Bayerisches Armeemuseum Ingolstadt
Kay Lutze
09.07.14 / 11:57

Medizin im Ersten Weltkrieg

Die Weiterentwicklung der Kriegstechnik brachte den Soldaten im Ersten Weltkrieg mit Bomben, Schnellfeuerwaffen, Giftgas, Panzern und Flugzeugen schlimmste Verletzungen bei, die die Medizin vor große Herausforderungen stellte.




Die Ärzte mussten sehr starke Gesichtsverletzungen versorgen, unzählige Amputationen stellten sie vor neue Aufgaben. Aber nicht nur die Mediziner stellte der Krieg vor schier unlösbare Probleme: Auch die Medizintechnik stand vor großen Herausforderungen. Prothesenbauer Prof. Ferdinand Sauerbruch  (1875-1951) konstruierte einen speziellen Arm mit beweglicher Hand. Aufgrund der hohen Kosten kamen allerdings nur wenige Kriegsversehrte in den Genuss dieses Prothesenarms.

Der Sauerbruchsche Prothesenarm

Wie bewältigten die Prothesenbauer die große Herausforderung nach dem Ersten Weltkrieg? Der Unternehmer Otto Bock (1881–1960) gründete 1919 in Berlin die Firma "Orthopädische Industrie GmbH“ und erfand Prothesen, die industriell hergestellt werden konnten. Das Unternehmen existiert noch heute und hat seinen Sitz im niedersächsischen Duderstadt. In der Nachkriegszeit waren die Prothesen hauptsächlich aus Holz.

Nach dem Krieg gehörten überall in Europa die Kriegsversehrten zum täglichen Anblick im Straßenbild. In Großstädten wie Berlin erhielten die Amputierten die Erlaubnis als "Drehorgelspieler“ durch die Straßen zu ziehen, da sie nicht im normalen Arbeitsprozess einsetzbar waren.

Aber nicht nur die sichtbaren körperlichen Schäden an den Soldaten waren ein Problem, auch die seelischen Folgen des Krieges bei den Kriegsteilnehmern aus Europa und Übersee waren entsetzlich. Doch damals erkannten die Ärzte die psychischen Folgen des Krieges nicht an. 

Zitternde Soldaten galten als Simulanten

Die Soldaten wurden als Simulanten hingestellt, obwohl wir heute die Leiden als posttraumatische Belastungsstörungen beurteilen. Im Englischen bezeichnete der Psychologe Charles Samuel Myers (1873-1946) die Symptome, denen er keine körperlichen Ursachen zuordnen konnte, als "shell shock“.

Besonders die Soldaten, die an der Westfront in Frankreich dem zermürbenden Stellungskrieg und ständigem Granatenbeschuss ausgesetzt waren, betrafen die psychischen Probleme. Schon kurze Zeit nach Kriegsbeginn litt eine große Zahl von Soldaten an diesen psychischen Störungen, die sich etwa durch "Kriegszittern“, Blindheit, Taubheit oder Nicht-Sprechen-Können äußerten. Grausame Therapien gegen die "männliche Hysterie“ waren Elektroschocks oder die kaum zu glaubende Methode, die verstummten Soldaten wieder zum Sprechen bringen zu wollen, indem man sie quasi in eine künstliche Erstickungssituation brachte.


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