem Archipel, das er nur für die Hurricane-Saison verlässt, wollen wir wissen. „This is my home“, ist die Antwort. Und: „Welcome to Suwarrow, this is your home“.

Eine Insel ohne Frauen

Nur Frauen würde es hier nicht geben, das sei schade. Er grinst. „Can you climb a coconut tree?” Und: „How many times?“ Früher haben hier sieben Familien von Perlenfarmen in der Lagune gelebt. Die Perlenzucht rentiere sich heute nicht mehr, erfahren wir von Charlie, und auch, dass der berühmte Tom Neale hier neun Monate als Verstoßener von Palmerston verbracht und dort drei Frauen und 29 Kinder im Stich gelassen haben soll.

Neales weltbekanntes Buch "An Island to Oneself" handelt von seinem 15 Jahre dauernden Einsiedlerleben auf dieser einsamen Palmeninsel - wohl mehr Fiktion denn Realitätsbericht. Es zog Millionen von zivilisationsgestressten Menschen in den 50er und 60er Jahren in seinen Bann.

Wikipedia stimmt mit dieser Version der Inselgeschichte nicht überein. Manches ist im wahren Leben wahrscheinlich anders als es die Welt zu lesen bekommt. Wie auch immer: Mit dem Bedienen von Klischees verdient man Geld. Das ist hier nicht anders als im fernen Europa und heute nicht anders als gestern.

Erster Kontakt mit dem Palmendieb, englisch: "Coconut Crab". A. Köneke

Charlie ist auf Suwarrow aufgewachsen und teilt mit uns frisch gefangenen Fisch, selbstgebrautes Kokosnussbier und andere lokale Köstlichkeiten, klettert für uns auf Palmen um Kokosnüsse zu holen und bringt uns zu den Naturreservaten des Atolls.

Wohl nirgendwo sonst auf der Welt hat man die Möglichkeit, brütende Seevögel ohne Zaun aus nächster Nähe zu beobachten. In der Lagune schweben Mantarochen majestätisch vorbei, wir sehen Riffhaie, Meeresschildkröten, unzählige kleine Fische, Muscheln, Schnecken und Seegurken. Eine bunte Tiervielfalt präsentiert sich uns in einem intakten Korallenriff.

Happy auch ohne Schneidezähne

Und die Schneidezähne? „Happy the body, silly the mind” ist Charlies Credo, das er in seinem ihm eigenen Englisch vorträgt. Dabei hat er Probleme, alles phonetisch korrekt über die Lippen zu bringen. „Happy de body, siddy de mind“ ist seine schneidezahnbefreite Version.

Man muss ihm nicht helfen, er ist glücklich. So bewahren wir unseren dentalen Schatz für Tonga und teilen mit ihm stattdessen unsere frischen Früchte aus dem Bordvorrat, die er hier nicht anbauen kann: Die Kokosnusskrabben fressen alles, bevor es reif ist, wenn sie nicht gleich die ganzen Pflanzen vertilgen. Kokosnusskrabben sind große Landkrabben, die unter Naturschutz stehen, imposant aussehen und hervorragend schmecken.

Charlie, der Naturschutzbeauftragte von Suwarrow, einem Atoll der Cook Islands, weiß, wie man mit dem Palmendieb umspringt. A. Köneke

Charlie hatte uns noch einige Kokosnüsse eingepackt und uns später von der improvisierten Pier so lange nachgewunken, bis er als kleiner Punkt zwischen kristallklarem Wasser, weißem Korallenstrand und wogenden Palmen verschwunden war. Blumen in die See, wir wollen wiederkommen, irgendwann.

An Bord ist wieder Routine angesagt: Drei-Stunden-Wachen, ringsum unendliche Freiheit. Manche halten ein segelndes Boot auch für ein Gefängnis, aus dem man nicht ausbrechen kann. Sie würden Beklemmungen bekommen, mit so etwas unterwegs zu sein. Es kommt nun mal auf die Sicht der Dinge an.

Auch wir haben gerade eine neue Sicht kennengelernt. Die Sicht einer Welt, der geholfen werden soll, obwohl sie nicht weiß, warum ihr geholfen werden müsste. Wir sind beschämt. Blicken auf die Kisten mit Hilfsgütern, die an Bord für die Hilfsbedürftigen bereit liegen.

Hat uns der einfache Charlie die Augen für ein anderes Leben geöffnet? Er war 29 Jahre in Australien. Nun ist er auf seine einsame Insel zurückgekehrt, weil es zu Hause einfach schöner ist. Zu Hause, das ist eine Welt, in der es keinen Supermarkt, kein Telefon und kein Internet gibt. Und keinen Kieferorthopäden. Lächerlich - wie lächerlich uns unser Projekt doch gerade erscheint.

Haifischfütterung auf Suwarrow. A. Köneke

Wir machen noch einen kleinen Bogen über Samoa, das in der Kaiserzeit eine kurze deutsche Kolonialgeschichte erlebte und im ersten Weltkrieg an Neuseeland überging, um später unabhängig zu werden. Samoa ist gemäß der Samoanischen Sage die Wiege Polynesiens.

Auf nach Samoa

Rund 500 Seemeilen liegen bis zu diesem nächsten Inselarchipel von Suwarrow aus vor uns, wir werden mindestens drei Tage und Nächte brauchen. Zum Halbzeit-Sunset gibt es frischen Kokosnuss-Saft von Suwarrow. In unseren Köpfen hallt es nach: This is your home. Und: Can you climb a coconut tree? How many times?

Vierter Tag, acht Uhr morgens, Wachwechsel. Ein wunderbarer Regenbogen, Land in Sicht. Samoa. Üppig grünes, bergiges Land. Dann die Ansteuerung, der Hafen, die Stadt. Apia. Keine Wellen mehr. Kein Wind. Ruhe im Schiff. Ein geschützter Hafen, ein sicherer Liegeplatz. Einklarieren. Lächeln. Händeschütteln. Strom, Wasser und Müllabfuhr am Steg. Happy Hour in den Bars nebenan. Bier und ein Durcheinander von lauter Musik. Happy de body, siddy de mind?

Waren, Lärm und Busfahrpläne

„Money for Icecream, pleeeeease!“ Das an wilder Natur reiche Samoa begrüßt uns mit materieller Armut. Dies ist kein Widerspruch, sondern in den meisten warmen Ländern dieser Erde Normalität. Man benötigt nicht viel, um glücklich zu sein, und die Menschen hier haben ein genügsames, sanftes und fröhliches Wesen. Die Stadt Apia wartet mit einer uns bekannten Infrastruktur auf, in der Anpreisung von Waren, Straßenlärm und Busfahrpläne das Leben diktieren.

Wo ist die Wiege Polynesiens? Fast als verborgenen Schatz, in den Dörfern entlang der Küste, finden wir sie: Hier herrschen traditionell die Familienoberhäupter und es hat sich über die Jahrhunderte nicht viel, aber ganz sicher eins verändert.

Mit Schlips und Kragen in die Kirche

Eine unglaubliche Vielzahl von Kirchengebäuden zwischen den einfachen Hütten erzählt von der Christianisierung. Die Einheimischen tragen seither die Bekleidung, die ihnen die Missionare verordnet haben, damit sie nicht wie Adam und Eva aus dem Paradies geworfen werden. Sie sind sehr gläubig geworden, gehen sonntags mit Schlips und Kragen in die Kirche, um von der Kanzel herab vom Sündenfall und von der Nächstenliebe zu erfahren. Da gibt es auch keine Gnade bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit und 35 Grad Celsius Lufttemperatur. Aber die Christianisierung hatte nicht nur schlechte Seiten: Immerhin isst man hier seitdem keine Menschen mehr.

Ausflug ins Inland: Kühlung verschafft man sich in den Häusern, indem man keine Wände einbaut. Die Dächer stehen auf Pfählen, der warme Wind weht durch die nicht vorhandenen Wände, man kann durch die Häuser hindurchsehen, und der Blick bleibt nur an einigen kargen Einrichtungsgegenständen hängen. Das Leben in den Dörfern bietet keine Privatsphäre. Wasserplätze und Sanitäreinrichtungen gibt es an einem zentralen Platz in jedem Dorf.

Auf dem Weg zur Kirche bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit und 35°C. A. Köneke

Wir trauen uns nicht, mit dem Leihwagen in den Dörfern anzuhalten, fühlen uns als Störenfriede in einer armen, aber harmonischen Welt. Das hier kann man nur voller Staunen erleben und in den Tiefen des Gehirns abspeichern. Aussteigen und fotografieren kommt nicht in Frage. Schau dort, ein Schild, das auf ein kleines Sanierungsprojekt hinweist, fliegt an uns vorbei. Blaue Flagge mit gelbem Sternenkranz, das Geld von Europa ist nah. Welches Ziel verfolgt man hier?

Ein traumhaft blühender Garten, durch den ein liebevoll gepflegter Pfad führt. Dahinter ein unter einer Straßenbrücke gelegener kleiner Wasserfall. Am schwindelerregend steilen Hang gegenüber klettert ein Junge auf eine Palme, um Kokosnüsse zu pflücken.

Die stolze Besitzerin des Gartens erzählt einiges über das Leben in den Dörfern. Wir lauschen ihren Lippen und ertappen uns dabei, dahinter einen tiefkariösen seitlichen Schneidezahn entdeckt zu haben. Dennoch: Sie lächelt ein sanftes samoanisches Lächeln, sie scheint es nicht zu stören.

Autos - das Zeichen für Reichtum

Ganz anderes bewegt sie: Sie kann sich nicht vorstellen, dass wir mit dem Boot den weiten Weg hier her gekommen sind. „Wenn man stirbt, dann findet die Familie ja den Körper nicht, wie zum Beispiel bei einem Autounfall, da wäre es einfacher, auf dem Land, meine ich. Und wisst Ihr, sie werden Euch so sehr vermissen und Eure Körper nicht mehr haben.“ Samoaner begraben ihre liebsten Angehörigen auf ihrem eigenen Grundstück.

Warum ihr Haus Wände, Fenster und Türen hat, wollen wir wissen. „To protect the girls at night from the boys“ ist die Antwort. Es sei eine reine Frauenfamilie, und da habe man lieber Schloss und Riegel. Die Frau, die mit ihrer Familie in dieser denkbar einfachen Hütte wohnt, erzählt weiter, dass die Familie vier Autos besitze, und Autos das Zeichen für Reichtum seien.

Die Jungs seien nun mal an Mädchen interessiert, die Reichtum vorweisen können. In Familien mit Männer und Jungen seien Frauen, Schwestern, Mütter, Tanten und Cousinen besser beschützt. Dann brauche man auch keine Wände. Nun ja, der Zugang zum Wasserfall ist gut ausgeschildert und kostet Eintritt. Diesen Benefit haben nicht viele Samoaner.

Das Klima ist in diesen Tagen so unbarmherzig heiß und schwül, dass ein wesentlicher Teil unserer Bordelektronik das Zeitliche segnet und der menschliche Körper die hier aus gesellschaftlichen Gründen getragene Bekleidung zur Bedeckung der Knie und Schultern am liebsten von sich weisen möchte. “Icecream, pleeeeease!“ Die Kids von der Straße spielen wieder vor der Marina. “Icecream? Well, do you have a toothbrush?”

Der Sinn der Zahnbürste

Mit der zahnmedizinischen Versorgung ist es nicht so gut bestellt in West-Samoa. Karies und unversorgte Lücken prägen das strahlende Lächeln nicht nur bei den Erwachsenen. Unsere Pakete mit Zahnbürsten warten an Bord. Vielleicht ist es doch gar nicht so dumm, dass wir sie dabei haben. Hier, wo die Zivilisation neue Maßstäbe vorgibt. Spätestens wenn die Eiscreme die letzten Dörfer erobert hat, sollte wohl jeder besser eine Zahnbürste haben.

Unsere Vorfahren haben euch die Süßigkeiten gebracht, und ihr esst seit jeher fast nur Kohlenhydrate. Fühlt sie denn niemand verantwortlich oder in der Lage, euch den Sinn von Zahnbürsten nahe zu bringen? Bei der nächsten Reise wollen wir mit viel Zeit in die Dörfer gehen. Für diesmal müssen wir uns mit einer Bestandsaufnahme begnügen. Drei Tage Aufenthalt inklusive der einen ganzen Tag verschlingenden Ein- und Ausreiseformalitäten sind zu wenig zum Helfen, aber genug zum Sehen.

Golden Smile: Eine Ladenbesitzerin mit Zahnschmuck. A. Köneke

Leinen los, an die Blumen für die See denken, Kurs Tonga. Vor vier Tagen ist ein großer Katamaran vor Tonga auf ein Riff gelaufen und wurde komplett zerstört. Die junge Crew konnte gerettet werden. Alain, unser französischer Stegnachbar in Apia, hatte die Nachricht per Funk erhalten, es waren Freunde von ihm an Bord.

Aufgelaufen

Dies ist kein Einzelfall, weil viele Riffe in dieser vulkanisch aktiven Gegend nicht in den Seekarten verzeichnet sind. Sie entstehen durch unterseeische Vulkanausbrüche und werden vom Meer wieder fortgewaschen. Aus manchen werden auch Inseln. Alain hatten wir über Funk kennen gelernt, irgendwo zwischen Bora-Bora und Suwarrow.

Er hatte nachts unsere Lichter gesehen und Kurs und Geschwindigkeit erfragt, um nicht mit uns zu kollidieren. Hier in Apia haben wir ihn wiedergetroffen. Langfahrtsegler unterstützen sich gegenseitig mit Informationen. In unserer Seekarte existiert dank Alains Informationen ab heute ein neues Riff, das seit vier Tagen bekannt ist.


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