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04.05.15 / 16:29

Zerstörte Zähne in Bolivien

Ihr dritter Einsatz führte Dr. Kira Ohlbrecht in diesem Jahr nach Bolivien. Was die Zahnärztin dort vorfand, hatte sie in dieser Ausprägung bislang noch nicht gesehen: kein einziges naturgesundes Wechselgebiss - dafür massig Süßigkeiten, Snacks und Softdrinks. Ein Erfahrungsbericht.




Nachdem ich mich schon zwei Tage in La Paz an die Zeitumstellung gewöhnt hatte, traf ich nachmittags in Cochabamba ein, von dort ging es auf den Weg nach Huancarani. Die nördlich aus Cochabamba führende Bundesstraße ist die gefühlt hässlichste Straße Boliviens, überfüllt mit Bussen, Trufis und Schwerlastverkehr, durch ständige Baustellen immer wieder verengt und gesäumt von einer nicht endenden Bebauung mit Geschäften für Bau-, Industrie- und Autobedarf, Straßenrestaurants, Stundenhotels und mindestens einem Dutzend Zahnärzten.

Entschädigt wurden wir mit Blicken auf die umliegenden, wunderschönen Bergketten und Sonnenstrahlen, die durch die Wolkendecke brachen und Lichtkränze zauberten, die jeder Postkarte Ehre gemacht hätten.

Der Staat hat sich 2009 eine neue Verfassung gegeben und nennt sich seitdem „Plurinationaler Staat Bolivien“ mit der umfassenden Anerkennung aller indigenen Gruppen, die mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Bolivien hat seit einigen Jahren ein leichtes, stetiges Wirtschaftswachstum vorzuweisen und das Grundeinkommen hat sich vervielfacht. Dennoch ist es eines der Länder mit der größten Einkommensdifferenz zwischen Reich und Arm.

Als Erstes wird die Praxis entstaubt

Die relativ neue Zahnstation in dem kleinen Dorf Huancarani, 20 Kilometer von Cochabamba entfernt, ist in einer „Pirwa“, einer Art Kultur- und Kinderbetreuungszentrum, untergebracht. Hierher können die Kinder nachmittags nach der Schule kommen, um betreut Hausaufgaben zu erledigen und zu spielen, auch Computerkurse werden angeboten.

Die Zahnstation ist mit einer zahnärztlichen Einheit und allen notwendigen Kleingeräten ausgestattet und kann mit zwei Personen betrieben werden. Meinen ersten Arbeitstag habe ich damit verbracht, die nach mehrwöchigem Leerstand eingestaubte Praxis zu putzen, alle Instrumente zu sterilisieren und mir einen Überblick über die vorhandenen Geräte und Materialien zu verschaffen.

Kein Kind ohne Süßes

Am zweiten Tag ging es dann los, allerdings nur schleppend. Im Januar sind in Bolivien Sommerferien, so dass die Zahnarztpraxis nach dreiwöchiger Weihnachtspause nur langsam anlief. Am zweiten Tag kamen nachmittags immerhin zwei Patienten, von denen das sechsjährige Mädchen, dem ich leider direkt einen schmerzenden, tief zerstörten 6er entfernen musste, die ganze Zeit so geschrien hat, dass wir am nächsten Tag direkt arbeitslos waren - Zeit für eine Inventur. Insgesamt waren die Patientenströme völlig unkalkulierbar: Manchmal kamen nur zwei bis drei Patienten, dann wieder eine ganze Großfamilie, so dass man den ganzen Vor- oder Nachmittag beschäftigt war.

Cola in der Trinkflasche

Während bei den Erwachsenen oft nur einzelne kariöse Zähne zu füllen oder zu extrahieren waren, ist die Zahnsituation der Kinder und Jugendlichen einfach nur als erschreckend zu bezeichnen. In den dreieinhalb Wochen vor Ort haben wir kein einziges naturgesundes Milch- oder Wechselgebiss zu Gesicht bekommen.

Die schlimmsten Befunde waren ein zweijähriges Mädchen mit komplett zerstörten OK-Zähnen und ein fünfjähriges Mädchen mit 24 kariösen Zähnen, die gerade durchgebrochenen 6er alle schon mitbetroffen. Auf die Nachfrage der Volontärin in der Kinderbetreuung an ein Mädchen, das ihre zweijährige Schwester mitgebracht hatte, was denn in der Trinkflasche sei, kam die Antwort: „Cola!“ Das ist nicht nur für Zahnärzte furchtbar.

Wissen über Gesundheit und Ernährung ist nicht vorhanden, die Ernährungsweise hat sich jedoch im vergangenen Jahrzehnt dramatisch verändert: Kohlenhydratreiche Speisen und stark gezuckerte Getränke haben die natürliche Ernährungsweise der meist indigenen Landbevölkerung abgelöst. In den inzwischen reichlich im Dorf vorhandenen kleinen Geschäftchen werden zu 80 Prozent zuckerhaltige Snacks und Softdrinks angeboten. Auch in den großen Supermärkten der nächsten großen Stadt Cochabamba ist kein einziger Fruchtsaft ohne Zuckerzusatz aufzutreiben, gezuckerte Milch dagegen Standard.

Trotz Zahnarzt keine Prophylaxe

Macht man mit den Kindern und Jugendlichen Zahnputzübungen, ist eine deutlich unterentwickelte Feinmotorik erkennbar, kreisende Zahnputzbewegungen scheinen selbst bei den Älteren kaum ausführbar zu sein. So ist, neben der Behandlung, die kontinuierliche und immer wiederkehrende Individual- und Gruppenaufklärung eine der großen Aufgaben dieser Zahnstation. Vielleicht können wir Zahnärzte es so schaffen, zumindest in dieser Gemeinde die Zahngesundheit der Kinder und Jugendlichen über die Jahre hinweg wieder zu verbessern.

Natürlich kann auch die zahnärztliche Behandlung selbst erfolgen, aber selbst in Huancarani gibt es inzwischen einen Zahnarzt und an der Straße nach Cochabamba Dutzende, so dass eine ausreichende Versorgungsmöglichkeit besteht. Das Projekt ist deshalb auch sehr gut für junge Zahnärzte geeignet, die engagiert Aufklärungsarbeit leisten möchten und viele Zahnreinigungen, Füllungen und leichte Extraktionen machen können. Die schweren Extraktionen kann man getrost an die hiesigen Zahnärzte schicken, es gibt ja genug davon.

Der Einsatz in Bolivien war eine interessante Erfahrung mit Einblicken in Kultur und Lebensweise der Menschen, die man als „Normal-Tourist“ nicht bekommt. Ich kann jedem interessierten Kollegen solch einen Einsatz immer wieder empfehlen.

Dr. Kira Ohlbrecht
FCSM - Förderkreis Clinica Santa Maria e.V.
info@fcsm.org


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