sf
06.05.13 / 09:49

Mehr als eine Ausbildung

Vor 30 Jahren starteten 27 Studenten an der ersten Privatuniversität Deutschlands in Witten/Herdecke (UW/H). Zum Jubiläum drei Fragen an Prof. Dr. Stefan Zimmer, Leiter des Departments für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.



zm-online: Herr Prof. Zimmer, wie würden Sie das Profil der Uni Witten beschreiben?

Prof. Zimmer: Gründungsimpuls für die Universität Witten/Herdecke war die in den Sechziger- und Siebzigerjahren gewonnene Erkenntnis, dass die reine Apparatemedizin an ihre Grenzen stößt und dass eine Medizin notwendig ist, die mit Empathie dem Menschen zugewandt ist und ihn in seiner gesamten menschlichen Existenz würdigt. Um diese andere Medizin zu realisieren, haben die Gründungsväter der UW/H zunächst das Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke gegründet und einige Jahre später die Universität Witten/Herdecke.

Die Universität war übrigens nie eine anthroposophische Universität, weil sie selbstverständlich zuallererst einer wissenschaftlich basierten Lehre und Forschung verpflichtet ist. Sie ist allerdings eine Universität, die in der Medizin Anthroposophie und komplementäre Medizin zulässt und sie mit wissenschaftlicher Methodik beforscht.
Bald nach Aufnahme der ersten Studierenden der Medizin entstanden die Fakultäten für Wirtschaftswissenschaft und Zahnmedizin.

Zum Profil der UW/H gehörte von Beginn an, dass die Uni nicht nur ausbilden, sondern auch in einem umfassenderen Sinne bilden möchte. Deshalb ist für jeden Studierenden, gleich welches Fach er studiert, eine Teilnahme am Studium fundamentale (StuFu) verpflichtend. Das StuFu findet jeweils am Donnerstag statt, der für andere Lehrveranstaltungen gesperrt ist, und muss zehn Prozent der Gesamt-Studiendauer des Fachstudiums ausmachen.

Im StuFu werden die Bereiche der reflexiven, der kommunikativen und der künstlerischen Kompetenz unterrichtet: die Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, die Philosophie, die Kunstwissenschaften und Künste sowie kommunikative Fähigkeiten. Zusätzlich finden sich ungewöhnliche interdisziplinäre Projekte. Durch öffentliche Vorträge, Konzerte, Theater- und Tanzaufführungen, Lesungen und Workshops gestaltet die Universität einen eigenen Kulturraum.

Trotz Studium fundamentale, das unsere Studierenden ja eine Menge Zeit kostet, legen wir viel Wert auf eine besonders umfangreiche praktische Ausbildung und bieten unseren Studierenden im klinischen Abschnitt viel Zeit für die Patientenbehandlung. Dies ermöglichen wir dadurch, dass unsere Klinik täglich von 7.00 bis 20.00 Uhr für die studentische Behandlung geöffnet ist, und das an 47 Wochen im Jahr. Lediglich während drei Wochen Staatsexamen und zwei Wochen Weihnachtsferien können unsere Studierenden nicht behandeln. Diese Chance, ein hohes Maß an praktischen Fertigkeiten zu entwickeln, bedeutet umgekehrt natürlich auch, dass sie einen sehr umfangreichen Katalog an klinischen Mindestleistungen zu erfüllen haben.

Ein weiteres profilbildendes Merkmal ist der freie Zugang zum Studium. Obwohl sich die UW/H als staatlich anerkannte Universität in freier Trägerschaft im Wesentlichen selbst finanzieren muss und nur einen relativ geringen staatlichen Zuschuss erhält, soll der Zugang zum Studium nicht an finanziellen Möglichkeiten scheitern. Deshalb gibt es an der UW/H den umgekehrten Generationenvertrag. Dieser ermöglicht es jedem Studierenden, jetzt zu studieren und später seine Studienbeiträge als prozentualen Teil seines Einkommens zurückzuzahlen. Wer nichts oder nur wenig verdient, weil er etwa in einem sozialen Projekt arbeitet, muss auch nichts zurückzahlen. Verwaltet wird der umgekehrte Generationenvertrag von einem studentischen Verein - der Studierendengesellschaft.

Wesentlich für das Selbstverständnis unserer Universität ist auch unser soziales Engagement. In der Zahnmedizin unterhalten wir eine eigene Sektion für die Behandlung von Menschen mit Behinderungen und unsere Studierenden werden hier auch besonders ausgebildet, was durch ein Extra-Zertifikat am Ende des Studiums ausgewiesen wird. Wir unterhalten studentische Hilfsprojekte in Gambia, in Myanmar und neuerdings auch im Rahmen des Operndorfes von Christoph Schlingensief in Burkina Faso. In Hagen betreiben wir gemeinsam mit der Diakonie "Luthers Waschsalon", in dem Obdachlose kostenlos medizinisch und zahnmedizinisch versorgt werden.

Ist die UW/H im bundesweiten Vergleich eine außergewöhnliche Universität?

Ja, das ist sie. Aus verschiedenen Gründen. Ein wesentlicher Unterschied ist etwa, dass wir unsere Studierenden nicht nach der Abiturnote auswählen. Wir wissen zwar, dass Spitzen-Abiturienten auch sehr erfolgreich und zügig studieren, aber ob sie auch gute Zahnärzte werden, ist eine andere Frage.

Außerdem gibt es in der Biografie junger Menschen oft gewichtige und nachvollziehbare Gründe, warum sie es nicht geschafft haben, ein Abitur mit 1,0 zu machen. Deshalb laden wir in der Zahnmedizin alle Bewerber zu einer praktischen Prüfung und einem Auswahlgespräch ein. In diesem Auswahlverfahren versuchen wir, Menschen mit Potenzial für den zahnärztlichen Beruf zu finden. Das macht uns eine ganze Menge Arbeit, denn zuletzt hatten wir 450 Bewerber auf 40 Plätze.

Eine weitere Wittener Besonderheit ist, dass wir als einzige private Hochschule in Deutschland die teuren Fächer Medizin und Zahnmedizin anbieten. Die hohen Kosten in diesen Fächern, die vom Medizinischen Fakultätentag mit etwa 250.000 Euro beziffert werden, werden nur zu einem geringen Teil an die Studierenden weitergegeben.

Derzeit bezahlt jeder Studierende der Zahnmedizin für sein Studium 54.600 Euro, davon erhält die Uni aber nur 75 Prozent. Natürlich legen wir großen Wert auf Sparsamkeit und wirtschaftliche Effizienz. Trotzdem bleibt eine große Finanzierungslücke, die die Universität durch einen Zuschuss des Landes, aber auch durch großzügige Spenden ihrer Förderer deckt.

Bemerkenswert in Witten ist auch die hohe Motivation der Studierenden. Ich glaube, das recht gut beurteilen zu können, denn ich war an drei staatlichen Zahnkliniken in Deutschland tätig, bevor ich nach Witten gekommen bin. Diese Motivation bezieht sich nicht nur auf das Studium, sondern auch auf die Partizipation an der Gestaltung der Universität. So ist die schon erwähnte Studierendengesellschaft beispielsweise auch einer der Gesellschafter der Universität. Das kann manchmal anstrengend sein, ist aber in jedem Falle ein wertvoller Beitrag, weil es den Lehrkörper und die Administration immer wieder dazu zwingt, sich zu hinterfragen.

Mit welchen anderen Disziplinen ist die Zahnmedizin an der UW/H vernetzt?

Seit 2010 sind wir keine eigene Fakultät mehr, sondern ein Department innerhalb der Fakultät für Gesundheit. Hier profitieren wir viel von unseren Medizinern, die ja einen Modellstudiengang betreiben und von denen wir viel über moderne Lern- und Lehrkonzepte lernen. Auch in der Forschung profitieren wir, etwa in der Versorgungsforschung.

Seit einem halben Jahr haben wir ein Department für Psychologie und auch hier haben sich bereits diverse Anknüpfungspunkte ergeben. So betreiben wir bereits jetzt zwei Projekte zur Beforschung des Themas Angstpatienten gemeinsam mit unseren Psychologen. Eine ebenso gute Kooperation pflegen wir mit unseren Pflegewissenschaftlern. Das liegt auf der Hand, denn in Zukunft wird das Thema Pflegebedürftige aufgrund des demografischen Wandels auch für die zahnmedizinische Versorgung immer wichtiger werden.

Last, but not least arbeiten wir mit unseren Grundlagenwissenschaftlern eng zusammen. Hier sind wir als Zahnmediziner Mitglied im Zentrum für biomedizinische Ausbildung und Forschung. Darüber haben wir Zugang zu den Labors der Grundlagenforscher für all jene Fragestellungen, die wir nicht mit unserem eigenen Equipment in der Zahnmedizin beforschen können. Hier zeigt sich in besonderer Weise der Vorteil einer kleinen Universität, in der jeder fast jeden kennt. Über die Kooperation mit dem Studium fundamentale habe ich bereits gesprochen.

Die Nähe zu unseren Wirtschaftswissenschaftlern bietet auch ein tolles Potenzial für eine interprofessionelle Zusammenarbeit, beispielsweise auf dem Gebiet der Gesundheitsökonomie und der wirtschaftlichen Praxisführung. Man kennt sich und die Bereitschaft für Kooperationen ist da, aber auch bei uns hat der Tag nur 24 Stunden und wir können leider noch nicht jedes Potenzial heben, das sich anbietet.

Hier finden Sie Informationen zum Festakt und zur Universität.


Mehr zum Thema


Kommentare

Leserkommentare (0)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können