Universitätsklinikum Jena
sp/pm
28.06.13 / 09:30

Mini-Kamera ersetzt Abformlöffel

Der Zahnabdruck mit dem Löffel ist passé. Als erste Universitätsklinik in Deutschland lehrt Jena angehende Zahnärzte, mit einer digitalen Mini-Kamera Zahnabdrücke im 3-D-Format herzustellen.




Der kleine Kamerakopf gleitet über die Zähne, ohne sie zu berühren. Sofort erscheint auf dem Bildschirm ein digitales 3D-Gesamtbild, so dass der Patientin der sonst übliche Biss in eine Abformmasse erspart bleibt. 

Studenten profitieren von der industriellen Entwicklung

"Wir sind sehr stolz, die Kamera ‚Cerec Omnicam’ für ein Studienprojekt nutzen zu können“, sagt Prof. Dr. Harald Küpper, Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde am Universitätsklinikum Jena (UKJ). Jena gehört zu den ersten Universitäten in Deutschland, die mit dieser neuen Aufnahmetechnik arbeiten.

Sehen im dunklen Innenraum

"Die Mundhöhle ist, wie der Name schon sagt, ein dunkler, geschlossener Raum und daher optisch schlecht darzustellen“, so Küpper. Das gesamte Gebiss mit einer einzigen Aufnahme in allen drei Dimensionen zu erfassen, sei nicht möglich. Eine Kamera, die dies könnte, wäre viel zu groß. Erschwerend, sagt Küpper, wirkt sich dabei auch die Position der Zunge aus.

Durch ihre Lage im Innenraum der Mundhöhle verdeckt sie oft die Sicht auf die Zähne. Diese neue Kamera mit nur fingergroßem Kopf wird daher vom Zahnarzt in einer fließenden Bewegung in geringem Abstand über die Zähne geführt und erstellt dabei sukzessive viele Einzelbilder, die sich zu einem 3D-Gesamtbild zusammenfügen lassen. 

Ohne Würgereiz

"Die kleine Kamera- und auch die Rechnerleistungen sind heute so gut, dass das Bild nahezu simultan und in natürlichen Farben auf dem Bildschirm erscheint“, erläutert Küpper. Für den Patienten ist diese digitale Abformung nicht nur deutlich angenehmer, da bei dieser Methode der unangenehme Würgereiz, der bei vielen Patienten durch Abdruckmasse und -löffel hervorgerufen wird, gar nicht erst auftritt.

Das Verfahren läuft auch viel schneller ab: Kurz nachdem Dr. Oliver Schäfer die Zähne seiner Patientin im Behandlungsraum der Zahnklinik mit der Kamera erfasst hat, lässt sich mit der dazugehörigen Software ein Designvorschlag für die gewünschte Krone erstellen. Nachdem der Zahnarzt das endgültige Design der Krone festgelegt hat, gehen die Daten per Funk zu einer speziellen Schleifmaschine in den Nebenraum. Hier kontrolliert Dr. Eberhard Hofmeister, wie die Krone aus einem Keramikblock geschliffen wird.

Die neue Kamera wurde erst vor wenigen Monaten auf der weltweit größten Dentalmesse, der IDS, einem breiteren Publikum präsentiert. Seitdem stehen der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde auch neue Dentalkeramiken für die Kronenherstellung zur Verfügung.

So hat die VITA Zahnfabrik gemeinsam mit der Degudent GmbH und dem Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC eine neue glaskeramische Werkstoffgeneration vorgestellt. Küpper hierzu: "Das neue Material weckt als zirkondioxidverstärkte Lithiumsilikatkeramik große Hoffnungen und wird derzeit von mehreren Doktoranden der Poliklinik werkstoffkundlich und klinisch analysiert.“

Vorerst ein Test in der Ausbildung

Der gesamte Prozess - von der Aufnahme über das Design bis zum Ausschleifen - läuft schnell ab. "Für die Patienten bedeutet dies, dass sie lediglich zu einem Termin kommen müssen“, sagt Christian Schwarze, Produktmanager der Firma Sirona, die der Universitäts-Zahnklinik in Jena die neue Kamera zunächst als Leihgabe für ein Studienprojekt zur Verfügung gestellt hat.

Mehrwöchiges Warten auf das passende Stück entfällt für Patienten ebenso wie der Einsatz von Provisorien, da die Zahnrestauration sofort eingefügt werden kann. Die Kamera misst äußerst präzise und erfasst auch die Gegenzähne, was für einen physiologischen Biss nötig ist. "Das ist wichtig, denn wenn die Verzahnung nicht richtig funktioniert, können bei den Patienten Kiefergelenk-Erkrankungen entstehen, die wiederum teilweise für Kopfschmerzen bis hin zur starken Migräne verantwortlich sind“, erläutert Küpper.

Keramik mit Goldstandard

Studien zeigen laut Küpper, dass die für das Cerec-System bereits früher entwickelten Dentalkeramiken sehr widerstandsfähig sind und Zahnrestaurationen aus diesen Materialien teilweise schon jetzt dem Goldstandard entsprechen können. "Die neuen Keramiken haben ähnliche Eigenschaften wie der natürliche Zahnschmelz.“ Sie seien darüber hinaus dauerhaft optisch ansprechender als Restaurationen aus Metall oder Kunststoff und zudem biokompatibel, würden also keine Allergien hervorrufen.

Vor 25 Jahren haben der Zahnarzt Prof. Dr. Werner H. Mörmann und der Ingenieur Dr. Marco Brandestini die zahnmedizinische Methode Cerec entwickelt, bei der fehlende Zahnhartsubstanz digital wiederhergestellt wird und dann formkongruente Zahnrestaurationen aus industriell vorgefertigten Vollkeramikbrücken ausgeschliffen werden. Mithilfe der sogenannten CAD/CAM-Technologie, also der computergestützten Konstruktion und Herstellung, können heutzutage Inlays, Onlays, Kronen, Veneers und kleinere Brücken hergestellt werden.  

"CAD/CAM-Technologien sind mittlerweile zum unabdingbaren Lehrinhalt geworden“, resümiert Küpper. Dass sich die rund 60 Studierenden der Zahnmedizin in Jena mit der hochmodernen Technik vertraut machen können, freut ihn: "Eine Ausbildung ohne diese innovative Technik wäre  heute einfach nicht mehr zeitgemäß.“


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