Gesundheitswesen und Zahnmedizin in ChinaImpressionen aus dem Reich der Mitte |
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16. Mai
2009 - China ist ein Land der Gegensätze. Das gilt auch für
das Gesundheitswesen im Reich der Mitte. Die deutsche Zahnärztin
China, ein wachsendes Land mit derzeit rund 1,3 Milliarden Einwohnern, ist ein Land der Gegensätze. Fast jeder hat ein Handy, aber es gibt Menschen, die sich nur einmal im Jahr zum Essen Fleisch leisten können. Die Welt erlebte grandiose Olympische Spiele, jedoch die Armut wurde aus den Städten gesperrt. Es ist schwer, offizielle Zahlen und Angaben aus China zu bekommen. Beispielhaft sei hier eine Stadt mittlerer Größe mit 6,8 Millionen Einwohnern herausgegriffen: Nanjing in der Provinz Jiangsu (81 Millionen Einwohner) liegt 300 Kilometer westlich von Shanghai am Jangtze Fluss in der Volksrepublik China. Die Stadt Nanjing (heißt übersetzt: Süd-Hauptstadt) war vor Beijing (Nord-Hauptstadt) die Hauptstadt Chinas. Sie wird in Deutschland und anderen Ländern mittlerweile in einem Atemzug mit großen international tätigen Firmen wie Siemens, BASF,
Westliche Medizin und TCM In China gibt es mittlerweile zwei verschiedene medizinische Fachrichtungen, die an den Universitäten belegt werden können. Studiert man die "Western Medicine", ist das die bei uns sogenannte Schulmedizin. Studiert man die ganzheitlich orientierte "traditional chinese medicine (TCM)", so muss man auf jeden Fall beides lernen: die Schulmedizin sowie die alten empirischen Traditionen der chinesischen Medizin. Das Doppelstudium bestehe seit etwa fünf Jahren und sei aus Gründen des Patientenschutzes eingeführt worden, erklären Professoren der TCM-Universität in Nanjing. Die TCM besteht in der Regel aus sieben Unterfächern. Als TCM-Arzt wählt man später eine Fachrichtung aus und spezialisiert sich auf diesem Gebiet (quasi als Facharzt). Dazu gehören Akupunktur und Moxibustion, Tuina (die Lehre der manipulativen Techniken nach Meridiansystem, Facharztrichtung Orthopädie, mit spezieller Form der Kindertuina für Kinderärzte) oder Kräuter-Pharmakologie (mit Untergruppierungen unter anderem in Gynäkologie und innerer Medizin). Kräuterapotheke Betritt man eine TCM-Klinik, so ist das am Geruch erkennbar. Es riecht streng nach Kräutern und sonstigen Zutaten. Auch humane Plazenta wird verordnet. In der Kräuterapotheke stellen Apotheker die Tagesmischungen der Patienten nach Rezept individuell zusammen. Die Medikamente der "Western Medicine" gibt es - geruchsfrei - oft in einer Apotheke daneben. Die Chinesen vertrauen der westlichen Medizin sehr und gehen mittlerweile
Schmalspur-Ausbildung der Zahnärzte Die Ausbildung von Zahnärzten ist sehr schmalspurig. Man "lernt" Zahnarzt und hat mit dem restlichen medizinischen Studium nicht viel zu tun. Die Lehrweise im Frontalunterricht ist nur für die Vermittlung von bereits existierendem Wissen geeignet, Fakten werden nicht hinterfragt und Transferwissen ist nicht üblich. Die Zahnärzte durchlaufen verschiedene Stadien nach Ihrem Abschluss. Sie müssen zunächst unter Aufsicht behandeln und dürfen nicht alle Therapien durchführen. Nach mehreren Prüfungen wird das Spektrum der Zahnheilkunde breiter. Viele Zahnärzte, vor allem Frauen, machen diese weiteren Prüfungen jedoch nicht und arbeiten dann als untergeordneter Zahnarzt oder als Zahnarzthelferin in Privatpraxen. Zahntechnische Fähigkeiten, wie sie beispielsweise in Deutschland üblich sind, werden nicht vermittelt. Da der chinesische Zahnarzt normalerweise nur chinesische Zahnmedizin und nicht noch TCM studiert hat, ist es ihm nicht erlaubt, Akupunktur oder Ähnliches bei den Patienten anzuwenden. Zahnärztliche Hypnose wird kritisch beäugt. Kaum Bewusstsein für Zahngesundheit Der Chinese weist - wie bei Asiaten öfters der Fall - tendenziell einen verkleinerten Kiefer bei normaler bis großer Zahngröße auf, wodurch Platzmangel mit all seinen Folgen (Parodontalkrankheiten, Karies, Zahnfehlstellungen) ein typisches Problem darstellt. Nach Angaben von Dr. Sam Li von der Union Dental Clinic in Nanjing sind rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes kariesfrei. 80 Prozent hätten Karies, 90 Prozent Parodontalerkrankungen und 80 Prozent andere Munderkrankungen. Generell zeige sich ein Mangel an Bewusstsein für Zahngesundheit in der gesamten Volksrepublik China, erklären chinesische Zahnärzte aus Nanjing. Die meisten Menschen gingen weder zur Vorsorge, noch nähmen sie aufwendige Behandlungen wahr. Kinderzahnheilkunde ist in China gänzlich unbekannt. Auch hier ist es noch ein sehr langer Weg, bis es zu einer flächendeckenden Versorgung mit Prophylaxe, Kinderkronen (diese sind in China erhältlich) oder Füllungen kommt. Zu diesem Ergebnis kommen auch Studien der IAPD (International Association of Pediatric Dentistry). In der ganzen Jiangsu-Provinz mit über 81 Millionen Einwohnern gab es 2006 keine PAR-Behandlung und keine Behandlung mit Kofferdam, obwohl dieser durchaus zu erhalten ist. Im "Land der Mitte" ("zhong guo", chinesischer Begriff für China), wo das Essen eine zentrale Rolle einnimmt, muss auch eine Zahnpaste "schmecken". Daher bieten die Hersteller verschiedene Geschmacksrichtungen an, die teilweise für westliche Gaumen eher
Öffentliches Gesundheitssystem In der Versorgung der chinesischen Bevölkerung dominiert das öffentliche Gesundheitssystem. Möchte ein Chinese Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung werden - das betrifft 99 Prozent - zahlt er zunächst 1 000 RMB (Die Volkswährung Renminbi RMB wird international CNY abgekürzt. Ein Yuan entspricht zehn Jiao, das entspricht 100 Fen. Rund 10 RMB entsprechen einem Euro, die Kaufkraft innerhalb Chinas entspricht 10 Euro). Danach zahlt der Patient für Behandlungen nur noch 15 Prozent. Den Rest von 85 Prozent zahle die chinesische Krankenversicherung, berichtet Dr. Sam Li aus Nanjing. Der größte Teil der Chinesen (90 bis 95 Prozent) geht zur Zahnbehandlung in die öffentlichen Kliniken; nur etwa fünf bis zehn Prozent suchen den Privatzahnarzt auf. In den öffentlichen Kliniken ist die Behandlung günstiger, jedoch vom Standard durchaus niedriger. Es gibt kein Terminvergabesystem, so dass Wartezeiten für Behandlungen durchaus Stunden bis Tage dauern können. Ein chirurgisch tätiger Zahnarzt in einer öffentlichen Klinik hat um die 100 Patienten pro Tag und arbeitet alleine ohne Stuhlassistenz. Die öffentlichen Zahnkliniken öffnen von acht bis zwölf Uhr und dann wieder von 14.30 bis 16.00 oder 17.00 Uhr. Danach hat fast jeder in der Stadt Feierabend. Privatzahnklinik im Kommen Aus einer neuen wirtschaftlichen Dynamik heraus entwickeln sich in China immer mehr Privat-Zahnarztpraxen, auch "Privatkliniken" genannt. Die Behandlungsform der "four-handed-dentistry" (Zahnarzt mit Assistenz) gibt es nur in den Privatkliniken. Man will hier den Patienten das Gefühl von Luxus und exzellenter Dienstleistung geben, was in China überaus wichtig ist. Service und das Patient-Behandler-Verhältnis sind erst in einer solchen Privatklinik vorhanden. Hier können auch Behandlungstermine gemacht werden. Die Kliniken werben ohne Einschränkungen mit Ihren Leistungen. So entrollen sich Riesenplakate an den neu gebauten Wolkenkratzern. Die Werbemöglichkeiten sind, wie mittlerweile in Deutschland, auf TV, auch in Taxis, auf Zeitungen und Magazine ausgedehnt. Die Öffnungszeiten sind kundenorientiert (zum Beispiel Montag bis Freitag 8.00 bis 20.30 Uhr und Samstag und Sonntag 9.30 bis 17.00 Uhr oder nach Vereinbarung.) Der Zahnarzt versteht sich hier als Dienstleister. Das Wartezimmer einer Privatklinik ist grundsätzlich mit Loungesofas und Glastischen ausgestattet und an der Rezeption sitzt eine Chinesin, die eventuell auch einen Satz Englisch spricht. Dienstleistung spiegelt sich auch in den ganzen Behandlungsabläufen der Privatkliniken wider. Das Behandlungsspektrum entspricht ungefähr dem einer deutschen Zahnarztpraxis. Jedoch sind die Kundenwünsche nicht immer unbedingt medizinisch notwendig. So würden Tausende der Chinesen ein Bleaching oder eine PZR zur Kosmetik (weiße Zähne) machen lassen.
Die Gewinnspanne liegt bei 60 bis 80 Prozent. Personalkosten sind extrem klein, wobei die Kosten für Marketing beträchtlich sind. Durch Praxiswerbung versuchen die chinesischen Kollegen auf die Zahngesundheit hinzuweisen. Die Dan-De Clinic in Nanjing beispielsweise betreibt eine mobile Zahnarztpraxis. In dem modernen umgebauten Wohnwagen, der sogar digitales Röntgen beherbergt, werden fünf Prozent der Patienten der Klinik behandelt. 95 Prozent gehen in vier weitere Filialen, in denen dann auch komplexere Behandlungen durchgeführt werden können. Der Van fährt die reichen Compounds (Wohngebiete) an und bietet Service vor Ort. Nach Berichten zweier privater chinesischer Zahnarztpraxen in Nanjing sind die Preise in den Privatkliniken für die dortigen Verhältnisse sehr hoch und erreichen fast westliches Niveau. Jedoch variieren sie sehr zwischen den verschiedenen Privatkliniken: So kostet etwa eine Endobehandlung 1 000 RMB oder woanders 6000 RMB, eine NEM-verblendete Krone 1 300 RMB, eine keramikverblendete Edelmetallkrone 2 800 RMB, eine CAD-CAM-Krone 5 000 RMB, eine PAR-Behandlung pro Termin 500 RMB, ein Implantat 10 000 bis 25 000 RMB, eine KFO-Behandlung 20 000 RMB (Umrechnungskurs 10 RMB entsprechen etwa 1 Euro). aDie chinesischen Zahnärzte in Nanjing in privaten und öffentlichen Kliniken sind sehr wissbegierig, lernwillig und immer interessiert, westliche Zahnärzte in ihrer Klinik anzustellen, Know-how zu erwerben und dann alles selbst so zu machen. Die Kunst des Kopierens spielt in der chinesischen Mentalität - anders als bei uns - eine wichtige kulturelle Rolle. Leider hat dieses Bestreben, Wissen und Können weiterzugeben, in der Markenindustrie bekanntlich mit den Raubkopien westlicher Produkte zu erheblichen Problemen geführt. Dr. Angelika Heel Deidesheimer Str. 1 67127 Rödersheim-Gronau
zm 99, Nr. 10, 16.05.2009, Seite 102-106 |
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